Zeitung Heute : Das Internet erobert den Bundestag

KATHARINA VOSS

Als Cem Özdemir vor vier Jahren für die Grünen in den Bundestag einzog, war das Abgeordnetenhaus noch eine internetfreie-Zone.Während im Volke doch schon der Eine oder Andere mit den Begriffen "Homepage" und "Provider" etwas anzufangen wußte und die ersten Besessenen mehr Zeit vor dem Computer als vor dem Fernseher verbrachten, blieben die Volksvertreter noch unberührt von dem interaktiven Geschehen.

Ein Dreivierteljahr später, im Sommer 1995 war Özdemir einer der ersten Botschafter des Bundestages im Internet.Der Abgeordnete aus Baden-Württemberg war einer von sechs Pionieren, die sich eine eigene E-Mail-Adresse zulegten."Kurz vorher war ich auf einer Konferenz in den USA gewesen.Meine Visitenkarte hatte keine E-Mail-Adressse - das fiel bei einem Abgeordneten aus einem G7-Land peinlich auf", beschreibt Özdemir sein Schlüsselerlebnis in Sachen neue Medien.Als zwei Berliner Studenten Teilnehmer für ihr Projekt "Abgeordnete ins Internet" suchten, zögerte er nicht lange und ließ sich eine eigene Homepage einrichten.Mit dieser Haltung war er damals noch eine Ausnahme unter den Abgeordneten.Um wenigstens je einen Vertreter der Bundestagsfraktionen für das Projekt zu gewinnen, mußten die Berliner Studenten echte Überzeugungsarbeit leisten.Die Furcht vor E-Mail-Müllbergen schränkte die Begeisterung der Abgeordneten doch merklich ein."Meine Kollegen haben den E-Mail-Anschluß für einen Tick von mir gehalten", erzählt Özdemir schmunzelnd, "für die war das Internet eine neue, vorübergehende Spinnerei".

Daß dem nicht so war, erkannten die Abgeordneten dann doch relativ schnell.Nicht zuletzt, weil die Projektteilnehmer viel Zuspruch aus dem Internet bekamen."Unser Projekt war absolut erfolgreich, ich hatte schon in den ersten Monaten erstaunlich viele Besucher auf meiner Seite", erinnert sich Özdemir.Das sprach sich rum in Bonner Kreisen.Im Januar 1996 rief der Bundestag die Enquete-Kommission "Zukunft der Medien" ins Leben, fast gleichzeitig begann auch für den Bundestag als Ganzes der Gang ins Internet: die Homepage www.bundestag.de wurde eingerichtet."Das Berliner Projekt hat auf alle Fälle dazu beigetragen, daß wir dann relativ schnell nachgezogen haben", urteilt Hans-Peter Neumann von der Internet-Redaktion des Deutschen Bundestages.Auf der Homepage können jetzt Lebensläufe der einzelnen Abgeordneten abgerufen werden, auch per E-Mail sind sie über den Bundestag erreichbar.Mit der Homepage des Bundestages verknüpft sind darüber hinaus Datenbanken, die den Stand der laufenden Gesetzgebungsverfahren zeigen und dafür, daß die Kommunikation nicht einseitig bleibt, sorgen moderierte Diskussionsforen.

Der Bundestag ist kein Ladenhüter im Internet, das zeigen die Nutzerzahlen: 85 000 Menschen rufen pro Monat das Programm auf, für ihren Internet-Besuch nehmen sie sich dabei im Durchschnitt 13 Minuten lang Zeit."Der am häufigsten abgerufene Teil sind unsere Datenbanken", berichtet Neumann, "Die Leute wollen wissen, wo welches Gesetz gerade behandelt wird." Übrigens werden die Bundestagsseiten nicht nur während der gängigen Arbeitszeiten abgerufen, rund die Hälfte der Nutzer besucht den Bundestag erst nach 17 Uhr - für Neumann ein Indiz dafür, daß der Bundestag nicht nur für die Arbeit abgefragt wird.

