Das Jahr im Blick (II) : Rette uns, wer kann

Christoph von Marschall

In den Medien hat die neue Präsidentschaft längst begonnen. In der Weihnachtspause erfuhren die Amerikaner mehr über Barack Obama und dessen Kurzurlaub in Hawaii als über George W. Bush in Texas. Heute avancieren die Obamas endgültig zur gefühlten First Family. Sie ziehen in die Hauptstadt, am Montag beginnt der neue Schulalltag von Malia und Sasha. Ihr Vater wird im Kongress um Unterstützung für ein weiteres, viele Hundert Millionen Dollar teures Hilfspaket werben, das drei Millionen Jobs retten oder neu schaffen soll. Dabei ist er noch nicht Präsident, erst in 16 Tagen.

Die Übergangszeit bis zur Amtseinführung am 20. Januar ist für Obama der leichtere Teil des Machtwechsels. Ihn umgibt bereits die Aura des Amts, er kann Heilung predigen, für die Wirtschaft wie für die unfriedliche Welt. Aber noch lastet nicht die volle Verantwortung auf ihm. Der Krieg zwischen Israel und der Hamas, zum Beispiel, ist Bushs Problem. Viele hoffen, dass er rasch endet und nicht die Inauguration überschattet. Zyniker hatten spekuliert, Bush werde in seinen letzten Tagen Irans Atomanlagen angreifen, als letzten Dienst an der Nation. Die Empörung darüber würde ihm im Abgang wenig anhaben. Obama könnte übernehmen, ohne schon bald vor der Entscheidung zu stehen, welche Alternative die schlimmeren Folgen hätte: die Mullahs die Bombe bauen zu lassen oder militärisch einzugreifen. Auch jede Bank und jeder Konzern, der in den nächsten 16 Tagen pleitegeht, wird Bush angekreidet. Im Idealfall endet die Talfahrt mit Obamas Vereidigung und geht in sanfte Besserung über. Mehr darf man ohnehin nicht erhoffen.

Je näher der Wechsel im Weißen Haus rückt, desto klarer wird freilich: Obama kommt, aber die Krisen bleiben. Er ist kein Wunderheiler, dessen Ankunft die Probleme mildert. Unter dem Eindruck der aktuellen Bedrohungen haben sich aber auch die Erwartungen der Amerikaner verschoben. Bis vor wenigen Monaten dominierte das Gefühl, die USA sind Bush-müde, Obama soll alles neu und anders machen. Jetzt beherrschen die ökonomischen und globalen Ängste die Stimmung. So werden ihm nun eher konservative Tugenden abverlangt. Er soll Sicherheit vermitteln, die Nation beruhigen, also nicht zu viele Experimente wagen.

„Change!“, das Versprechen einer spürbaren Wende, wurde als Idee bejubelt. In der Praxis wünschen es die Bürger nicht ganz so stürmisch. Klimaschutz und weniger Energieverbrauch wollen sie schon auch, aber bitte ohne Auflagen, die die schlingernde Wirtschaft bremsen. Guantanamo schließen ist ein gutes Ziel, aber bitte ohne potenziell gefährliche Terrorverdächtige freizulassen, selbst wenn die Beweise gegen sie für eine Verurteilung nicht reichen. Auch in Nahost ist ein Kurswechsel unwahrscheinlich, die Mehrheit gibt Hamas die Schuld. Israel habe die Siedlungen in Gaza geräumt, sei abgezogen, habe Gewächshäuser und Wohnungen unversehrt übergeben; doch statt ihren Staat aufzubauen, feuern die Palästinenser weiter Raketen – das ist die gängige Sicht in den USA.

Das Ausmaß der Krisen zwingt Obama neue Prioritäten auf. Er muss erstmal Amerikas Wirtschaft retten, die Rettung der Welt muss warten. Das Wendeversprechen kann er mit symbolischen Politikwechseln wachhalten: die Stammzellforschung wieder mit Steuergeld fördern oder das Embargo gegen Kuba lockern. „Change“, nur möglichst ohne Risiko.

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