Zeitung Heute : Das Internet von morgen entsteht in Berlin

KURT SAGATZ

Das Internet, so wie es heute bekannt ist, ist in seinen Nutzungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.Für aufwendigere Anwendungen mit Multimedia-Elementen beispielsweise in den Bereichen Teleworking und Telelearning fehlt es vor allem an entsprechender Bandbreite.Clemens Baack, Geschäftsführer des Heinrich-Hertz-Institutes für Nachrichtentechnik (HHI) in Berlin, ist sich sicher, daß sich dies in den nächsten zehn Jahren dramatisch ändern wird.Wo heute die Übertragungsleistung noch in Kilobit pro Sekunden angegeben wird (über ISDN mit einer Rate von 64 Kilobit können somit maximal 8000 Buchstaben in der Sekunde übertragen werden), wird in zehn Jahren jeder private Nutzer eines Internet-Zugangs eine Leistung von 100 Megabit je Sekunde in Anspruch nehmen können.

Noch dramatischer fällt nach Einschätzung der optoelektronischen Industrie die Leistungszunahme bei den Weitverkehrsnetzen aus: Wer heute als Netzbetreiber über eine 134-Megabit-Leitung verfügt, kann sich schon glücklich schätzen.In zehn Jahren wird sich dieser Wert auf über ein Terrabit steigen.Dies entspricht der Leistung von 15 Millionen ISDN-Anschlüssen.Mit Gigantomanie hat dies gleichwohl nichts zu tun, denn dieser Wert resultiert ausschließlich aus dem zu erwartenden Leistungshunger der Nutzer.

Gestillt werden kann dieser Hunger freilich nicht mit den bisherigen Anlagen, die zum großen Teil noch auf die Bedürfnisse des Sprachverkehrs, der nur noch um fünf Prozent jährlich wächst, ausgerichtet sind.Die Zukunft gehört nach Einschätzung des Heinrich-Hertz-Instituts den optischen Netzen, die die herkömmlichen Kupferdoppeladern oder die Koaxialtechnik absehbar verdrängen werden.So ist absehbar, daß die Glasfasern immer näher in Richtung Endverbraucher vordringt, um eine möglichst große Bandbreite nah am Nutzer bereitstellen zu können.Da es jedoch wirtschaftlich nicht vertretbar ist, zu jedem Haus eine Glasfaserleitung zu legen, werden auf der letzten Meile verstärkt Techniken wie ADSL dafür sorgen, daß der Surfwunsch nicht in einer zu engen Leitung stecken bleibt.

Größere Bandbreite wird im Internet der Zukunft aber auch mobil zur Verfügung stehen.Die Beschränkungen bei der Internet-Nutzung über Handy entfällt durch die neue UMTS-Technologie für mobile Multimedia-Nutzung, die eine Übertragunsleistung von rund zwei Megabit pro Sekunde ermöglichen soll und die bereits für das nächste Jahr angekündigt ist.Richtig spannend wird es in der Satellitentechnik.Zwischen 2001 und 2002 will ein US-Konsortium mit Firmen wie Microsoft, Boeing und AT&T ein Netz von 288 Satelliten spannen, das dann ebenfalls im Gigabit-Bereich Computerdaten verteilen soll.

Zurück zur Erde und zur Gegenwart: Dort, genauer gesagt im Heinrich-Hertz-Institut, wird nämlich bereits heute unter dem Titel KomNet an den Lichtnetzen der Zukunft geforscht.Eine Reihe von großen Firmen wie Alcatel SEL, Bosch, Telekom, Lucent Technologies und Siemens wollen zusammen mit zwölf deutschen Forschungseinrichtungen unter organisatorischer Führung des HHI eine Netz aufbauen, das zum einen die Distanz von Stuttgart nach Berlin überbrückt und zum anderen verschiedene Einrichtungen in Berlin zu einem Stadtnetz verbindet.Auf der Weitverkehrsstrecke sollen verschiedene Übertragungsraten von 10 Gigabit pro Sekunde über 40, 80 bis zu 160 Gigabit erprobt werden, die dann über eine einzige Glasfaser transportiert werden sollen.Im zehnten Stock des HHI-Hochhauses in Charlottenburg haben die Wissenschaftler ein sogenanntes Testbed installiert, mit dem dieser enorme Datenverkehr in einem simulierten Weitverkehrsnetz mit einer Distanz von 800 Kilometern untersucht wird.Vier kleine, unscheinbare rote Kabeltrommeln mit bis zu 40 Kilometern Glasfaser reichen dafür aus, denn die Wissenschaftler schicken den Infrarot-Lichtstrahl gleich mehrfach durch den ringförmig geschalteten Leitungskreis, um dann zu messen, unter welchen Bedingungen das optimale Ergebnis aus hoher Übertragungsleistung bei niedriger Fehlerquote erreicht werden kann.

Daß sich dies einfacher anhört als es ist, zeigt sich beispielsweise daran, daß selbst die Wahl der Meßgeräte kein einfaches Unterfangen ist, denn der Testaufbau bewegt sich an den Grenzen der Physik.Immerhin findet innovative, praxisorientierte Forschung auch ihre Anerkennung.Das Heinrich-Hertz-Institut wurde erst vor wenigen Wochen mit dem Philip-Morris-Preis für ihre Arbeiten "Ultraschnelle optische Schaltmodule für Kommunikationsnetze" ausgezeichnet.

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