Zeitung Heute : Das ist nicht mehr unser Bier

Kein Volk auf der Welt trank so viel davon, es war das Getränk unserer Nation. Jetzt schließen in Berlin Kindl und in Dortmund Brinkhoffs, viele Traditions-Brauereien sind längst verkauft. Wer rettet das deutsche Pils?

Dagmar Rosenfeld

Es ist eine schöne und einfache Devise, die dieser Tage ausgegeben wird: Tue Gutes und trinke Bier. Es ist der Chef der Berliner Kindl-Brauerei, der da zum Solidaritätssaufen aufruft. Es geht Kindl nicht gut; Anfang 2006 wird die Brauerei geschlossen. 160 Menschen verlieren ihre Arbeit, die Marke aber bleibt, wird nicht mehr in Berlin-Neukölln, sondern in der Schultheissbrauerei im Stadtteil Hohenschönhausen produziert. Damit nun nicht noch mehr Arbeitsplätze verschwinden, erinnert der Brauerei-Chef noch einmal daran: Berliner, das ist euer Kindl. Nur vier Flaschen mehr müsste jeder im Monat trinken, dann hätte man den Januarverlust schon wieder ausgeglichen; so flehte Ulrich Kallmeyer in der BZ. Berlin war schließlich einmal so etwas wie die Hauptstadt des Biers: 1930 wurden hier jährlich acht Millionen Hektoliter gebraut. Wie ein Vorwurf klingt da die Nachricht, der Berliner – um 1900 noch mit 209 Litern Bier dabei – trinke heute nur noch 140 Liter im Durchschnitt. Ein Glas am Tag reicht also nicht, um die Arbeitsplätze der Berliner Brauer zu retten.

Nun ist das Problem mit dem deutschesten aller Getränke kein berlinisches, sondern ein landesweites. Bier, das war einmal Heimat, Nähe, Zugehörigkeit. Urtümlichkeit in flüssiger Form. In Deutschland stand in fast jedem Dorf nicht nur eine Kirche, sondern auch eine Brauerei. Hier braute jede Region ihr eigenes Bier, Biertrinken war eine lokalpatriotische Angelegenheit. Früher, im Sommerurlaub an der Adria oder Nordsee, konnte man die Deutschen daran erkennen, dass sie das Gesicht verzogen, wenn beim Abendessen Heineken serviert wurde. „Freu ich mich auf zu Hause, da gibt es endlich wieder ein anständiges Bier“, haben sie dann gesagt. Ein Satz, so deutsch wie der Bierbauch.

Ist es vorbei mit der nationalen Bierseligkeit? Die meisten Traditionsbrauereien wurden in den letzten Jahren an ausländische Konzerne verkauft. Fast hätte es sogar bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 nur das Erzeugnis von Anheuser-Busch, einem amerikanischen Unternehmen, zu trinken gegeben. In letzter Minute hat der Weltfußballverband auch noch Bitburger zugelassen, aber die dürfen nicht mal Werbung machen. Das „offizielle Bier“ der WM in Deutschland ist ein Ami-Produkt.

Hat sich das innige Verhältnis der Deutschen zu ihrem Bier verändert? Verachten sie neuerdings ihr Nationalgetränk? Niemals würden die Franzosen ihre Weinberge an kalifornische Winzer hergeben, aber hier scheint es kein Problem zu sein, wenn Dänen, Belgier und Holländer über Becks, Diebels, Holsten und Co. bestimmen. Auch sind die Deutschen längst ihren Titel als Weltmeister im Biertrinken los. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 115 Litern liegen sie nur noch auf Platz drei hinter den Tschechen und Iren; sie mögen jetzt lieber Kaffee. Man stört sich auch nicht daran, dass der Oetker-Konzern – ein Lebensmittelhändler, der das Backpulver und die Tiefkühlpizza erfunden hat – mittlerweile der größte deutsche Brauer ist, zum Hause gehören Jever, Binding, DAB. Auch wenn Oetker wohl noch einige Brauereien schließen wird, so wie jetzt Brinkhoffs in Dortmund und Kindl in Berlin.