Umfragen vor einem Jahr ergaben, daß das Angebot vor allem von Leuten im Alter zwischen 26 bis 30 Jahren genutzt wird.Der Anteil der Frauen steigt, liegt aber mit 26 Prozent immer noch unter dem Bundesdurchschnitt von 30 Prozent der Internetnutzerinnen.Bis zu 600 E-Mails mit individuellen Anfragen gehen im Monat beim Bundestag ein, "zu allen möglichen Sachen", wie Neumann sagt."Wie groß ist der Bundeskanzler?" wollte ein Schreiber wissen, ein anderer suchte Lebenshilfe: "Meine Rente wird nicht mehr gezahlt - was kann ich machen ?" Außerdem landen im Monat rund 13 000 Bestellungen für Infomaterial in der Mailbox.

Wie die Fußball WM wird auch die Bundestagswahl in diesem Jahr ihre Premiere im Internet feiern - in den kommenden Wochen wird sich auf der Homepage des Bundestages darum auch noch einiges ändern: Ein neuer Teil "Wählen gehen" soll hinzukommen, mit Informationen zur Bundestagswahl.Außerdem soll die Seitefür Blinde besser lesbar werden.Schon jetzt können sie sich mit Zusatzgeräten Internettexte in Braille-Schrift anzeigen lassen oder Screenreadern lauschen, die ihnen die Texte vorlesen.Bis jetzt sind die Seiten des Bundestages noch nicht optimal dafür eingerichtet, eine bessere Kennzeichnung der graphischen Elemente soll das ändern.

Und wie aktiv sind die Abgeordneten selber im Internet? Seit letztem Jahr kann sich jeder der 672 Volksvertreter von den Redakteuren eine eigene Homepage einrichten lassen.Dieses Angebot ist allerdings nicht gerade zu einem Renner bei den Volksvertretern geworden.Rund 30 der 672 Abgeordneten haben davon bis jetzt Gebrauch gemacht.Das mag auch daran liegen, daß schon jetzt über die Bundestags-Homepage für jeden Abgeordneten eine Seite mit Foto, Lebenslauf und Informationen über seine parlamentarische Arbeit eingerichtet ist.Und auch die Parteien haben, rechtzeitig zur Bundestagswahl, im Internet aufgerüstet.Mittlerweile sind die Volksvertreter auch über ihre Parteien im Internet zu erreichen.Seit Ende 1995 haben immer mehr von ihnen auch eine eigene E-Mail Adresse.Ihre Zahl ist allerdings nicht genau bekannt.Höher als die auf der Bundestagsseite eingerichteten E-Mail-Verweise ist sie allerdings mit Sicherheit: Dort haben sich bis jetzt nur zwanzig Abgeordnete mit ihrer eigenen E-Mail-Anschrift verewigt.Trotzdem ist Internet-Redakteur Neumann optimistisch, was die Präsenz der Abgeordneten im Internet angeht: "die kommen - langsam, aber gewaltig".

Für Cem Özdemir gilt das nicht: Er ist durch das Berliner Projekt mittlerweile ein alter Hase im Internet und hat sich "natürlich" schon für seine eigene Homepage über den Bundestag angemeldet.Das Pilotprojekt lief übrigens nach einem Jahr aus - und nach den beiden Berliner Studenten fahndet Özdemir seitdem vergebens."Die haben alles prima gemacht, und auf einmal waren sie weg", wundert er sich.Auch das Internet konnte ihm nicht weiterhelfen.Von seiner alten Homepage schwärmt er aber immer noch: "Die war super, und anders als jetzt beim Bundestag konnten wir sie auch mehrsprachig einrichten." Als Optimist hofft er aber auf einen "Quantensprung in Sachen neue Medien" wenn das Parlament nach Berlin geht.Und seine Hoffnungen könnten sich erfüllen, immerhin sagt Hans-Peter Neumann von der Internet-Redaktion des Deutschen Bundestages: "In Berlin wird sowieso alles besser und schöner."

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