Zeitung Heute : Das Handy auf dem Weg zur Normalität

PETER KNAAK

Vor fünf Jahren begann mit den digtialen Netzen der Siegeszug des Mobiltelefons VON PETER KNAAK

Im Sommer 1992, also erst vor fünf Jahren, begann das Handy mit dem Start digitaler Funknetze einen Siegeszug ohnegleichen.Inzwischen scheint es allgegenwärtig zu sein und scheidet die Geister in kniggetreue Nichttelefonierer und naßforsche Typen voller Telefonierwut.Wer glaubt, das könne schlimmer nicht kommen, der irrt.Deutschland ist mit knapp 70 Mobiltelefonen je 1000 Einwohner ein Entwicklungsland im Vergleich zu Schweden und Finnland, wo gemessen an der Bevölkerungsdichte etwa viermal mehr Mobiltelefone benutzt werden.Trotz der Übertreibungen im Handymißbrauch ist Mobilfunk auch in Deutschland auf dem Weg zur Normalität.Die abnehmende Zahl der Möchtegern-Mobiltelefonierer, die mit Handyattrappen hinterm Lenkrad ihr Ego aufwerten, zeigt das am deutlichsten.Fünf Jahre Massenmarkt Mobilfunk - das Jubiläum, wenn auch noch nicht ganz erreicht, ist eine Rückschau wert. So jung das Mobiltelefon auch ist, seine Anfänge erlebte einige unserer Leser gar nicht.Aus der Nomenklatur der Funknetze sind die ersten inzwischen herausgefallen, das 1958 installierte A- und das durch frühe "Tatort"-Serien als Polizeiautotelefon berühmt gewordene B-Netz gibt es nicht mehr.Das C-Netz, um die Aufzählung fortzusetzen, existiert mit rund 550 000 Kunden immer noch, wenngleich der Teilnehmertrend stetig nach unten weist.Um so lebendiger geht es dagegen bei D1, D2 und E1 zu.Beide D-Netze bringen es derzeit zusammen auf rund 5 Millionen Teilnehmer.Das E-Netz kämpft noch immer mit dem Makel der späten Geburt und wird die erste Million sicherlich, wenn auch nicht gleich morgen erreichen. Abwärtstrend der Preise und Zuwachs in den Teilnehmerzahlen - das sind die zwei Seiten der Medaille Mobilfunk.Der Tagesspiegel berichtete am 21.Mai 1992, Mannesmann-Manager würden für das Jahr 2000 mit 2,5 Millionen Teilnehmern rechnen.Wenn es nach dieser Prognose ginge, müßten wir uns schleunigst für das Jahrtausend-Silvester wappnen.Kurz vor dieser Prognose, zur CeBIT 1992, stellten die Netzbetreiber DeTeMobil und Mannesmann Mobilfunk erste Telefone vor.Der legendäre "Knochen", das Motorola International 3200, und den C-Netztelefonen nachempfundene "Schleppis" im Format einer wohlgefüllten Damenhandtasche sollten fast 4000 Mark kosten.Das waren immerhin 2000 Mark weniger als dazumal ein Autotelefon für das C-Netz kostete.Solche Preise ringen dem Betrachter der Mobilfunkszene nur noch ein mildes Lächeln ab, wenn sein Blick auf Lockvogelangebote fällt, bei denen Handys für eine Mark geradezu verramscht werden.So wie die Gerätepreise entwickelten sich auch die laufenden Kosten für den Mobilfunkanschluß.Allein der monatliche Grundpreis summierte sich beim Netzstart auf fast 2000 Mark, gerechnet über die heute übliche Laufzeit von 24 Monaten.Die Minutenpreise lagen knapp unter 1,70 Mark.Die Talfahrt der Preise begann jedoch bereits wenige Wochen nach dem Netzstart und hält bis heute an: Wer wenig telefoniert, muß über die 24-monatige Mindestlaufzeit nur noch mit rund 700 Mark Fixkosten rechnen.Akzeptiert man heute eine hohe Grundgebühr von 70 oder 80 Mark wie dazumal üblich, kosten die Gespräche in der teuren Hauptzeit deutlich unter 1,40 Mark pro Minute.Im Gegenzug stieg die Mindestvertragsdauer von Null auf 24 Monate - Zeit genug für die Anbieter, die Kosten zum Gewinnen eines neuen Kunden (etwa 1000 Mark) einzuspielen. Rasant wie die Preise entwickelten sich die Mobiltelefone.Tragbare Geräte spielen heute keine Rolle mehr, Festeinbaugeräte für das Auto sind Exoten, das Handy dominiert. Die Netzbetreiber in Deutschland dürfen auch im eigenen Namen Kunden betreuen, anders als beispielsweise in England, wo dies nur Service-Providern gestattet ist.Ging man vor fünf Jahren noch davon aus, daß lediglich 20 Prozent aller Kunden direkt bei den Netzbetreibern unter Vertrag kommen, sind es heute bereits rund 60 Prozent, Tendenz steigend.Die Folge: Die Marktmacht der Netzbetreiber wächst beständig und schränkt die Konkurrenz ein. Die Kosten des Netzausbaus fielen höher aus als erwartet, zum Beispiel um eine höhere Sprachqualität zu erreichen und dicht bebaute Städte sicher abzudecken.Das und der zögerliche Kundenzuwachs beim Nachzügler E-Plus schrecken andere Unternehmen vom Abenteuer Mobilfunk ab.Die Folge: Bei der Ausschreibung für die E2-Lizenz des vierten Mobilfunknetzes gab es nur noch einen Bewerber, der die Bedingungen diktieren konnte.Nicht nur, daß die Lizenz billiger vergeben wurde als erhofft, dieses vierte Funknetz braucht auch nicht mehr flächendeckend zu arbeiten.Konkurrenz durch E2 in ländlichen Gebieten ist damit ausgeschlossen. Fünf Jahre nach dem Netzstart ist Mobilfunk in Deutschland eine feste Größe geworden.Das Handy gehört zum Stadtbild, tausende Arbeitsplätze und Milliardenumsätze wurden generiert.Dieser Trend wird sich nicht umkehren lassen.Jede Preissenkung treibt den Anbietern neue Kunden hunderttausendfach in die Arme.Spätestens zur Jahrtausendwende ist mobiles Telefonieren so alltäglich wie das Zähneputzen.

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