Sollten wir uns da nicht wirklich aufraffen und jeden Abend zwei, drei Bier mehr trinken? Rudolf Böhlke lacht. Er arbeitet bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Sein Job ist es, das Geschehen auf dem deutschen Biermarkt zu analysieren. Ein neutraler Beobachter also. „Da ist schon einiges im Umbruch, aber das bedeutet nicht den Untergang der deutschen Bierkultur“, sagt Böhlke. Er vertritt eine Zwei-Lager-Theorie. Die geht so: In zehn Jahren wird es in Deutschland oben die Premiumbiere geben, unten die Billiganbieter und dazwischen nicht allzu viel.

Machen wir uns also auf die Suche nach den Brauern, denen die Zukunft im deutschen Biergeschäft gehört. Der Weg führt als Erstes nach Essen. In einem Arbeiterviertel, wo die Fassaden der Mietshäuser nicht mehr ganz frisch sind, steht die Familienbrauerei Stauder. Hier, zwischen einem Plus-Markt und einem Schrottplatz, wird eines der teuersten Pils-Biere Deutschlands gebraut. Familienoberhaupt Claus Stauder empfängt im Konferenzzimmer. Es gibt Kaffee und Mineralwasser, für Bier ist es noch zu früh am Morgen. Stauder hat seinen Sohn und seinen Neffen mitgebracht. Er nennt sie „die Jungs“, dabei sind Thomas und Axel Stauder schon 37 Jahre alt. Vor wenigen Tagen haben die beiden die Geschäftsführung der Familienbrauerei übernommen. Sie haben hier jetzt das Sagen – auch wenn beim Treffen die meiste Zeit der alte Stauder redet. Schließlich ist er so etwas wie der Vater des deutschen Premiumbiers. Auf einer Reise durch die USA hatte er entdeckt, dass die Amerikaner vor alles, was sie für qualitativ besonders gut halten, das Wort Premium setzten. Das hat ihm gefallen, und als er aus Amerika nach Essen zurückkehrte, da ernannte er Stauder zum Premiumbier und ließ das Wort auf Flaschenetiketten und Werbeplakate drucken.

Nur: Wie kommt ausgerechnet eine kleine Familienbrauerei aus Essen, einer bodenständigen Arbeiterstadt, auf die Idee, ein Edelbier zu brauen?

Angefangen hat alles in den 60er Jahren. In Deutschland war Wirtschaftswunderzeit, war alles auf Wachstum ausgerichtet. Nur der Biermarkt, der war immer noch ein provinzielles Geschäft. Die Brauer verkauften ihr Bier in den Supermärkten und Kneipen vor Ort, jeder hatte sein Revier – bis Brauereien wie Krombacher, Veltins und König beschlossen, dass sie nicht nur in ihrer Region wer sein wollten, sondern die ganze Republik ihr Bier trinken sollte. Und so gingen sie auf nationale Eroberungstour, machten ihr Bier im ganzen Land bekannt und mischten das Geschäft ordentlich auf. Stauders aber blieben der Heimat treu. Als die Brauerei 1967 ihr 100-jähriges Bestehen feierte, „wussten wir endgültig, dass es so nicht mehr weiter gehen kann“, erzählt Claus Stauder. Also holte man sich zum Jubiläum den Unternehmensberater Roland Berger ins Haus. Der studierte Bilanzen, analysierte und berechnete – dann war für ihn klar: Stauders können es nur schaffen, wenn sie es den anderen nachtun und ihr Bier unters ganze Volk bringen. Dazu sollten sie ihr Geld in eine groß angelegte Marketingkampagne stecken. „Getan haben wir dann das genaue Gegenteil von dem, was Berger uns geraten hat“, sagt der alte Stauder. Er lächelt. Statt ein Bier für alle zu brauen, entschieden die Stauders, ein Pils zu kreieren, dass sich durch feinste Zutaten und den Preis abhebt. Ein teures Bier, das deutschlandweit nur in der gehobenen Hotellerie ausgeschenkt wird – und sonst lediglich in Essener Kneipen und Supermärkten zu bekommen ist. Ein bisschen Heimatverbundenheit muss sein.

