Zeitung Heute : Das High-Tech-Orakel

Er will ihnen sagen, ob sie einmal an Krebs erkranken oder an Diabetes. Dazu braucht Andres Metspalu die Gen-Daten von einer Million Esten. Jetzt geben die ersten Freiwilligen ihre Blutproben ab. Es regt sich kaum Widerstand – das hat mit der sozialistischen Vergangenheit des Landes zu tun.

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Von Stephan Hille, Tartu

Von der Fassade des zweistöckigen Gebäudes blättert die Farbe ab. Ausgerechnet hier, im Zentrum der Universitätsstadt Tartu, wird die Zukunft Estlands erschaffen, eine Zukunft die rosig sein soll, die moderne Zeiten verspricht. Ein bisschen so, wie sich der Uni-Bau von innen präsentiert – hochtechnisiert, videoüberwacht und mit Türen, die sich nur mit einem Code öffnen lassen.

Über den wichtigsten Raum ist wenig bekannt: dass er extra dicke Wände hat etwa und kaum mehr als 20 Quadratmeter misst. Und dass nur drei Personen Zugang zu ihm haben. In dem Raum sollen künftig Computerdaten lagern. An der Stelle, wo zur Sowjetzeit Torten gebacken wurden, entsteht gerade eine Art High-Tech-Orakel – eine Datensammlung, die bald einer Million Esten ihre jeweils persönliche Krankheits-Vorhersage machen soll. Werde ich bald an Alzheimer erkranken? Habe ich die Veranlagung zu Diabetes? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich schizophren werde?

In den nächsten fünf Jahren werden hier die kompletten Angaben zu Krankheitsgeschichte und Erbgut-Struktur von zwei Dritteln der 1,4 Millionen Esten auf Festplatten gespeichert, es entsteht die größte Gendatenbank der Welt. Aus dem Vergleich der Daten erhofft man sich, die Veranlagung für Erbkrankheiten erkennen zu können. Das Ziel: die Entwicklung neuer Medikamente. Hat man die Veranlagung bei einem Menschen erst einmal erkannt, so kann man mit Medikamenten möglicherweise verhindern, dass die entsprechende Krankheit überhaupt ausbricht.

Heutzutage „zeigt ein Medikament bei etwa einem Drittel der Patienten kaum eine Wirkung“, sagt der 42-jährige Krebsspezialist und Co-Initiator des Gen-Projekts Jaanus Pikani. „In zehn Prozent der Fälle treten sogar schädliche Nebenwirkungen auf.“ Die Kosten für solche Nebenwirkungen sind enorm. Mittels der Genomforschung hoffen die Pharmahersteller, maßgeschneiderte Medikamente entwickeln zu können. Ein milliardenschwerer Schatz.

Schon als Estland noch eine kleine Sowjetrepublik war, waren die Wissenschaftler hier führend in der Biotechnologie. Aus dem Schatten des ehemaligen Besatzers stürmen die Esten nun nach vorne, um sich in die erste Reihe der modernen Industriestaaten einzuordnen. Überall auf den Straßen weisen blaue Verkehrsschilder mit dem @-Symbol den Weg zum nächsten Internet-Anschluss.

In Tartu wird der Galopp in die Moderne besonders sichtbar. Neben dem trostlosen Busbahnhof aus sowjetischer Zeit steht ein hypermoderner Büroturm, der so schmal ist, dass man fürchten muss, ein Sturm könnte das Gebilde aus Stahl und Spiegelglas jederzeit umblasen.

Metropole der Intelligenz

Tartu ist mit 100000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Estlands und seit der Gründung der Universität im 17.Jahrhundert die Metropole der Intelligenz. 1975 wurde in Tartu das erste Labor für Molekularbiologie eröffnet. Den Forschern mangelte es an nichts. „Wir hatten immer die modernsten Geräte, und ich konnte reisen, wohin ich wollte“, sagt Andres Metspalu, der medizinische Leiter und Vater des „Estonian Genome Project“. Der rundlich-gemütliche 51-Jährige strahlt ein Selbstbewusstsein aus, als habe er noch nie in seinem Leben etwas falsch gemacht. Gestutzter Vollbart, dünne hohe Stimme, seine Augen blinzeln lustig, die Sommerhitze treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Bereits 1989 hatte der Professor für Biotechnologie seine erste E-Mail-Adresse.

