Zeitung Heute : Das Interesse am Spiel mit den Medien ist ausgeprägt

HELMUT MERSCHMANN

Abseits des etablierten Festivalbetriebs der Berlinale tummeln sich an Medienkunst Interessierte bald wieder im Podewil, wo zum zwölften Mal die "transmediale" vom 12.bis 21.Februar stattfindet.Das internationale Medienkunstfestival, hervorgegangen 1988 aus dem VideoFest, ist für alle elektronischen Medien zuständig.Auch die digitalen Medien sind nunmehr willkommen - solange sie die Plattform für künstlerische Projekte bilden.



Die Festivalmacher haben aus 1000 Einreichungen ein Wettbewerbsprogramm zusammengestellt, das 105 Videos, 14 CD-ROMs und 12 Internet-Projekte präsentiert.Das "Interesse am Crossover, am Transmedialen", wie Festivalleiter Micky Kwella auf der gestrigen Pressekonferenz betont, ist besonders ausgeprägt.So sind auch Installationen und eine "club transmediale" genannte Party-Schiene vorbereitet.Eine aus Künstlern und Fachjournalisten zusammengesetzte Jury verteilt ein Preisgeld von 7500 DM, auch ein studentischer "award" ist ausgelobt.Das mag bescheiden klingen und spiegelt doch die finanzielle Situation des Festivals wider, das Jahr für Jahr seine Gelder neu akquirieren muß.Der Etat von einer halben Million Mark reicht längst nicht aus, um das anspruchsvolle Programm zu bestücken.Deshalb wird auf Sponsoring zurückgegriffen.Willy Großmann, Geschäftsführer des "Podewil", kann das Fehlen einer "dauerhaften Institution für Medienkunst in Berlin" nur bedauern.



Noch ist Video das Leitmedium im Wettbewerbsprogramm der "transmediale".Schon häufig totgesagt, kommen immer wieder interessante Neuigkeiten aus diesem Bereich.Die "video youngbies" stellen das unter Beweis.Oftmals dient Video aber nur noch als Trägermaterial für raffinierte Computeranimationen.Ob nun eher "traditionelle" Produktionen wie Andy Tamandls "Has Beans", in dem der Kampf zwischen zwei Bohnensorten auf lustige Weise ausgefochten wird, oder das experimentelle, auf grafischen Licht- und akustischen Noise-Effekten basierende "A-B-C-Light" aus dem "video tripping"-Programm - den ästhetischen Mitteln und Wegen sind im Bereich der Computeranimation keine Grenzen gesetzt.



Eine künstlerisch interessante Arbeit legt etwa Christian Boustani mit "A viagem" vor.Ausgehend von historischen japanischen Tuschzeichnungen, die die Ankunft portugiesischer Handelsschiffe im Jahr 1543 darstellen, hat der französische Künstler die Abbildungen im Computer animiert.Während die Schauspieler im Blue-Box-Studio agieren, ist die gesamte Kulisse nachträglich ins Video eingestanzt worden.Zusätzlich durchlief die Produktion eine Nachbearbeitung.Damals hatte man sich in Japan über die langen Nasen der Europäer gewundert.Kurzerhand wurden sie per Computer auf die Gesichter appliziert.



Doch nicht nur Video, sondern auch die CD-ROM und das Internet sind im Wettbewerbsprogramm vertreten.An zwanzig Workstations können die Werke begutachtet werden.Es zeigt sich, daß die formalen Möglichkeiten dieser Medien nicht nur ausgeschöpft, sondern auch sinnfällig eingesetzt werden.



"Valetes em slow motion" von Kiko Goifman (eine CD-ROM, die übrigens wie alle anderen auf dem Markt erhältlich ist) zeigt ein von Michel Foucault inspiriertes Philosophie-Projekt, das in einem brasilianischen Knast spielt und den Betrachter einlädt, über den Zusammenhang von Sprache, Macht und Unterdrückung nachzudenken, dabei sein ernsthaftes Anliegen aber durchaus spielerisch präsentiert."Night Walks" von Hugo Glendinning wiederum ist eine fotografisch brillant und äußerst suggestiv umgesetzte Arbeit.Mittels 360-Grad-Schwenks, sogenannten QTVR-Panoramen, die mit der Maus zu führen sind, lernt man eine nächtliche Industriestadt und die Personen, die darin herumstreunen, kennen.



Bei den Internet-Projekten (siehe Schaukasten) besticht besonders der "Shredder 1.0", in den man einen URL eingeben kann, der dann zerhackstückt wird.Das ruft bizarre Effekte hervor, wenn der HTML-Code einer Homepage gespenstische, digitale Schatten wirft.Im "Click Club" wird die Sex- und Pornolastigkeit des Internets aufs Korn genommen und ein raffiniertes Spiel mit dem Voyeurismus des Betrachters getrieben.Das "McLuhan Communiverse" der Fachhochschule Düsseldorf, der einzige deutsche Internet-Beitrag, hat die Medientheorien Marshal McLuhans ansprechend umgesetzt.Daß das "Medium die Message" ist, dieser Hauptlehrsatz McLuhans, muß einem im mit Hyperlinks gepflasterten Internet jedoch als alter Hut erscheinen.



Die Zukunftsvisionen, die sich die Gurus der Multimedia ausmalen, Cyberworlds, E-Games, virtuelle Kreaturen und Motion-Capturing sind Gegenstand der "presentation" genannten Diskussionsrunden.Um die Mittagszeit kommen täglich Fachleute und Kunstschaffende, Wissenschaftler und Computer-nerds zusammen, um sich über die Bedeutung der digitalen Medien an ausgewählten Beispielen zu verständigen.



Ihre Botschaft ist bereits angekommen: schon tragen Computeranimationen einen großen Anteil im (Trick-) Filmbereich.Vom Pixar-Studio werden neueste Kurzfilme erwartet.Filmregisseure wie Chris Marker oder Peter Greenaway haben sich der CD-ROM und dem Internet zugewandt.Die Museen sind von der "digitalen Revolution" erfaßt und bieten Medienkünstlern virtuelle Heimstätten an.Daß dies neue Probleme im Bereich der Speicherung schafft, wird auf der "transmediale" genauso diskutiert wie die zunehmende Kommerzialisierung des Netzes, als deren Gegenstrategie die "digitale Diaspora" ausgerufen wird.

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