Das Gegenkonzept kommt ausgerechnet aus Bayern, aus der Region, die sich die „Heimatverbundenheit“ fast patentieren lassen könnte. „Masse ist Klasse“ lautet die Unternehmensphilosophie der Familie Kollmar aus Oettingen. Sie braut das billigste Bier in Deutschland – ein Kasten Oettinger ist schon für fünf Euro zu haben. In Oettingen ist alles hübsch sauber, die Häuser sind weiß getüncht und haben grüne Fensterläden. Hinter der Kirche sieht man den riesigen Stahlkessel der Oettinger-Brauerei – Günter Kollmars Billigbier ist mittlerweile das meistverkaufte in Deutschland. Das Wort „Billigbier“ kann Kollmar allerdings nicht leiden. „Eine üble Titulierung durch die Konkurrenz“, blafft er mit scharf gerolltem „r“ durchs Telefon. Sein Oettinger sei nicht schlechter als andere Marken, nur günstiger. Darauf ist er stolz.

Vor fast 50 Jahren hat Günter Kollmar den Familienbetrieb übernommen, mit 35 Mitarbeitern, die jährlich 5223 Hektoliter Bier produzierten. Heute sind es mehr als 800 Angestellte, die fast 6,5 Millionen Hektoliter abfüllen. Fünf Bierbrauereien, besser gesagt Bierfabriken, gehören zur Gruppe. Eine in Oettingen, drei in Ostdeutschland, eine in Nordrhein-Westfalen. Jeden Tag rollen hunderte Lastwagen von den Höfen und bringen Bierkästen zu Supermärkten und Händlern. An Kneipen und Hotels verkauft Kollmar nicht. „Da müssen Sie dann Bierdeckel und Leuchtreklamen, Werbeschnickschnack eben zur Verfügung stellen“, sagt er. Von Werbung hält Kollmar nichts, dafür gibt er keinen Cent aus.

Wenigstens da sind sich der Edelbrauer Stauder und der Billigbrauer Kollmar einmal einig. Werbung ist nicht immer gut. Deshalb wollten Stauders damals zum Beispiel auch mit dem Wunder von Bern nichts zu tun haben. Ungefähr vier Jahre ist her, dass der Regisseur Sönke Wortmann in Essen anfragen ließ, ob ihr Bier im Film über den Mythos der deutschen Fußballgeschichte eine Rolle spielen soll. Stauder-Bier gehört nun mal dazu, zu einer Geschichte, die im Essen der Nachkriegszeit spielt. „Ruhrrevier trinkt Stauder-Bier“, so ging der Werbeslogan mal. Aber das war vor 50 Jahren, als Stauder noch die Art Bier war, die sich die Kumpels nach der Maloche in staubverklebte Kehlen kippten. „Heute wird unser Bier von Meinungsbildnern und Entscheidungsträgern getrunken“, sagt Claus Stauder. Er meint das bierernst. Da schickt es sich nicht, im Kino ein Millionenpublikum daran zu erinnern, dass Stauder das Arbeiterbier des Ruhrpotts war. „Das wäre für unser Image keine gute Werbung gewesen“, sagen die Stauders einstimmig. Also haben sie das Angebot abgelehnt.

Kollmars Anti-Werbungs-Ansatz ist noch ein bisschen anders: Während Warsteiner, Becks & Co Millionen in TV-Spots investieren, mag er die Verbraucher beim Fernsehen nicht stören. „Immer wenn es spannend wird, kommt die Werbung, und die Leute müssen sich grünbeflaggte Schiffe anschauen. Das ist doch lästig“, sagt Kollmar. Und den Kunden lästig zu werden, das hat er nicht nötig.

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