Zeitung Heute : Das Kartell der Heuchler

FRANK BACHNER

Doch diese haben beim Dopinggipfel in Lausanne dokumentiert, daß verhaftete Fahrer und Doping-Geständnisse von Top-Stars für sie lediglich Kleinigkeiten sind.Vehement verteidigten die UCI-Funktionäre ihre niedrigen Mindeststrafen für Doping-Erstsünder und wußten sich einig mit den Kollegen vom Weltfußball-Verband.Erst in letzter Minute gaben die Funktionäre, zum Teil, nach.Ersttäter werden in der Regel jetzt doch in allen Verbänden zwei Jahre gesperrt.Nur: Ausnahmen sind möglich.

Das ist als Ergebnis nicht viel für einen Gipfel, der beim Anti-Doping-Kampf in eine bessere Zukunft führen sollte.Daß, weiteres Ergebnis, auch eine Anti-Doping-Agentur eingerichtet wird, ist zwar ermutigend, mehr aber auch nicht.Noch ist zum Beispiel unklar, wer ihre Unabhängigkeit gewährleistet.

Wer jetzt die Hoffnung hat, die generelle Zwei-Jahres-Sperre würde den Dopingmißbrauch wirksam eindämmen, liegt falsch.Strafen wirken nur abschreckend, wenn sie konsequent angewendet werden.Doch in der Praxis erreichten viele überführte Dopingsünder bislang selbst mit abenteuerlichsten Begründungen Strafminderung oder -freiheit.1996 in Atlanta gingen zum ersten Mal in der Geschichte von Olympischen Spielen zwei Athleten an den Start, die des Dopings überführt waren.

Das paßt ins Gesamtbild.Der Kampf gegen Doping ist immer noch vor allem eine große Heuchelei.Und ausgerechnet jene Institution, die bei diesem Kampf am längsten Hebel sitzt, behilft sich mit Alibi-Aktionen: das Internationale Olympische Komitee, Hüter der weltweit attraktivsten aller Sport-Veranstaltungen.Das IOC hatte immer schon die Macht, Verbände wie die UCI, die sich den IOC-Regeln nicht unterwerfen, von den Spielen auszuschließen.Passiert ist nichts.Und trotz Milliarden-Einnahmen finanzierte das IOC keine umfassenden, weltweiten Trainingskontrollen.

Aber gerade weil es inzwischen um Milliarden geht und Sponsoren Spitzensport als saubere Ware wollen, wurde das Problem Doping bisher immer möglichst klein geredet.Schon 1980 bezeichnete IOC-Präsident Samaranch die Moskauer Spiele als dopingfrei.In Wirklichkeit gab es zwölf positive - und vertuschte - Proben.Und noch 1998 forderte der IOC-Chef eine radikale Kürzung der Liste mit verbotenen Substanzen.

Da die Gralshüter der olympischen Bewegung so denken, wird auf niederer Ebene, bei den nationalen oder Welt-Verbänden, mitunter genauso weggeschaut.Ausgerechnet vor Atlanta hatte das Olympische Komitee der USA angeblich kein Geld mehr für Trainingskontrollen.Daß in diesen Bereichen neues Denken einzieht, ist zumindest zweifelhaft.

Dabei wäre in einer Zeit, in der Sport zur Millionen-Ware und der Athlet zum Unternehmer aufstieg, längst eine erhebliche Verschärfung des Anti-Doping-Kampfes nötig gewesen.Schließlich steigern die Aussichten auf Werbeverträge oder Prämien den Wunsch nach Verbotenem.Zum Kartell der Heuchler gehört allerdings auch ein Teil jener Journalisten und Fans, die jetzt auf starrsinnige Funktionäre einprügeln.Die gleichen Kritiker verhöhnen vierte Plätze als blamable Leistung und fördern damit den Wunsch nach Dopingkonsum.

Den wirksamsten Druck beim Anti-Doping-Kampf können deshalb nur die Sponsoren ausüben.Solange sie nicht auf eine harte Linie drängen, wird sich gar nichts ändern.Und Lausanne bleibt als das in Erinnerung, was es vor allem war: eine pompöse, aber lange Zeit enttäuschende Show.

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