Zeitung Heute : Das Immernochmädchen

JAN SCHULZ-OJALA

Was ist ein Star? Jemand, der auf den Festivals mit Bodyguards anreist oder mit Visagistin und Privatcoiffeur oder gleich mit allen dreien.Jemand, der Agenturen beschäftigt, die ihm die einen vom Leibe halten und die anderen ranholen, so lang - oder so kurz - wie er will.Jemand, dessen Name größer ist als seine Filme.Jemand, dem man auf der Straße zu Füßen fallen will und um ein Autogramm anflehen, eins für sich selbst und eins für Tante Frieda, nur sieht man Stars leider nie auf der Straße.

Kati Outinen ist ein Star, und sie fährt gern mit dem Bus oder mit der Straßenbahn.Niemand kennt mich, sagt sie gleich zweimal beim kleinen Gespräch in einer Hotelbar gestern nachmittag, und keine Agentin mit dem Handy taucht ungeduldig nach fünfzehn Minuten auf.Und doch kennt sie jeder.Na gut, in Finnland nur.Oder auch: In Kaurismäki-World.Also auch in Berlinale-Berlin, in Forum-Land, denn das Internationale Forum ist so alle zwei Jahre Geburtsstätte des jeweils neuesten Kaurismäki-Films - und die Chancen stehen jedesmal günstig, daß Kati Outinen dabei ist, diese Strubbelblonde, dieses Immernochmädchen mit Ende Dreißig, dieser Vorstadttyp, dieser Irgendwer.Nun ist sie, nach einem Theater-Gastspiel 1987/88 im Damals-Ost-Berlin ("Grau war die Stadt und doch so warm") erstmals mit Kaurismäki mitgekommen - die Bauersfrau aus seinem "Juha"-Stummfilm, rausgebrochen aus liebdumpfer Ehe, weggeschlossen ins Stadtbordell.

Niemand kennt mich, sagt sie, und wenn sie unsichtbar sein will, dann zieht sie eine riesige, dunkelbraune, baumwollene Mütze über, eine Tarnkappe, einen sanften Ganzkopfschal.Wenn Sie diesen Schal heute irgendwo in der Stadt sehen und darin ein schmales, feines, nicht einmal großes Gesicht mit unruhigen, hellgrünen Augen, dann ist das Kati Outinen aus Finnland.Sie haben einen Star gesehen.

Wahrscheinlich muß man ein Star sein, um zu sagen, ein Star zu sein bedeutet mir nichts, es ist die Arbeit, auf die es ankommt.Sie sagt es, und ich glaube es.Sie sagt, ich war zwölf, und ich bin mit meiner scheuen Freundin mitgegangen, die im Schultheater spielen wollte, und dann ist sie es, die aufhörte, und ich, die plötzlich wußte, das willst du dein ganzes Leben lang machen.Spielen.Und das ist nicht gespielt, wie sie das sagt, sondern ein Arbeitssatz, eine Selbstbeschreibung.So nüchtern, wie jemand den Weg beschreibt.So leicht.

Geboren in Helsinki, "barfüßig" (so nennen sich die finnischen Hauptstadt-Ureinwohner, um sich von Zugereisten zu unterscheiden), Eltern Fabrikarbeiter und Lehrerin, "normale Leute" - und bin nicht auch ich, den Sie Star nennen, ein ganz normaler Leut? Mit 18 erste Filmrolle als Schwererziehbare in einer Jungsklasse, und dann vor allem Theater, das auch vier Fünftel des Arbeitslebens füllt, eines Lebens mit viel Arbeit; der Rest ist Film, zu zwei Dritteln Kaurismäki, wenn Sie schon so genau fragen.Kaurismäki: ein Perfektionist, mit dem die Perfektionistin gern arbeitet, und lacht, denn "Lachen macht, daß das Leben besser aussieht", Lachen läßt es leuchten, macht es zum Star, aber das hat sie nicht so gesagt.Und lacht ein paarmal, ein kleines, luftholendes Lachen, das auch ein Schluchzen sein könnte, aber auf Entfernung hält.Das Lachen eines Stars, also doch.

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