Zeitung Heute : Das Gruseln lernen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn das nicht West-Berlin ist! So tiefes West-Berlin, dass ich noch nie da gewesen bin. Nach Marienfelde kommt man nicht einfach so, aus Lust und Vergnügen. Ost-Berliner kennen sich da viel besser aus. Waren sie der DDR entkommen, wurden viele von ihnen hier, im Notaufnahme-Lager, erst einmal eingesammelt. Und dann vermessen, verhört, zusammengepfercht und abgefüttert. Manchmal auch ausspioniert. Die Stasi war überall. Und auch im Westen mussten die Flüchtlinge gleich wieder Schlange stehen, wie in der DDR. Irgendwie hatten sie sich das Paradies der Freiheit anders vorgestellt.

Vor 50 Jahren hat Theodor Heuss das Lager eröffnet, vor zehn Jahren wurde ein Verein ins Leben gerufen, der hier eine kleine Erinnerungsstätte eingerichtet hat. 1993, da gab es längst keine ostdeutschen Flüchtlinge mehr. Im Januar 1990 waren noch 5731 Menschen übergesiedelt, im Juni 575, im August kam keiner mehr. Aber dann, im September, stand plötzlich noch mal einer da. Das weiß ich, weil ich jetzt doch mal in Marienfelde war. Nicht zum Vergnügen. Aber als Bildungsreise ist der Ausflug durchaus empfehlenswert.

Wie beklemmend das Leben in den Mietskasernen hier war, kann man beim Anblick der Musterwohnung erahnen, die hier eingerichtet wurde. Eine Zelle mit Stockbett und kratzenden Wolldecken wie im Liegewagen der Deutschen Bahn, zwei andere Zimmer sind nur durch einen Vorhang getrennt, jedes mit zwei solcher metallenen Doppeldecker, die ans Gefängnis erinnern: kein Wunder, dass einige Menschen sich da hassen lernten. Auf Fotos sieht man, wie sie Schlange standen, aus Blechnäpfen ihr Essen aßen, mit nacktem Oberkörper vor dem Amtsarzt Schlange standen. Und dann die ganze Bürokratie. An den Wänden hängen Vorschriften und Verbote, ein großer Wäschekorb in der Mitte eines Raums ist bis zum Rand mit Stempeln gefüllt.

Man kann etwas ahnen von den Verhältnissen – aber die Phantasie des West-Berliners reicht nicht aus für die Wirklichkeit, wie Julia Franck sie in ihrem gerade erschienenen Roman „Lagerfeuer“ beschreibt. Da gruselt’s einen. Erst vor der DDR – wer das erste Kapitel gelesen hat, ist vor der Ostalgie für immer gefeit – und dann vor dem Lager. Das Misstrauen, die Enge, die psychische, auch physische Gewalt, der Ekel vor dem anderen, das alles ist so eindringlich geschrieben, dass man es körperlich zu spüren meint. Die Schriftstellerin weiß, wovon sie schreibt: Als kleines Mädchen hat sie selber acht Monate im Lager gelebt.

Ein reines Museum ist Marienfelde auch heute nicht, ein Lager ist es immer noch, eine Welt für sich. Nur dass man nun russisch spricht. Heute werden hier Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion untergebracht.

Fremd bleibt mir Marienfelde, auch außerhalb der Lagermauern – eine Vorstadt, keine Großstadt. So ergreife ich die Flucht in mein schnuckeliges Schöneberger West-Berlin.

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66-80, Mittwoch bis Sonntag 12 bis 17 Uhr, Eintritt frei. Julia Franck, „Lagerfeuer“, DuMont Verlag, 19,90 Euro.

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