Zeitung Heute : Das hinter NRW Land

In Holland ist (deutsches) Kindsein einfach nur eines: „lekker“. Eine Liebeserklärung.

Susanne Kippenberger

Das Paradies lag vor der Haustür. Ein, zwei Stunden Autofahrt, und wir waren mittendrin: im Land, wo Pudding und Joghurt flossen, cremig und aus großen Flaschen. Zuhause in Essen haben wir Joghurt damals noch mit Messer und Gabel gegessen, so viel Gelatine war da drin. Für uns Kinder war Holland Schlaraffenland. Wochenlang durften wir mit den Fingern essen (Pommes und Krokettjes), mussten kaum noch was kauen: Das schokobestreuselte Brot war so weich wie das Softeis, die Mayo und die Matjesfilets. So ein Land, in dem alles lekker heißt, was herrlich ist, das Wetter, die Spielplätze und die meisjes, muss man einfach lieb haben.

Holland (von den Niederlanden, wie es korrekt heißt, spricht in NRW kein Mensch) ist das erste Ausland, das ein nordrheinwestfälisches Kind betritt. Das prägt, ein Leben lang. Klein und überschaubar, voller Windmühlen und Grachten, kommt es dem Kind wie Lummerland vor: das Land, wo die Tulpen blühen und die Drehorgeln spielen, die Fahrradfahrer immer Vorfahrt haben, und das Meer größer ist als sämtliche Baggerseen zusammen. Es ist das Land, wo alle so lustig sprechen, wie bei uns nur Rudi Carrell – so, dass es im Rachen kracht – und uns alle verstehen, ohne dass wir je einen Sprachkurs besucht haben. Ja, manchmal verstehen sie uns besser, als wir uns selbst: Wenn ein Coesfelder und ein Hengeloer sich auf dem Markt von Enschede treffen, auf dem auch halb Münster einkaufen geht, so sprechen sie denselben Dialekt, erzählt Bernd Müller von der Landesvertretung NRW in Berlin. Ein Rheinländer verstünde kein Wort des Gesprächs, meint der Niederlandist. Was nicht nur an der Sprache liegt.

Wie alle Familien von Rhein und Ruhr fuhren auch wir nach Zandvoort an Zee, wo wir erst Drachen steigen ließen und später Hippies spielten, rund ums Lagerfeuer am Strand. Hier konnten wir zum ersten Mal frei atmen: als Kinder, weil unsere kleinen Ruhrgebietslungen so schwarz waren wie die Wäsche auf der Leine, als Jugendliche, weil es dort keine Nazis gab. Holland war für uns das gelobte Land der Toleranz, dort wehte der Wind der großen weiten Welt. Natürlich beruhte die Liebe nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit, aber Enttäuschungen gehören zur Liebe dazu. So gern die Deutschen rüber fahren, um in den Coffieshops zu rauchen, was sie in Siegen nicht dürfen – so ungern lassen sich die Niederländer in die Vorgärten kotzen. Das Bild des toleranten Holländers hat in den letzten Jahren etliche Kratzer bekommen. Aber inzwischen, meint Müller, hat sich das Verhältnis entspannt, ist freundlicher geworden, ja, fast so flapsig wie das Ruhrgebiet. „Heute gehört es nicht mehr zum guten Ton, antideutsch zu sein.“ Mit der Wende kam die Wende. Heute ist Berlin für den jungen Holländer das, was Amsterdam für uns mal war: cool.

Aber 90 Prozent der Beziehungen zu den Niederlanden, meint Müller, spielen sich weiterhin in NRW ab. Und für den erwachsenen Nordrheinwestfalen ist Holland geblieben, was es war, das Paradies, in dem es alles gibt, was man zu Hause nicht kriegt: Haschisch und Lakritze (so scharf, dass man sich den Mund verbrennt), heile alte Städte, geschmackvolle moderne Architektur. Während der Holländer in Scharen zum Campen ins Sauerland reist, kommt der Nordrheinwestfale zum Segeln, Schlittschuhfahren und Fliegen hierher: von Schiphol in die weite Welt. Die Grenzen zwischen den Ländern sind so fließend geworden, dass man sie kaum noch erkennt, Schlagbäume gibt es schon lange nicht mehr; die Kommunen schließen sich zu Euregios zusammen, selbst die Währung ist inzwischen dieselbe.

Nach Holland reist der Nordrheinwestfale, um mal entspannt Auto zu fahren (mehr als 120 Stundenkilometer sind auf der Autobahn nicht erlaubt), Ausstellungen und modernes Tanztheater zu besuchen, zu studieren und sonntags einzukaufen. Am liebsten bei Hema. Hema ist für Kaufhäuser das, was Ikea für Möbelhäuser ist: Für wenig Geld gibt es dort lauter schöne bunte Sachen. Selbst unsere königshäuslichen Bedürfnisse kann Holland befriedigen; da der Nordrheinwestfale als solcher ja nicht zum Glamour neigt, ist ihm die fahrradfahrende Königin besonders sympathisch. Natürlich fahren auch alle Nordrheinwestfalen am Koniginnentag rüber; denn am 30. April darf jeder verkaufen, was er will. Von Holland lernen, heißt handeln lernen, das macht man hier schon seit Hunderten von Jahren.

In Holland übt der Nordrheinwestfale auch Bescheidenheit. Wenn er Kaffee und Kekse vorgesetzt bekommt – und Kaffee wird immer, selbst nachts serviert – weiß er, dass er nicht mehr als ein Plätzchen nehmen darf, ohne als gierig zu gelten.

Was ist denn mit Belgien, mag der Berliner jetzt zwischenfragen, liegt doch auch nebenan. Aber mit Belgien hat der Nordrheinwestfale kaum Berührungspunkte. 20 Kilometer ist die gemeinsame Grenze nur lang, zu den Niederlanden sind es neun Mal so viel. Die beiden Länder sind wie für einander gemacht. NRW ist ein bisschen größer, hat auch zwei Millionen Einwohner mehr, dafür ist Holland wirtschaftlich stärker, dienstleistungsfähiger.

Für uns wird Holland immer bleiben, was es war, das Paradies unserer Kindheit. Noch wenn wir klein und grau sind, wird uns jede Krokette zurück versetzen, so wie Proust seine Madeleine. Dann werden wir es wieder zu schätzen wissen, das Essen, das man nicht beißen muss.

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