Für das Pilotprojekt mit zunächst etwa 10000 Genproben laufen die letzten Vorbereitungen. Am 9. September sollen die ersten Blutproben eintreffen. 100 Millionen Dollar soll die Groß-Erfassung insgesamt kosten. Mit ersten Ergebnissen rechnet Metspalu frühestens in fünf bis zehn Jahren. Das estnische Projekt ist die logische Fortsetzung dessen, woran seit 1986 rund tausend Wissenschaftler weltweit arbeiten: das „Human-Genom-Projekt“ – die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts. Vor zwei Jahren präsentierten amerikanische Wissenschaftler einen ersten Entwurf der menschlichen DNS-Sequenz. Die Humangenetiker können die rund drei Milliarden chemischen „Buchstaben“ nun zwar lesen, aber ihre Bedeutung verstehen sie noch nicht richtig. „Wir beginnen erst seit kurzem zu begreifen, wie die Chromosomen mit dem menschlichen Erbgut aufgebaut sind“, sagt Metspalu. „Doch es gibt eine gute Nachricht: Offenbar ist es doch einfacher als zunächst befürchtet, den Zusammenhang zwischen Erbgut und Krankheiten zu analysieren.“

Metspalu ist nicht der einzige Jäger nach Gendaten. Die Nase vorn haben bislang die Isländer. Die Firma „Decode Genetics“ arbeitet seit 1996 daran, das Erbgut aller 280000 Einwohner der Insel zu erfassen. Um wie viel es dabei geht, zeigt das Engagement eines Schweizer Pharmakonzerns: Für 200 Millionen Dollar sicherte der sich die Zugangsrechte zu den Forschungsergebnissen. Die Forscher von „Decode“ können bereits die ersten Ergebnisse vorweisen: Sie haben ein „Schizophrenie-Gen“ und zwei „Schlaganfall-Gene“ entdeckt. Die Erfolge der Isländer stören den selbstbewussten Metspalu wenig: „Estland eignet sich viel besser für solche Studien als Island, da hier die Bevölkerung viel größer und gemischter ist“, sagt er. Der Genforscher ist überzeugt, dass sich die Ergebnisse aus dem Estland-Projekt direkt auf andere europäische Populationen übertragen lassen – im Gegensatz zu den Daten aus Island. Doch ob man überhaupt Ergebnisse von einer Population auf eine andere übertragen kann, ist unter Experten umstritten.

Während „Decode“ in Island sämtliche Rechte am Genpool hält, ist in Estland eine staatlich kontrollierte Stiftung alleinige Besitzerin aller Gen- und Krankheitsdaten. Auch der Geheimraum in der ehemaligen Tortenbäckerei steht unter Aufsicht der nichtkommerziellen Stiftung.

Hohe Selbstmordrate

Eine Ethikkommission soll darüber wachen, dass Rechte und Freiheiten der Genspender nicht missachtet werden. Arvo Tikk, der Vorsitzende der Kommission, hat keine Einwände gegen das Großprojekt: „Das Individuum wird so gut wie nur möglich geschützt“, sagt er. So haben weder Versicherungen noch Arbeitgeber Zugang zu den Daten. Auch Andres Metspalu sagt, dass er keine Risiken sehen kann – er redet vielmehr von den Chancen: Die Esten werden als Erste vom Projekt profitieren, und zwar noch bevor die Gen-Daten ausgewertet sind, sagt er. Allein schon die systematische Erfassung jeder Krankheitsgeschichte werde die Alltagsmedizin verbessern. Kritische Einwände pariert er souverän und widerlegt sie so schnell, wie einer, der sie schon hundertmal gehört hat.

Der Genforscher hat für die Esten noch einen Trumpf in der Hand, der den Isländern verwehrt bleibt: Der Blick in die gesundheitliche Zukunft. Wenn in einigen Jahren die Forscher mögliche krankheitsverursachende Gene ausgemacht haben, soll jeder Spender Einblick in seine eigenen Gen-Daten bekommen, wenn er es denn wünscht. Aus diesen Daten lässt sich eine persönliche Risikoanalyse erstellen – ein allerdings hochsensibles Feld. Denn wer eine unheilbare Krankheit in seinen Genen trägt, möchte das ja vielleicht nicht unbedingt erfahren. Doch Metspalu widerspricht: „Es wäre doch gut, bereits heute zu wissen, dass ich in, sagen wir, zehn Jahren an Parkinson erkranke. Denn dann hätte ich Zeit, mich darauf einzustellen, meinen Lebensstil zu ändern, oder bestimmte Dinge noch rechtzeitig zu erledigen.“

Offenbar haben die Esten keine Probleme mit all den heiklen Fragen, die das Gen-Projekt mit sich bringt. Widerstand regt sich kaum. Als im Dezember 2000 das Gesetz, das die Details der Massenerfassung regelt, vor das estnische Parlament kam, gab es nur drei Gegenstimmen. „Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Menschen zu erziehen und zu überzeugen“, sagt Metspalu. Mit aufwändigen Lehrfilmen über Gentechnik hat das estnische Fernsehen das Projekt im Vorfeld begleitet. Die Mühe hat sich offenbar gelohnt: Umfragen zufolge stehen 43 Prozent der Esten dem Screening positiv gegenüber – nur fünf Prozent lehnen es ab. Eine größere öffentliche Debatte über die Gentechnik findet jedoch in der Bevölkerung bis heute nicht statt. Das Megaprojekt beschäftigt allein die Wissenschaftler.

