Zeitung Heute : Das Gut der Bösen

Schulungsräume, Schießstände, ein Bunker – im niedersächsischen Dörverden haben sich Nazis niedergelassen. Das Dorf wehrt sich

Britta Buchholz[Dörverden]

Es nieselt, aber das stört die Demonstranten nicht. Sie stehen an einem Jägerzaun, 600 Leute mit Wut im Gesicht und Transparenten in der Hand, und brüllen aus vollem Hals. „Für das Leben, Nazis von der Straße fegen“, skandieren sie. Hinter dem Jägerzaun wohnen die Nazis. Da liegt ein Idyll. Ein großes, grünes Gelände mit Fachwerk- und Backsteinhäusern unter Buchen. Hier im beschaulichen Niedersachsen, im kleinen Dörverden, will Jürgen Rieger heimisch werden, ein Mann, den der Verfassungsschutz als „obsessiven Rassisten“ einstuft, der vorbestraft ist wegen Körperverletzung und Volksverhetzung und als Rechtsanwalt Neonazis wie Horst Mahler verteidigt. Und hier entstand ein Widerstand, dem sich eine ganze Region anschloss. Über das thüringische Pößneck, wo Rieger auch eine Immobilie hat, wo die Verunsicherung auch groß ist, aber die Gegenwehr klein, schrieb die „Thüringer Allgemeine“: „Dass es gemeinsam auch anders geht, zeigt ein Dorf in Niedersachsen.“

Dörverden, ein Vorort von Verden, liegt zwischen Bremen und Hannover. 10000 Menschen leben hier auf mehreren Dörfern, zwischen Wiesen und Kühen. Der Heisenhof, ein ehemaliger Bundeswehr-Stützpunkt, liegt direkt an der Bundesstraße 215 im Ortsteil Drübber. Er bietet gut 300 Personen Platz. Schulungsräume, Schießstände, unterirdische Bunker – ein perfekter Spielplatz für Nachwuchsnazis. „Wir werden auch Tagungen durchführen“, hat Rieger schon angekündigt, was den Dörflern Schauer über den Rücken jagt. Soll das hier etwa werden wie einst in Hetendorf? Hetendorf liegt bei Celle, und da hatte Rieger schon ab 1978 Sonnenwendfeiern und wehrsportähnliche Übungen veranstaltet. Manchmal war die Wiking-Jugend im Gleichschritt durchs Dorf marschiert. Erst 1998 wurde das Schulungszentrum enteignet. Auch der Verfassungsschutz vermutet nun, dass Dörverden ein neuer Treffpunkt für Nazis aus ganz Deutschland werden könnte.

Im April letzten Jahres hat Rieger den Heisenhof gekauft, für 250000 Euro, und zwar offiziell für die Wilhelm Tietjen Stiftung für Fertilisation, was seriös klingt, aber undurchsichtig ist. Dort ist Rieger nun Geschäftsführer, die Zentrale liegt in London – viel mehr als ein Briefkasten ist das nicht. Was das für eine Fruchtbarkeitsforschung ist, die in Dörverden gemacht werden soll? Am Telefon sagt Rieger, kurz angebunden: „Fruchtbarkeitsforschung bedeutet, dass Menschen geholfen werden soll, die nicht die Möglichkeit haben, Kinder zu bekommen.“ Bei weiteren Fragen wird er ärgerlich: „Sehen Sie doch einfach mal, was draus wird, so in zwei Jahren.“ Von Reagenzglas-Ariern wird im Ort nun spekuliert, aber keiner weiß mehr, und dass macht die Angst noch größer.

Dörverden ist kein soziales Idyll. Das ehemalige Kasernengelände war Auffanglager für Spätaussiedler, der Ausländeranteil liegt mit über acht Prozent recht hoch, und die Integration klappt nicht gut. Die Zugezogenen wohnen isoliert, in Wohnblocks am Dorfausgang, und deshalb gibt es Dörverdener, die, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, sagen: „Ist doch ganz gut, wenn die Rechten da sind, dann werden die Ausländer nicht so frech.“

Die meisten aber machen mobil. Sie organisieren Demos zum Zaun des Heisenhofes, die Kassiererin im Supermarkt trägt einen Anti-Heisenhof-Sticker mit einem durchgestrichenen „h“ darauf, und das örtliche Sanitärunternehmen hat es abgelehnt, den Rechten ein Badezimmer zu verkaufen. Das Dörverdener Bündnis gegen Rechtsextremismus liest sich wie das Vereinsregister. „In der Region beobachten wir sehr viel zivilgesellschaftlichen Widerstand“, sagt Wolfgang Freter vom Niedersächsischen Verfassungsschutz. Das sei bundesweit herausragend.

Auf seinem Gut in Dörverden ist Rieger der absolute Anführer, und er hat strikte Anweisungen erlassen. Sich mit den Bewohnern zu unterhalten, ist unmöglich.

Ein Besuch vor ein paar Wochen. An einen Lieferwagen lehnen zwei glatzköpfige Mittzwanziger. „Wir wollen nicht mit der Presse reden“, sagt einer der beiden, „da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht.“ Das graue T-Shirt bedeckt eine Tätowierung. Etwas davon ist zu sehen. Runen. Die Männer lassen auch niemanden ins Haus.

