Zeitung Heute : Das Kambodscha-Tribunal

Den Roten Khmer fielen zwei Millionen Menschen zum Opfer – aber erst jetzt gibt es Gerechtigkeit. Oder?

Moritz Kleine-Brockhoff[Phnom Penh]

Im Innenhof, wo neben dem Galgen die Steinsärge stehen, fallen weiße Blüten von Bäumen. Ein Mädchen sammelt ein paar und legt sie vorsichtig an ein Grab. Es hält kurz inne. Dann geht es einige Stufen hoch und in die Folterkammer. Auf verschmierten Kacheln stehen ein Bettgestell und ein Batteriekasten. An der Wand hängt das Foto einer ausgemergelten Leiche, die neben einem Bettgestell in einer Blutlache auf Kacheln liegt. Der Mann wurde hier, im Sicherheitsbüro 21 der Roten Khmer, mit Elektroschocks gequält.

Im S-21, heute ein Museum, wurden ab 1975 Geständnisse erzwungen. Verdächtigte sollten zugeben, dass sie für Auslandsgeheimdienste gearbeitet und Verrat an der sozialistischen Revolution begangen hatten, die Pol Pot in Kambodscha anführte. Jene, die nicht sofort unterschrieben, quälten die Folterer bis zum Geständnis oder bis zum Tod. Mehr als 12 500 Häftlinge starben, nur sieben haben überlebt. In Gebäude B, einem schlichten Betonklotz, hängen Porträtaufnahmen der S-21-Insassen: Viele haben die Arme hinter dem Rücken gefesselt, in ihren Augen steht Angst. Hinter einer jungen Frau liegt ein Baby auf dem Boden. Es starrt zur Decke.

Im Innenhof, da, wo eben das Mädchen die Blüten hingelegt hat, sind die letzen Opfer begraben: 13 Männer und eine Frau, die noch im Januar 1979 gestorben waren. In dem Monat hatte Kambodschas Nachbar Vietnam genug von den Grenzscharmützeln und schickte 150 000 Soldaten. Sie stürzten Pol Pot – und fanden in den „Killing Fields“ bei Phnom Penh zehntausende Leichen. Landesweit waren bis zu eine Million Menschen hingerichtet worden. Und mehr als eine Million Menschen waren an Malaria oder an anderen Krankheiten gestorben, von Zwangsarbeit geschwächt.

Landstraße 4, Kilometerstein 16. Kurz vor Phnom Penh sollen die Verbrecher nun angeklagt werden; mehr als 30 Jahre nach Pol Pots Regime beginnt das erste große Tribunal gegen die Roten Khmer. Hinter langen Mauern stehen auf einer kahlen Fläche große Neubauten. Beim Tribunal kooperieren Kambodscha und die UN, 40 Mitarbeiter sind schon da. Sie huschen über Flure, auf denen noch Baustaub liegt. „Wir sind in der Startphase“, sagt Sprecherin Helen Jarvis, „Richter aus dem In- und Ausland wurden gerade vereidigt.“ Seit 14 Tagen arbeiten die Staatsanwälte. Zunächst ermitteln sie, dann werden sie anklagen, spätestens Mitte 2007 soll der erste Verhandlungstag stattfinden. Jarvis zeigt den Gerichtsaal. Auf einer Seite sind 500 Zuschauersessel mit blauem Stoffbezug im Boden verankert. Der Saal sieht aus wie ein Kino, aber statt der Leinwand gibt es eine Holzbühne.

17. April 1975. Die Roten Khmer, junge Burschen mit Schals, Sandalen und Kalaschnikows, erobern Phnom Penh, sie kontrollieren nun ganz Kambodscha. Sie vertreiben die Menschen aus den Städten, töten Intellektuelle, schaffen das Geld ab, verbieten die westliche Medizin und leeren die Krankenhäuser. „Krüppel fielen Treppen hinab“, schreibt Augenzeuge William Shawcross, „Eltern trugen Kinder, deren Wunden mit Plastiktüten verbunden waren, aus denen Blut tropfte.“ Pol Pot will einen reinen Agrarstaat. Die Menschen schuften auf den Feldern, doch 1977 ist die Ernte schlecht, Zehntausende sterben.

