Zeitung Heute : Das Haus Berlin

Junge, Alte, Kleine, Große, Verbrecher und Gerechte: Die Stadt, die einmal zwei Städte war, vereint sie alle. An einem Ort besonders

Nadja Klinger

Rings um den Franz-Mehring-Platz schlagen die Gehwege Falten. Es sind Wege aus kleinen, quadratischen Platten. Sie wurden in den 70er Jahren in der Hauptstadt der DDR verlegt. Es ist August 2006. Die Platten liegen immer noch. Dicht an dicht steigen sie zu Hügeln an, fallen ab, steigen wieder an. Sie liegen da wie Stoff, unter dem sich viel bewegt hat.

Einst hieß der Platz Küstriner Platz. Seit 1867 fuhr vom nahe gelegenen Wriezener Bahnhof aus die Ostbahn nach Küstrin in die Mark Brandenburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Bahnhof zerstört, Küstrin wurde geteilt, der Stadtkern hieß nun Kostrzyn. Und aus dem kaputten Bahnhofsgelände am Küstriner Platz in Berlin-Friedrichshain wuchs 1969 ein Haus. Ein Kasten mit sieben Stockwerken und endlos langen Fluren. Die Tageszeitung der SED zog ein. „Neues Deutschland“. Der Name der Zeitung kam in riesigen Leuchtbuchstaben aufs Dach.

Sie sind immer noch dort oben, obwohl die Zeitung das Haus 1995 für einige Zeit verlassen hatte. Es kostet, Buchstaben zu demontieren. Es kostet nichts, sich einfach auf die Worte auf dem Dach einzulassen. Im Gegenteil. „Ich nehme sie wie ein Credo“, sagt eine Mieterin.

Sie und die anderen Mieter auf den sieben Etagen im Haus sind eine bunte Bürogemeinschaft von Künstlern, Handwerkern, Vereinen, Unternehmensberatern, Rechtsanwälten. Sie kommen aus Ost- und West-Berlin, sind in der DDR groß geworden oder in der Bundesrepublik. Sie haben den Mauerbau vor 45 Jahren erlebt oder nur in der Schule davon gehört. Sie sind am 9. November 1989 vom Fernseher weg auf die Straße gestürzt. Oder sie spüren die Mauer heute noch. Sie sind guter Hoffnung oder geben nicht auf, haben Glück gehabt oder das Beste aus ihrem Schicksal gemacht. Sie sind das neue Deutschland, in einem Haus.

Jeden Morgen machen sie einen großen Schritt in den alten Paternoster. Sie grüßen in die Büros, deren Türen offen stehen. Sie sind Nachbarn. Es verbindet sie die Chance, zu überleben mit dem, was sie in ihrem Büros tun, denn die Mieten sind klein. Und es ist eine Art von Demokratie in der Demokratie, die in diesem Haus herrscht. So viele Lebensläufe – da dürfen unbehelligt auch die Leute von der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung e. V.“ hier existieren. Viele von ihnen waren hochrangige Stasioffiziere, Mitarbeiter des MfS. Sie tragen das Wort „Siegerjustiz“ wie ein Schild vor sich her und rennen damit gegen jeden Gerichtsprozess gegen Stasimitarbeiter an, hetzen gegen die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen, geifern gegen die Opfer, diffamieren ehemalige Bürgerrechtler. Berliner Politiker von CDU und Grünen plädieren dafür, diese Männer vom Verfassungsschutz überwachen zu lassen. Auch sie gehören zum neuen Deutschland, aber ankommen werden sie nie. Man muss sie nicht besuchen.

Die Flure sind lang und glatt, und sie riechen nach Putzmitteln und Linoleum. Eigentlich müsste der erste Mensch, den man hier trifft, der Walter sein. Walter war in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit beim „Neuen Deutschland“, der Zeitung. Walter ist kürzlich in Rente gegangen, aber er ist immer noch da. Alle sehen sie ihn hier noch, in Gedanken. Läuft hier irgendwo ein Radio, oder ist es Walter, fragen sie, weil ihnen sein Endlosgerede noch in den Ohren klingt. Er war – er ist – so etwas wie der gute Geist des Hauses, auch wenn keiner zu wissen scheint, wohin er verschwunden ist. Vielleicht ist er auch so etwas wie ein Symbol. Ein Bindeglied zwischen allen, die jemals hier im Neuen Deutschland arbeiteten. Der Beweis, dass Biografien miteinander existieren können.

Walter, erzählen die Mieter, war ein bärtiger Mann in einem Büro im Erdgeschoss. Das Büro war bis unter die Decke mit Vergangenheit zugestopft. Lesbares, Hausrat, Bürokram – Tinnef aus der DDR hatten die Kollegen in den vergangenen Jahren bei ihm abgegeben. Und auf Weihnachtsfeiern des „ND“ schlurfte er in Stiefeln und rotem Mantel auf die Sprösslinge der Mitarbeiter zu. Walter sprach mit tiefer Stimme von Mützen, Turnbeuteln, Füllfederhaltern, die verbummelt worden waren. Er ermahnte sie, in der Schule aufzupassen und auf die Eltern zu hören. Und trotz aller Fehler schenkte er den Kindern was. Sie setzten auf ihn.

Aber dann kam die Bahn und meldete Besitzansprüche auf das Grundstück an. Ein langer Rechtsstreit begann. 1995 floh die „ND“-Zeitungsredaktion. „Walter, pack deinen Krempel ein!“, soll der Geschäftsführer gesagt haben. An dem Tag, da alle sich vom Acker machten, war bei Walter noch nicht eine Kiste gepackt. So ein Weihnachtsmann flieht nicht. Die Redaktion des „ND“ ging, Walter blieb und arbeitete einfach von hier aus weiter.

Nach langem Hickhack wurde der riesige Plattenbau Franz-Mehring-Platz 1 einer Grundstücksgesellschaft zugeschrieben, alle Nebengebäude bekam die Bahn. Als 2005 das „ND“ zurückkehrte, war Walter immer noch da. Seine Haare waren weiß, er trug eine rote Latzhose und einen langen Bart. Er war in all den Jahren durch die Etagen gezogen, redete und redete immer noch, warf mit Sprüchen übers Leben um sich, die er täglich wiederholte. Jeder, der ihm auf dem Flur begegnete, nahm ihm ein druckfrisches „ND“ ab. „Man muss ja nicht alles gut finden, was da drin steht“, sagt eine Mieterin, „aber man kann’s doch lesen.“

„Wir sind hier im Haus unter Freunden“, sagt Kurt Langendorf, der für die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes in der sechsten Etage sitzt. Langendorf, der Wirtschaftswissenschaften studiert hat, war Hochschullehrer an der Humboldt-Universität, bis ihn seine Partei, die SED, an die Gewerkschaftsschule an den Stadtrand schickte. Aber vor allem ist ein alter Kämpfer. Weil er, der Kommunist aus Mannheim, erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den Osten Deutschlands gegangen war, weigerte sich die DDR bis in die 70er Jahre, ihn als Opfer des Faschismus anzuerkennen.

1985 ist Langendorf dann in Rente gegangen – und 1990 musste er die Rente neu beantragen. Die BfA hatte sein Leben durchkämmt. In Wehrmachtsarchiven war sie darauf gestoßen, dass Soldat Langendorf bereits im Juli 1943 am Kursker Bogen erschossen worden war. „Ich lebe!“, sagte der alte Mann. Er brachte Zeugnisse, Papiere, Spuren, die er hinterlassen hatte, erzählte von seinem Leben in der DDR. Das war kein Beweis. Er musste nach Mannheim und die Unterlagen erbringen, mit denen er sich 1945 aus dem Krieg zurückgemeldet hatte. Als das erledigt war, kürzte man ihm die Rente. Er hatte in Staatsnähe gearbeitet. Einige Prozesse hat Langendorf schon gewonnen. Er bekommt monatlich 1500 Euro. Ein Westprofessor und -lehrstuhlleiter mit seinen Berufsjahren, sagt er, dürfte so 7000 bekommen.