Nur eine hat mal gesehen, was das ganze Dorf sich düster ausmalt. Annika, 17 Jahre, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung sehen will. Zwei Monate war sie mit einem Rechten zusammen, heute ist ihr das peinlich. Annika hat blonde Haare, sie trägt lila Lidschatten an diesem Tag, ein enges Shirt und große silberne Ohrringe. Sie sitzt in einem Eiscafé in Verdens Innenstadt und sagt, dass es im Heisenhof „wie in einem Jugendtreff“ aussehe: Billardtische und Bierflaschen – nur dass Hakenkreuze an der Wand sind. Ein Junge habe sie gefragt „Was hältst’n von Ausländern?“ – „Ich habe Freunde, die sind Ausländer“, habe sie geantwortet. Daraufhin sei es schlagartig still gewesen, alle hätten sie angestarrt. Annika sagt: „Einer hat dann gesagt: Wir sind nicht rechtsradikal, aber Deutschland soll deutsch bleiben und nicht verseucht werden.“

Es ist Angst, was die Dörverdener zusammen halten lässt. Die Vorstellung, dass ihre Kinder zu den Nazis gehen und dann selbst welche werden. Das liegt auch an der Geschichte mit Malte B. Der Junge aus Verden, 21 heute, Koch-Lehrling, einer der ihren – und dann wohnte er plötzlich auf dem Heisenhof. Maltes Mutter sagt heute für Zeitungen: „Meinen Sohn habe ich an die Nazis verloren.“ Seinem Bruder sollen schon öfter die Scheiben eingeworfen worden sein.

Malte B.s Bruder besitzt ein Geschäft in Verdens Innenstadt, aber seinen Namen oder den seines Ladens – all das will auch er nicht veröffentlicht haben. Auch eine Form von Angst. Rechtssein färbt ab, denken die Leute offenbar, dem will er nicht noch mehr Angriffsfläche bieten. Er sitzt auf seinem Verkaufstresen, weißes Ralph-Lauren-Hemd, Brille, eine Glatze, aber nicht so eine Glatze, die Schwester auf einem Hocker daneben, blond und still. „Der Malte wurde von unserer Mutter total verhätschelt“, sagt sie. Der Malte war das Nesthäkchen der Familie, das jüngste der fünf Geschwister. Malte hatte aber auch eine Menge Probleme. Er ging auf eine Sonderschule. „Und er hat immer geklagt, dass man ihm das Mofa geklaut und das Taschengeld abgenommen hat“, sagt der Bruder. „Du weißt ja gar nicht, wie das ist“, habe er immer gesagt und meinte: immer Opfer sein. Als er die ersten rechten Jungs kennen gelernt habe, sagt der Bruder, „ist er da irgendwie reingeschlittert“.

Die, die verhindern wollen, dass noch mehr Kinder nach rechts schlittern, die Unterstützer des Bündnisses gegen Rechts, sitzen 100 Meter Luftlinie vom Heisenhof entfernt zusammen. Eine Aktion nach der anderen planen sie hier an diesem Tag: ein Musikfestival, ein Fußballturnier und Postwurfsendungen. Die Tische haben sie in U-Form aufgestellt, es gibt Beck’s-Bier und Apfelsaft, dazu aufgetaute Anti-Heisenhof-Amerikaner. Eine Bäckerei hatte die Kuchen mit dem durchgestrichenen „h“ für die letzte Veranstaltung gebacken, das „h“ aus Zuckerguss. Rainer Herbst, der grauhaarige CDU-Bürgermeister, grünes Sakko, kleine Karos, sagt: „Wir wollen Herrn Rieger klar machen, dass er hier nicht erwünscht ist.“

Da ist zum Beispiel die Braune-Tonnen-Aktion. Ende des vergangenen Jahres hatte die ortsansässige NPD, in der natürlich auch die Heisenhof-Bewohner vertreten sind, eine Schuloffensive gestartet. Vor den Schulen im Kreis hatten sie die NPD-Jugendzeitung „Der Rebell“ verteilt. Da hatten die Schulleiter eilends braune Tonnen aufstellen lassen, angemalte Mülleimer, in die die Kinder die Propaganda entsorgen sollen. Gleichzeitig hatten Schüler ein „Bündnis kontra Rassismus“ gegründet. Im Mai haben sie sogar einen Preis, den „GriBS-Preis für Bürgerengagement und Solidarität“, bekommen, aber dafür sind ihre Gesichter jetzt auch auf Steckbriefen der Rechten zu sehen.

Immerhin ist auf den Widerstand zurückzuführen, dass im Heisenhof seit kurzem niemand mehr wohnen darf. Der Landkreis begründete das mit fehlenden Baugenehmigungen und ungeklärter Abwasserentsorgung. Früher war das Gelände an Bundeswehrleitungen angeschlossen – die sind gekappt. Und dann haben Unbekannte Rieger auch noch die Kanalisation zugeschüttet; jetzt lässt er sein Anwesen bewachen. Trotzdem finden noch Veranstaltungen statt. Gerade erst haben sich die Mitglieder der „Artgemeinschaft Germanische Glaubens-Gemeinschaft“ getroffen. Sie propagiert die „gleich geartete Gattenwahl als Gewähr für gleich geartete Kinder“, Leiter: Jürgen Rieger. Offiziell kamen sie, um die Dachrinnen sauber zu machen.

„Mir ist der Widerstand schnurzpiepegal“, sagt Rieger am Telefon. „Kampf gehört zum Leben.“

Morgen veranstaltet das Bündnis gegen Rechts wieder einen Sonntagsspaziergang an den Zaun des Heisenhofes.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben