Zeitung Heute : Das Internet macht depressiv

JOACHIM ZEPELIN

Ausgerechnet aus dem Land, in dem das World Wide Web mit rund 70 Millionen Nutzern schon einen festen Platz im Alltag hat, kommt jetzt die Ernüchterung.Wissenschaftler der angesehenen Carnegie Mellon University im amerikanischen Pittsburgh haben in einer ersten grundlegenden Studie festgestellt: Das Internet macht einsam und depressiv."Wir waren geschockt über unsere Ergebnisse", gesteht der Sozialpsychologe Robert Kraut, "denn sie widersprechen allem, was wir über den sozialen Gebrauch des Internet wissen".Er und seine Kollegen vom Human Computer Interactive Institute fanden heraus, daß Web-Nutzer sich umso einsamer und depressiver fühlen, desto länger sie online sind.Es macht dabei keinen Unterschied, ob sie im Netz nur nach Informationen suchen oder mit anderen Botschaften austauschen.

Die Forscher stellten 93 Familien kostenlos einen Computer ins Haus und übernahmen die Gebühren fürs Telefon und den Internet-Anschluß.Die insgesamt 170 Probanden, die je zur Hälfte ein oder zwei Jahre an der anderthalb Millionen Dollar teuren "HomeNet"-Studie teilnahmen, mußten zu Beginn und am Ende des Projekts Fragen mit Ja oder Nein beantworten."Ich kann Gesellschaft finden, wenn ich will", hieß es zum Beispiel im Standard-Fragebogen für psychologische Untersuchungen, oder: "Alles, was ich tat, machte mir Mühe." Außerdem gaben die einzelnen Familienmitglieder an, wieviel Zeit sie miteinander verbringen und wie groß ihr Freundeskreis ist.

Die Wissenschaftler übersetzten die Aussagen in Zahlenwerte für depressive Stimmung und Einsamkeit.Das erstaunliche Ergebnis: Jede pro Woche im Internet verbrachte Stunde machte die Teilnehmer durchschnittlich ein Prozent depressiver und knapp ein halbes Prozent einsamer.Außerdem kostete jede Netz-Stunde durchschnittlich 2,7 der 66 Bekanntschaften zu Beginn der Untersuchung.

"Die Leute ersetzen offensichtlich stärkere soziale Bindungen durch schwächere", interpretiert Kraut das Verhalten der Test-Surfer."Sie sprechen lieber über einen eingeschränkten Themenkreis mit Fremden, als mit Leuten, die eine Verbindung zu ihrem Alltag haben." Die Internet-Nutzer verzichten damit auf solche realen Bindungen, die dem eigenen Sicherheitsgefühl und der Zufriedenheit dienen.Kraut nennt zum Beispiel das Baby-Sitten, für das man bei einem Online-Chat weder Zeit hat, noch kommt man in die Verlegenheit, von virtuellen Freunden um diesen Gefallen gebeten zu werden.Auffällig an den Ergebnissen war, daß es keine Rolle spielte, wie gesellig und zufrieden jemand sich laut erstem Fragebogen fühlte.Wer anfängt zu surfen, fühlt sich anschließend schlechter.Allerdings räumen die Wissenschaftler ein, daß vor allem abgelegen wohnende Web-Nutzer mit dem Internet möglicherweise auch glücklicher werden können.

Enttäuschend ist das Ergebnis der Studie für 13 Sponsoren.High-Tech-Firmen wie die Computerhersteller Apple und Hewlett Packard, die weltgrößte Mikroprozessor-Schmiede Intel oder auch die Telefonkonzerne AT&T und Bell Atlantic finanzierten neben der amerikanischen National Science Foundation das Forschungsprojekt, dessen Ergebnis nun den Gebrauch von Technologie als mindestens zweifelhaft erscheinen läßt.

Unterdessen wächst die Zahl der Internet-Benutzer in Deutschland.Nach einer von ARD und ZDF in Auftrag gegebenen, repräsentativen Studie greifen inzwischen 6,6 Millionen Erwachsene ab 14 Jahre beruflich oder privat auf Online-Medien zu.Damit sei die Zahl der Online-Nutzer im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent gestiegen.Bei der Umfrage, die die Ergebnisse der ARD-Online-Studie 1997 fortschreibt, wurden von dem Wiesbadener Marktforschungsinstitut Enigma die Antworten von 1006 Online-Nutzern ausgewertet.Eine immer größere Bedeutung hat danach die private Nutzung der Online-Angebote.Die wichtigste Anwendungen ist die Abfrage von Sachinformationen (80 Prozent), es folgen der Zugriff auf Nachrichten (59 Prozent) und Verbrauchertips (52 Prozent).Der typische Online-Nutzer ist jung, männlich, hochgebildet und berufstätig, Frauen bleiben unterrepräsentiert.Einen starken Anstieg haben die Marktforscher bei den 14- bis 19jährigen festgestellt.

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