Wenn er über seine Kameraden von einst redet, dann meist mit dem Zusatz: „Der ist bereits verstorben.“ Er ist ein Mann, den man heute Zeitzeuge nennt. Eine Rarität. Er spricht in Berliner Schulen zu den Kindern. Sie hören gespannt zu. Sie sind seine Hoffnung. Die Eltern und Lehrer sind es nicht. Die erklärten nicht einmal, warum Hitler an die Macht kam, sagt er. Jedenfalls konnte ihm die Frage noch kein Kind beantworten. Manchmal sitzt in seinem Büro eine Frau am Telefon, bearbeitet Anfragen von Schulen und schickt Zeitzeugen wie Langendorf los. Mehr als 15 Wochenstunden kann die Vereinigung nicht bezahlen. Sie bekommt so viel Geld, wie sie mit Hartz IV bekäme. „Aber es ist Arbeit“, sagt sie.

Auf derselben Etage wie Langendorf, am anderen Ende des Flurs, sitzt Angelika Suhr. Auch sie ist eine Kämpferin. Wenn aber Kurt Langendorf mit der Vergangenheit kämpft, dann kämpft sie mit der Gegenwart. Ihre 18 Quadratmeter Büro sehen aus wie die Kulisse eines Bühnenstücks: bunte Sessel, ein alter Koffer, ein nostalgischer Zylinder, Theaterrequisiten. Sie stellt Kaffee und Schokoladenplätzchen auf einen kleinen runden Tisch. Bitter plus süß wie das Leben. Anfang der 70er Jahre war sie Retuscheurin in einer Ostberliner Druckerei. Sie war beim Rat der Stadt, in einer Spedition, beim Wohnungsamt. Sie hat sich immer wieder neue Aufgaben gesucht, hat Büros geleitet, Arbeit koordiniert, Menschen in Bewegung gesetzt.

1990 fand sie dann einen Job bei Möbel Höffner im Westteil Berlins. Eine neue Zeit war angebrochen – man wechselte die Arbeit jetzt besser nicht mehr nach Gutdünken. Acht Jahre hielt sie es bei Möbel Höffner aus, dann war Schluss. „Mein Chef mochte keine dicken Frauen“, sagt sie. Sie arbeitete im Callcenter, half als Arbeitslose in Rentnerclubs und Schülertreffs. Dann kam Hartz IV. Weil ihr Mann verdiente, sollte sie keinen Cent bekommen. Im April 2005 hat sie also eine Casting-Agentur eröffnet.

Angelika Suhr betreut vor allem Leute, die auf dem Filmmarkt keiner mehr will. Sie sind über 35, gern über 45. Suhr sagt: „Sie sind interessant, sie haben Erfahrungen und den Willen, noch einmal über das, was sie bislang getan haben, hinaus zu gehen.“ Sie wirbt um Leute mit Konfektionsgröße XXL. Sie ist so was wie ein Versprechen, dass das Leben auch gerecht sein kann, sie boxt Unmögliches durch. Sie hat eine Filmproduktionsfirma gefunden, die Künstler und Statisten aus ihrer außergewöhnlichen Kartei nimmt – wenn auch nur die eine. Alle anderen maulen. Sie steht am Fenster ihres kleinen, freundlichen Büros, schaut über den Platz auf die Dächer Berlins und sagt: „Ich sehe, das ändert sich langsam.“ Es gibt eben Menschen, die immer das Gute sehen.

Fünfte Etage. Eine Palme steht hier, die Jörg Thurows Vater einst mitgebracht hat. Sie ist jetzt 1,80 Meter groß. Auf dem langen Stamm sitzt ein Puschel aus wenigen Blättern, die Thurows letzte Entlausungsaktion überstanden haben. Jörg Thurow, 28, eigentlich Einzelhandelskaufmann, ist noch so jemand, der dem neuen Deutschland etwas abtrotzen muss. Als er arbeitslos wurde, hat er sich also etwas einfallen lassen. Etwas Ungewöhnliches.

