Zeitung Heute : Das Idol Karajan

ALBRECHT DÜMLING

Waseda Symphony Orchestra in der PhilharmonieALBRECHT DÜMLINGDas hatte es noch nie gegeben: Bei der V.Internationalen Begegnung für Jugendorchester der Herbert-von-Karajan-Stiftung in Berlin gewann 1978 vor allen angehenden Berufsmusikern ein Orchester von Laien.Die Waseda-Universität, eine der ältesten Hochschulen Japans, besitzt nicht einmal eine eigene Musikfakultät.Für die Studenten bedeutet es aber eine besondere Ehre, dem 1913 gegründeten Universitätsorchester anzugehören.Der Berliner Wettbewerbserfolg, verbunden mit dem Zuspruch Karajans, steigerte auch das internationale Ansehen.Es folgten Gastspiele in Deutschland und Europa sowie inzwischen fünf Welttourneen. Karajan und das Berliner Philharmonische Orchester sind die großen Vorbilder, die diese Amateure zu Hochleistungen anspornen.Zur Verleihung der Ehrendoktorwürde war Karajan 1979 selbst an die Waseda-Universität gekommen und hatte die Studenten dirigiert.Auch zwanzig Jahre danach ist trotz notwendiger Fluktuation die Erinnerung daran lebendig geblieben.Weiterhin steht Intendant Masahiko Tanaka im Kontakt zum Berliner Philharmonischen Orchester.Bei seinem Auftritt in der Philharmonie wiederholte das Waseda Symphony Orchestra das Programm, mit dem es vor zwanzig Jahren zum Wettbewerb angetreten war. Ganz im Sinne Karajans begann Daisuku Soga Verdis Ouvertüre zu "Die Macht des Schicksals" erst, nachdem im vollbesetzten Saal völlige Stille eingetreten war.Die Klagemelodie der Holzbläser, die dem mächtigen Blechbläsereinsatz folgte, modellierte er behutsam.Den dramatischen Ausbrüchen gab er dagegen Feuer und den nachfolgenden Pausen Spannung.Eine so ausgefeilte Verdi-Interpretation hatte man sich von einem japanischen Orchester, dazu noch von Amateuren, nicht erwartet. Hohe Maßstäbe zeigten sich auch bei Bartóks Konzert für Viola und Orchester, wo kein geringerer als Wolfram Christ der Solist war.Das galt erst recht für Strawinskys "Sacre du Printemps" mit seinen sogar bei Profis gefürchteten Rhythmen.Mit der Wiedergabe dieses Werks hatte das Orchester 1978 die größte Verblüffung hervorgerufen.Sicher können einzelne Soli bei Berufsmusikern kraftvoller und vitaler klingen.An Prägnanz des Zusammenspiels, an Genauigkeit im Detail ist aber die Interpretation des Waseda-Orchesters kaum zu übertreffen.Mit messerscharfen Akzenten markierten die Streicher das Tanzritual, während die Opferszene in geheimnisvoller Transparenz begann. Sieben traditionell gekleidete Taiko-Trommler und -trommlerinnen leiteten Yuzo Toyamas Rhapsodie für Orchester und Trommeln ein, wobei sich japanische Musikformen vom Tempelritual über lyrische Flötenmeditationen bis zum Volkstanz verbanden.Nach jubelndem Beifall zogen sich die Trommler blitzschnell um, folgte doch noch die Zugabenserie.Als besondere Dankesgeste an Berlin gehörte dazu Paul Linckes "Berliner Luft" (vom Publikum mitgeklatscht und -gepfiffen) sowie die Spende der Konzerteinnahmen an die Orchester-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters.

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