Zu den wenigen Gegnern zählt die Krebsärztin Tiina Tasmuth. Sie sagt, sie halte es „für nicht vertretbar, dass dieses Projekt startet, ohne dass es zuvor in der estnischen Gesellschaft diskutiert werden konnte“. Und bevor man die persönliche Risikoanalyse anbiete, müsse das Gesundheitssystem verbessert werden, sagt die 43-jährige Ärztin und Professorin für Gesundheitserziehung an der Universität Tallinn. Vor allem die Familienärzte sind nach Meinung der Gesundheitsexpertin nicht qualifiziert, um ihre Patienten und Gen-Spender über die Bedeutung möglicher Befunde aufzuklären. „In Estland ist das Niveau der psychologischen Beratung längst nicht so hoch wie im Westen, und wir haben schon jetzt eine der höchsten Selbstmordraten weltweit“, sagt Tasmuth. Das Klima der Diskussion in Estland erinnert die Expertin an früher: „Es ist wie die sozialistische Propaganda. Man trichtert uns ein, dass dieses Projekt gut für uns und unsere Kinder ist.“

Auch Margit Sutrop, Philosophie-Professorin an der Universität Tartu, vermisst eine größere Debatte. Doch im Unterschied zu Tasmuth ist sie grundsätzlich für das Projekt. Einen Grund für die fehlende Kritik sieht Sutrop in der Gewöhnung an den sozialistischen Kollektivismus: „Das Recht des Einzelnen ist bei uns noch kein hohes Gut“, sagt sie. Sutrop fürchtet eine schleichende Diskriminierung von Menschen mit „schlechten“ Genen. „Es könnte sein, dass irgendwann die Gesellschaft nicht mehr bereit sein wird, die Behandlungskosten derer zu übernehmen, die ihre Daten nicht wissen wollten und daher nicht rechtzeitig etwas gegen eine Krankheit unternommen haben.“

Andres Metspalu lehnt sich hinter seinem Schreibtisch zurück: „Die Angst davor ist völlig unbegründet“, sagt er. „Denn wir sitzen alle im gleichen Boot. Keiner von uns ist perfekt, jeder hat irgendetwas. Und je mehr wir wissen, desto besser können wir uns vorbereiten.“

Es könnte aber auch alles ganz anders kommen. Vielleicht kommt das nötige Geld gar nicht zusammen. Vielleicht wird eines Tages der gewaltige Boom der Genetik gebremst. Vielleicht stellt sich plötzlich heraus, dass die Gene doch nicht jene zentrale Rolle spielen, die ihnen heute die meisten Biologen zuschreiben.

So spricht zum Beispiel die Biosemiotik – die Wissensschaft, die die Zeichen- und Kommunikationslehre auf lebende Organismen überträgt – den Genen ihre grundlegende Kraft ab. Die Biosemiotik hält den Menschen nicht für eine von Anfang an programmierte Maschine, die sich entsprechend ihres DNS-Bauplanes verhält und auch genauso verhalten muss.

Gigantische Geschäftsidee

Einer von ihnen ist Kalevi Kull. „Der genetische Code ist im Organismus nur einer von vielen“, sagt er. Der 49-Jährige lehrt am Institut für Semiotik an der Universität Tartu. Kull raucht Kette und wirkt, als sei er der entspannteste Mensch in ganz Estland. Jedenfalls nimmt sich der Zwei-Meter-Hühne auf seinem Klappstuhl im eigenen Garten jeweils alle Zeit der Welt, bis er seinem Gegenüber den nächsten Gedanken mitteilt.

Der genetische Bauplan habe für die Entwicklung des Menschen nur eine relative und keine absolute Bedeutung, sagt Kull. Daher könne das Erbgut auch nur bedingt die Ursache von Krankheiten erklären.

Den wissenschaftlichen Wert der estnischen Datenerfassung stellt Kull aber nicht in Frage: „Sie wird uns neue Erkenntnisse über den Ausbruch von Krankheiten liefern. Und wahrscheinlich werden wir einigen Menschen damit sogar helfen können.“ Dennoch bleibt für ihn zum Beispiel ein „Diabetes-Gen“ bloß ein Faktor unter vielen. Ob es zum Ausbruch der Krankheit komme, hänge auch vom Einfluss der Außenwelt ab.

„Im Grunde ist dieses Projekt eine gigantische Geschäftsidee“, sagt Kull. „Wenn die Menschen erfahren, dass sie ein 30-prozentiges Risiko für den Ausbruch einer Krankheit mit sich herumtragen, werden sie für den Rest ihres Lebens Geld für Medikamente ausgeben.“ Bloß um eine Krankheit zu bekämpfen, die möglicherweise nie ausbrechen wird.

„Wissen Sie, was das beste Mittel gegen Krebs ist?“ Kull zündet sich eine Zigarette an. „Vermeiden Sie Stress.“

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