Seit Juni 2004 engagiert er junge Frauen, die wie Politessen gekleidet auf Großveranstaltungen und kleine Feste gehen und die Gäste für 2,50 Euro in ein Promille-Messgerät pusten lassen. Sie halten die Trinker dazu an, ihre Autos stehen zu lassen, bis das Gerät einen besseren Wert zeigt. „Promill-Streife“, heißt Thurows Unternehmen. Er preist es an mit der Wortgewandtheit eines Verkäufers.

Seinen ersten Einsatz hatte er zur Eröffnungsfeier fürs Olympiastadion im Sommer 2004. Zwei Wochen vorm Termin bekam er die Zusage. Lief eilig durch Berlin und suchte Frauen. Nach drei Tagen hatte er neun zusammen. Er hielt sich beim Fest in ihrer Nähe auf, um sie zu beschützen. Er hatte jetzt Verantwortung. Er suchte weiter nach Frauen und Veranstaltungen, wusch die Kostüme, die Oma bügelte die Schärpen. Der Bruder erledigt ein paar Transporte, der Vater sprang ein. Nach einem Jahr blieb ein bisschen Geld zum Leben übrig.

Das Büro gehört eigentlich seinem Vater, der es als Versicherungskaufmann gemietet hat. Beide rauchen sie hinter der geschlossenen Tür so viel, bis sie sich gegenseitig kaum noch sehen. An der Wand hängt ein großer Kalender, voll beschrieben mit Jörg Thurows Terminen. An den Sommerwochenenden ist er komplett ausgebucht. Er reist zu Großveranstaltungen in ganz Deutschland, zu Konzerten und Stadtfesten, ist in 40 Diskotheken in Berlin und Brandenburg unterwegs. Er hat den Berliner Polizeipräsidenten um Unterstützung dafür gebeten, Thurows Unternehmen als Präventivmaßnahme anzuerkennen. Er hat nie eine Antwort bekommen. Auch vom ADAC nicht, auch nicht von den Jugendpolitikern im Berliner Senat. Stattdessen hat er schon gegen zwei Firmen prozessiert, die seine Idee kopiert haben.

Er schläft nun vormittags und arbeitet bis nach Mitternacht. Sein Bruder hat auf Reisekaufmann umgelernt. Die Schwester hat heute angerufen. Sie wurde eben an der Universität in Greifswald immatrikuliert. Vater Thurow hat gejubelt. „Alle drei sind endlich unterwegs“, sagt er.

Um unterwegs sein zu können, machen junge Leute unten im ersten Stock den Führerschein, bei Herrn U. Die Fahrschule ist ein Ein-Mann-Unternehmen. Am Tage sitzt U. mit den Schülern im Auto, abends ist Theorieunterricht in seinem Büro. Die Zeiten, da Eltern ihren Kindern das Geld für den Führerschein zum 18. Geburtstag schenkten, hat U., der fast sein ganzes Leben lang Fahrlehrer ist, noch erlebt. Sie sind längst vorbei. „Niemand hat mehr Geld, jedenfalls nicht hier in der Gegend“, sagt er. Die Jugendlichen, vor allem Abiturienten, gehen für den Führerschein arbeiten.

Er sagt ihnen, dass sie 30 Stunden brauchen werden. Sie kalkulieren mit 20. Nach 20 kann er sie kaum zur Prüfung schicken. Die kostet dann auch noch mal 170 Euro. Es geht immer ums Geld in seiner Fahrschule. Um Geld, das nicht da ist, um Geld, dem man hinterherrennt. „Vor ein paar Jahren noch waren meine Schüler lockerer“, sagt U. „Jetzt haben sie das Gefühl, jeder Schritt, den sie tun, könnte falsch und nicht mehr korrigierbar sein. Sie fragen sich: Gehe ich den richtigen Weg?“ U. lässt sich nun nur noch im Voraus bezahlen. Und überhaupt. Berlin ist ein hartes Pflaster. Hier fährt man zunehmend aggressiv. Im Osten noch mehr als im Westen. Fahrlehrer U. und seine Schüler merken genau, wenn sie den ehemaligen Grenzstreifen passiert haben.

Noch sind es genug Schüler zum Überleben, aber es werden immer weniger. 1990 wurden in der Gegend die letzen DDR-Kinder geboren. Im Kopf rechnet er 18 Jahre drauf bis zur Volljährigkeit und kommt bei 2008 an. Nach 2008 also, sagt er, werden seine miesesten Jahre anbrechen.