Ein Jahr später kann Kambodscha sich wenigstens mit Reis versorgen. Das Propagandaradio verkündet: „Die Imperialisten, Kapitalisten und Feudalisten haben jahrhundertelang unsere Seele zerstört. Nun ist sie wieder erstiegen. Wir haben unsere Unabhängigkeit und unsere Ehre wieder.“ Der Historiker Craig Etcheson meint heute: „Die Roten Khmer haben ihren eigenen Kommunismus erfunden. Sie haben nach Lenins Regeln ihre Partei gebildet, mit Maos Techniken ihre Revolution geplant und mit Stalins Repression geherrscht. Und sie haben alles noch viel weiter getrieben, als ihre Vorgänger es sich vorgestellt hatten.“

Tausende Kambodschaner haben sich den Gerichtssaal an der Landstraße 4 schon angeschaut. Sie werden dazu eingeladen. Sie sollen glauben, dass greifbar ist, was unglaublich erscheint: Es könnte doch noch etwas Gerechtigkeit geben. Ein Viertel der Bevölkerung starb damals, unter Pol Pot. Jede Familie ist betroffen. Jede. Jahrzehntelang haben sie die blutige Vergangenheit verdrängt, auch in den Schulbüchern stehen nur ein paar Zeilen darüber. Aber weil die Medien nun über die Prozessvorbereitungen berichten, tut sich etwas: Die Jüngeren fragen, und die Alten reden endlich mit ihnen.

„In unserer Nachbarschaft finden 80 Prozent der Leute gut, dass es nun Anklagen geben wird“, meint Tim Samy, eine Frau Ende 50. „Für uns Ältere werden die Verfahren nicht leicht, wir müssen den Horror neu erleben. Doch das muss sein, wir schulden den Opfern das Tribunal.“ Samy hat einen Großvater und zwei Onkels verloren. „Es tut immer noch weh“, sagt sie leise; sie hält die Hand ihres Sohnes und streichelt langsam seine Finger. „Ich bekam ihn in der Rote Khmer-Zeit. Zum Glück haben wir ihn durchgebracht.“ Der Vater war Elektriker, Samy kochte und nähte; sie waren „nützlich“. „Wir lebten in einem Elektrizitätswerk, das die Führung mit Strom versorgt hat“, erzählt sie, „niemand durfte das Werk verlassen, wer es versuchte, wurde erschlagen. Vier Jahre lang dachte ich, ich könnte nie wieder lachen.“

Die Täter fühlen sich zunehmend unwohl, in diesen Tagen, da ermittelt wird. Treffen im Restaurant „Comme à la Maison“. An einem Tisch sitzt ein Mann mit Igelschnitt und Brille, seine Ohren stehen ab, 61 ist er. Er war ein Roter Khmer, sein Name soll nicht gedruckt werden. „Wir waren junge, naive Ideologen. Wir feierten die Oktoberrevolution und hassten den Kapitalismus“, sagt er. Aber dann hätten er und seine Kameraden bald gemerkt, dass Pol Pots Kambodscha auch nicht das war, was sie sich vorgestellt hatten. „Ich wollte unsere Revolution mitgestalten, stattdessen musste ich auf einer Kautschukplantage schuften. Ständig haben sie Leute geholt, die wir nie wieder sahen. Es war einfach deprimierend.“ Nun sitzt der Mann da, raucht Kette und fragt sich, ob er Täter oder Opfer ist. Doch ihm ist klar: „Ich will das Tribunal. Wer für diesen Holocaust verantwortlich ist, muss bestraft werden.“

Pol Pot, „Bruder Nummer 1“ wurde er genannt, kann nicht mehr bestraft werden, er ist tot. Drei wichtige Gefolgsleute ebenfalls, Son Sen, Kae Pok und Ta Mok. Ta Mok starb erst am Freitag, mit 80. Sein Tod ist ein herber Schlag für die Ankläger. „Schlächter“ war Ta Moks Spitzname, er war Chef der Südwestzone und leitete „Säuberungsaktionen“ .

