Zeitung Heute : Das Internet ist für auch für traditionelle Geschäfte eine Chance - wenn sie den Anschluss nicht verpassen

Harald Olkus

Internet-Kaufhäuser sind im Kommen. Die virtuellen Läden scheinen ungemein praktisch zu sein: Sie haben 24 Stunden am Tag geöffnet, und das an allen sieben Tagen der Woche, da kann und darf der traditionelle Einzelhandel nicht mithalten. Die großen Warenhäuser sehen der neuen Konkurrenz aber mit Ruhe entgegen. Zum einen werde der Kunde trotz des Internets immer das Bedürfnis empfinden, unter Menschen zu gehen. Und zum anderen haben die großen Handelsgesellschaften frühzeitig eigene Engagements im Netz aufgebaut.

Aber bislang rentiert sich der virtuelle Handel noch nicht. "Die Betreiber elektronischer Kaufhäuser schreiben alle keine schwarzen Zahlen", sagt Wietold von Zdrojewski von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Der Buch- und Medienversand "Amazon" beispielsweise gilt als boomendes Unternehmen in der Branche und machte in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 964 Millionen Dollar Umsatz. Unter dem Strich blieb dennoch ein Verlust von 397 Millionen Dollar. Diese Ergebnisse seien bezeichnend für die gesamte Branche, sagt von Zdrojewski. "Alle Betreiber geben zu, dass der Internet-Handel noch ein Zuschussgeschäft ist. Aber sie sagen auch, man muss mitmachen, denn es ist eine Investition in die Zukunft".

Von den Zukunftschancen des Internet-Handels ist auch die Düsseldorfer Metro AG überzeugt. Das Handelsunternehmen hat zum Jahreswechsel sämtliche Einzelhandelsimmobilien für 5,4 Milliarden Mark verkauft. Die insgesamt 290 Objekte setzen sich zusammen aus Fachmärkten, Warenhäusern, Verbundstandorten sowie Bau- und Supermärkten in Deutschland, der Türkei, Griechenland, Ungarn und Luxemburg. Durch den Verkauf will der Konzern Gelder "für eine Beschleunigung des Wachstums in den Kerngeschäftsfeldern" freisetzen, vor allem aber für den Aufbau "des neuen Geschäftsfeldes E-Commerce". Denn gleichzeitig mit dem Verkauf der Immobilien hat die Metro AG die Mehrheit am Internet-Handelsunternehmen Primus-Online erworben.

"Mit dieser Beteiligung haben wir die Priorität unserer Unternehmensentwicklung auf den Internet-Handel gelegt", sagt der Pressesprecher der Metro Dierk Kowalke. "Es lohnt sich zwar noch nicht", bestätigt auch er, "aber wer jetzt nicht dabei ist und seine Erfahrungen mit der Hardware und dem Internet-Auftritt macht, wird es später bedauern".

Dieser Ansicht sind nicht nur die großen der Branche, auch kleinere Einzelhändler setzen auf das Netz. Volker Elstner ist Geschäftsführer der Weinladen-Kette "Vineyard". "Wir sind der Ansicht, dass es ohne Internet-Präsenz nicht mehr geht", sagt Elstner. Die Kunden des Weinladens sind über die ganze Republik verteilt, deshalb hat Elstner das gesamte Bestellwesen mittlerweile ins Netz verlagert. "Und durch unsere Präsenz haben wir auch neue Kunden hinzugewonnen."

Monatliche Kosten von 400 Mark

Im Gegensatz zu den großen Internet-Kaufhäusern hat Vineyard mit seinem Internet-Auftritt nur geringe Kosten: "Wir sind ein Team von jungen Leuten, die die Technik von heute beherrschen. Wir machen das selbst", sagt Elstner. Die Betreuung der Webpage kostet den Weinladen monatlich etwa 400 Mark. "Wir machen damit nebenher aber fast 10 000 Mark Umsatz im Monat." Der Weinhändler hat sich über das Internet eine zweite Absatzmöglichkeit erschlossen. "Das geht aber nur deshalb so preiswert, weil wir ein real existierendes Stammgeschäft haben", sagt Elstner. Riesige Werbeetats, die die neugegründeten Internet-Kaufhäuser brauchen, um bei den potentiellen Kunden bekannt zu werden, braucht Vineyard nicht. "Außerdem ist unser Publikum jung, modern, aufgeschlossen - und bereits vernetzt."

Elstner sieht den Einzelhandel durch die Möglichkeiten des Internet-Shopping nicht gefährdet. Allerdings dürften die Händler den Anschluss nicht verlieren und müssten sich das Netz ebenfalls zunutze machen. "Wer in drei Jahren als Firma noch keine Webpage hat, hat grundsätzlich einen Zug verschlafen", meint Elstner.

Manche Einzelhändler bedienen sich ihrer Homepage, um die Ladenschlusszeiten zu umgehen. So darf auch im neuen Stilwerk am Wochenende weder beraten noch verkauft werden. Die Kunden können sich die Möbel aber ansehen und sich anschließend im Internet informieren und gleich bestellen. Der Internet-Handel werde den traditionellen Einzelhandel deshalb keineswegs ablösen, ist die einhellige Meinung. Beide Verkaufsformen würden künftig nebeneinander existieren und sich wechselseitig ergänzen. Doch die konkreten Vorstellungen, wie sich die Handelsbereiche aufteilen werden, sind recht unterschiedlich: Während Elstner der Ansicht ist, dass vor allem Waren des täglichen Bedarfs von der Butter bis zum Klopapier künftig per e-mail geordert werden, sieht Kowalke Waren, wie sie in den Konzern-Gesellschaften Media-Markt, Saturn oder Kaufhof angeboten werden, als "prädestiniert" für das Internet-Shopping. Zdrojewski ist dagegen der Meinung, dass vor allem Umtauschmöglichkeiten, Wartung oder Zusatzservices für lokale Geschäfte sprechen - das betrifft aber genau jene Waren, die Kowalke für Internet-tauglich erachtet.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben