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Zeitung Heute : Das Herrenzimmer als Museumsraum

19.10.2006 00:00 UhrVon Michael Zajonz

Von James Simon bis Reinhold Würth: Das Museum hat immer von seinen Sammlern profitiert

Das Bode-Museum ist ein Paradebeispiel von public-private partnership. In dem 1904 eröffneten Haus wird neben dem Oberthema wilhelminischer Prachtentfaltung auch ein Lebensmotiv Wilhelm von Bodes orchestriert: die ökonomischen und intellektuellen Möglichkeiten von Staat und Privatsammlern zu vereinen, um aus Berlin einen Museumsstandort zu formen, der es mit Paris und London aufnehmen kann. Berlin, so ein Wunsch der Kaiserzeit, sollte zur Weltspitze aufschließen. Ohne Bode, der 1905 zum Generaldirektor der Königlichen Museen aufstieg, und „seine“ Sammler wäre das damalige Kaiser Friedrich-Museum nicht zu dem geworden, was es bis zur kriegsbedingten Schließung 1939 gewesen ist: das Museumsschloss der Kaiserzeit.

Für seine Förderung privater Sammler ist Bode nicht nur gelobt worden. Er verhalte sich, so die zeitgenössische Kritik, selbst wie ein vom Staat ausgehaltener Privatsammler. Ein Blick in die Sammlungsgeschichte des Bode-Museums zeigt, dass Bode durch die gezielte Förderung kunstsinniger Großbürger – auch wenn er den Nutzen für die Museen in seinen Memoiren rückblickend skeptisch beurteilt hat – seiner Zeit museumspolitisch weit voraus gewesen ist.

Als Bode 1872 als Assistent der Skulpturenabteilung in die Berliner Museumsverwaltung eintrat, arbeiteten die Königlichen Museen unter Hochdruck daran, aus der Schenkung des Bankiers Johann Heinrich Wilhelm Wagener die Sammlung der Nationalgalerie zu entwickeln. Mit Wagener hatte erstmals ein bürgerlicher Mäzen die Museen im großen Stil auf ein Desiderat ihrer Sammlungspolitik gestoßen - und seine Schenkung von Werken der zeitgenössischen Malerei nachdrücklich an die Bedingung geknüpft, diesen Grundstock systematisch zu erweitern.

Bode, ab 1883 Direktor der Skulpturenabteilung und ab 1890 in Personalunion auch Chef der Gemäldegalerie, kehrte dieses Verhältnis um: Er zog sich Sammler heran, die sich für das interessierten, was die Museen zur Ergänzung ihrer Bestände suchten, ohne es sich immer leisten zu können. Die Sammler aus dem Kreis der gründerzeitlichen Wirtschaftselite – viele von ihnen waren Juden – erwarben zunächst für sich selbst, was ihnen der Kunstexperte Bode mit Blick auf künftige Stiftungen an die Museen empfahl.

Der Berliner Kunsthistoriker Sven Kuhrau hat in seiner im vergangenen Jahr unter dem Titel „Der Kunstsammler im Kaiserreich“ erschienenen Dissertation das besondere Abhängigkeitsverhältnis zwischen Bode und seinem Sammlerkreis herausgearbeitet. Bode galt nicht nur als Experte für niederländische und flämische Malerei (er hatte über Frans Hals promoviert), sondern auch als Kenner italienischer Skulpturen, Möbel und Kleinkunstwerke der Renaissance sowie orientalischer Teppiche. Er pflegte Geschäftsbeziehungen zu Kunsthändlern in ganz Europa. Berliner Großsammler wie der Hüttenbesitzer Oscar Huldschinsky oder die Baumwollgroßhändler Eduard und James Simon vertrauten Bodes Kaufempfehlungen; andere zogen den Museumsmann zudem als Geschmacksberater bei der Einrichtung ihrer Villen heran.

Heute würde die kritische Öffentlichkeit – völlig zu Recht – misstrauisch, wenn ein leitender Museumsbeamter seine Expertise in diesem Umfang in den Dienst privater Sammler stellt. Der 1914 geadelte Bode hat persönliche Nähe gesucht, um aus Sammlern selbstlose Mäzene zu erziehen. Dafür ließ sich der Museums-Autokrat einiges einfallen.

1883 startete eine lockere Ausstellungsreihe zur alten Kunst aus Berliner Privatbesitz. Unter Bodes Regie wurde dort der private Einrichtungsstil der Sammler gezeigt und für vorbildlich erklärt: eine auf heutige Betrachter hoffnungslos überladen wirkende Melange aus Bildern, Skulpturen, Antiquitäten und aus oberitalienischen Palazzi ausgebauten Kaminen und Holzdecken. In der 1898 veranstalteten „Renaissance-Ausstellung“ stellten gleich vier den jeweiligen häuslichen Interieurs nachgebildete Kabinette die Sammlungen von James Simon, Oskar Hainauer, Oscar Huldschinsky und Adolf von Beckerath vor.

James Simon, wohl der bedeutendste bürgerliche Mäzen, den die Berliner Museen je besaßen, stiftete zur Eröffnung des Bode-Museums am 18. Oktober 1904 eine Kollektion von 450 Gemälden, Skulpturen, Möbeln und kunstgewerblichen Gegenständen der italienischen Renaissance - praktisch die komplette Ausstattung seines Herrenzimmers. Bode erwies der von ihm selbst mitgeprägten Sammlerkultur seine Reverenz, indem er das „Kabinett Simon“ möglichst getreu im Museum nachinszenieren ließ. Heute erinnert im Bode-Museum eine Bronzebüste auf der Empore der Basilika an den großen Mäzen. Für sein Andenken setzt sich auch eine Bürgerinitiative ein. Und im Prestel-Verlag ist gerade ein Prachtband herausgekommen, der die Simon’schen Schenkungen im Bild dokumentiert („James Simon. Philanthrop und Kunstmäzen, 152 Seiten, 49,90 €)

Wie Simon waren fast alle tonangebenden Berliner Sammler damals Mitglieder der 1886 von Bode gegründeten Kunstgeschichtlichen Gesellschaft sowie des 1897 ins Leben gerufenen Kaiser Friedrich-Museums-Vereins. Letzterer ist der älteste Förderverein eines staatlichen Museums in Europa. Ganz so exklusiv wie zu Bodes Zeiten geht es dort nicht mehr zu. Die vornehmste Aufgabe des 436 Mitglieder zählenden Vereins bleibt jedoch unverändert: mit vereinten Kräften Kunstwerke erwerben, um sie der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. 108 Gemälde und 168 Skulpturen gehören dem Verein. Derzeit sammelt man 350 000 Euro für den Erwerb einer traumschönen französischen Stifterinnenfigur aus dem 14. Jahrhundert.

Von der Leidenschaft heutiger Sammlerpersönlichkeiten erzählt die Kunstkammer Würth im Obergeschoss des Bode-Museums. Reinhold Würth, Schraubenfabrikant aus Künzelsau, engagiert sich mit seinem Firmenmuseum nicht nur für moderne und zeitgenössische Kunst, sondern sammelt auch Kunstkammerobjekte des 16. und 17. Jahrhunderts. 30 seiner Pretiosen gehen nun als Leihgabe für drei Jahre nach Berlin, wo die Schnitzereien Leonhard Kerns oder ein kunstvoller barocker Kabinettschrank gleich neben den Schätzen aus der Brandenburgisch-preußischen Kunstkammer stehen. Bürger und Könige: in der Verpflichtung zur Kunstpflege glücklich vereint.

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