Alle anderen Mitglieder des Rote Khmer-Zentralkomitees leben: Nuon Chea, Ieng Sary und Khieu Samphan. Der Jüngste ist 74, der Älteste 81. Chea war als „Bruder Nummer 2“ Stellvertreter von Pol Pot, Sary als „Bruder Nummer 3“ Außenminister. Samphan trug den Titel „Vorsitzender des Staatspräsidiums“. Der Leiter der Folterstätte S-21 ist auch noch am Leben. Kang Kek Eav ist erst 66. Allein er ist in Haft. „Die anderen werden beschattet, damit sie nicht ins Ausland fliehen“, sagt Youk Chhang. Er sitzt im dritten Stock eines Hauses, an dessen Eingang schlicht „Öffentlicher Informationsraum“ steht. Chhang ist Direktor eines Zentrums, das den Völkermord dokumentiert hat. Die Roten Khmer mochten Akten. Sitzungsprotokolle, Telegramme, erfolterte Geständnisse und vieles mehr sind erhalten. „Es gibt reichlich Beweise. Unser Archiv umfasst eine Million Seiten“, sagt Chhang. Gerade erst hat er 383 149 Seiten Zeugenaussagen von Opfern übergeben. Die anderen bewahrt er an verschiedenen Orten in feuersicheren Schränken auf, Kopien auf Mikrofilm im Ausland. Er hat Morddrohungen bekommen.

Bei zwei Millionen Opfern gab es viele Täter. Sie haben sich im Nachkriegskambodscha gut zurechtgefunden, nun fürchten sie das Tribunal. „Auch in unserer Regierung sitzen Rote Khmer. Sie haben Blut an den Händen und fahren Luxusautos“, meint ein Politiker bitter. Laut Statut sollen nur „die obersten Führer und diejenigen, die hauptsächlich verantwortlich sind für schwere Verbrechen“, belangt werden. „Kambodschas Frieden käme in Gefahr, wenn uneingeschränkt angeklagt würde“, meint Tribunalsprecherin Helen Jarvis, „Gerechtigkeit, nationale Einheit und Versöhnung müssen balanciert werden.“

Realisten rechnen mit drei oder vier Anklagen, Optimisten mit sechs, Idealisten mit viel mehr. Einige ehemalige Zonen- und viele Distriktchefs leben noch, alle hatten Folterstätten unter sich – wahrscheinlich kommen sie davon. Pessimisten glauben, dass nicht einmal „Bruder Nummer 3“, Ieng Sary, belangt wird. „Er ist reich und hat beste Politbeziehungen“, meint ein Justizexperte. „Sari wird beschützt, er versteht sich gut mit Ministerpräsident Hun Sen.“ Und sogar Sen, ein Autokrat, war früher ein Roter Khmer. Als stellvertretender Regimentskommandant in der Ostzone stationiert, war Sen 1977 jedoch nach Vietnam geflohen.

Formell war es Premier Sen, der 1997 die UN gebeten hat, beim Aufbau eines Tribunals zu helfen, doch eigentlich ist es nur auf großen Druck aus dem Ausland hin zustande gekommen. Die UN wollten ein internationales Tribunal unter ihrer Leitung. Hun Sen jedoch erlaubt bloß ein Gericht, bei dem Kambodscha formell das Sagen hat. Und: Hun Sens Regierung steuert nur 1,5 Millionen US-Dollar und Sachleistung zu den Prozesskosten bei, es sind 21 weitere Staaten und die EU, die die restlichen 45 Millionen aufbringen. „Ein Skandal“, findet ein westlicher Diplomat. „Kambodscha gibt weniger als einen Dollar pro Opfer.“

Nachmittag in der „Elephant Bar“, Richter Thou Mony bestellt Cappuccino. Nett ist er, etwas schüchtern. „Beim Rote Khmer-Tribunal stehen wir vor einer großen Aufgabe“, sagt Mony. 2004 hatte er den Neffen von Premier Hun Sen freigesprochen, der in erster Instanz nach Mordanklage zu Gefängnis verurteilt worden war. Er hat Chea Leang mitgebracht, 38, Tribunal-Staatsanwältin und Nichte von Kambodschas Vizepremier Sok An. Leang hat in Halle studiert, Mony in Leipzig.

„Wir sind stolz, für diese wichtige Aufgabe nominiert zu sein“, sagt Leang. Sie ist eine kräftige Frau, der Strenge zuzutrauen ist. Doch dass sie bald Völkermörder anklagt, kann sie sich noch nicht vorstellen. Richter Mony ist nervös, er reibt seine Fingerspitzen aneinander und lächelt verlegen. „Offen gesagt“, meint Leang schließlich, „haben wir keine Ahnung, wie die Tribunalarbeit aussehen soll.“ Ein deutscher Rechtsexperte wird kommen und Leang ein Jahr lang zur Seite stehen. Eine Einladung zur Weiterbildung in Deutschland hat sie abgelehnt. Ihr ist der Flug zu lang.

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