Zweiter Stock. Graue Auslegeware. Ein Großraumbüro. Das „ND“. Neues Deutschland im neuen Deutschland, wie geht das? Karin Nölte hat den Sprung von der DDR-Journalistin der SED-Zeitung zur neutralen Beobachterin der wiedervereinigten Stadt schaffen müssen. Kann man das? Sie ist klein und drahtig. Sie wirkt, als hätte sie es sportlich genommen. Seit 1973 ist Karin Nölte beim „ND“, seit der Wende leitet sie die Lokalseiten. Ihre Zeitung schreibt dicht an den Interessen der PDS. 50 000 Exemplare verkaufen sich noch. Es ging bergab in Nöltes Journalistendasein und gleichzeitig bergauf. In zwei Jahren geht sie in Rente.

Dann ist sie im Alter der meisten Leser. Zweimal jedes Jahr wandern 1000 „ND“-Leser mit Redakteuren der Lokalseiten durch Berlin. Es sieht aus wie eine Demo, wenn sie daherkommen. Sie sind Genossen, Kollegen von einst, Kollektive und ganze Brigaden aus längst vergessenen DDR-Betrieben. Die Wanderungen vorzubereiten, das hält Nölte und Kollegen eigentlich zu sehr von der journalistischen Arbeit ab. „Aber wir …“ Nölte sucht nach dem Wort. „… dürfen einfach nicht damit aufhören.“

Die Wanderer vom „ND“ haben ihr Leben im Berlin von Hermann Henselmann gelebt. Der DDR-Architekt hat die Bebauung des Frankfurter Tors entworfen, Wohnhäuser und Läden an der Stalinallee, den Strausberger Platz, Kongresshalle und Haus des Lehrers am Alex. Als 1992 sein Leninplatz demontiert wurde, indem man das Lenindenkmal, nach dessen Konturen alle umliegenden Häuser entworfen waren, wegschaffte, lebte er noch. Er sah noch, wie die Ost-Berliner sich wehrten. Henselmann selbst wurde nach der Wende aber auch als Staatsarchitekt verschrien. Er war mit seinen Entwürfen zum Teil Kompromisse eingegangen, um in anderen Teilen seine Vorstellungen vom innerstädtischen Bauen durchzusetzen. Für so was stand man nach der Wende in der Öffentlichkeit mit dem Rücken an der Wand.

Kürzlich hat sein Sohn Thomas die Hermann-Henselmann-Stiftung ins Leben gerufen. Dr. Lutz Brangsch ist mit Thomas Henselmann im Vorstand. Er hat ein Büro in der vierten Etage am Franz-Mehring-Platz 1, er organisiert die Arbeit der Stiftung. Er will, dass Erbe und Tradition des Architekten gepflegt anstatt mit den Füßen getreten werden. Er will, dass die Bürger Berlins über Bauvorhaben gemeinsam und mit Sachverstand reden. Er verlangt wohl ein bisschen viel. Die Menschen regen sich erst, wenn, wie am Leninplatz, etwas abgerissen wird. Aus Prinzip. Und zu spät. Gegen das riesige Einkaufszentrum, das derzeit am Alexanderplatz entsteht, hat sich niemand gewehrt.

Zur ersten Veranstaltung der Henselmann-Stiftung im letzten Jahr kamen etwa 120 Leute. Es waren alte Architekten und ganz junge aus Ost und West. Sie redeten über Henselmann nicht als DDR-Architekt, sondern über die Bauhaus-Tradition, in der er arbeitete. Sie würdigten ihn. „Es ging um die Sache“, sagt Brangsch. Es ging um das, was den Alltag im Bürohaus des „Neuen Deutschland“ bestimmt: darum, aus dem Leben in dieser Stadt was zu machen, gemeinsam unter einem Dach, das vor dem Wetter schützt, mit der Sonne, die im Sommer brütend heiß in alle Zimmer fällt. Brangsch sagt: „Das findet man heute selten.“

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