Zeitung Heute : Das Kind hinter der Tür

JAN SCHULZ-OJALA

Taschentücher? Lachsäcke? Hat das britische Kino nicht nötig.Neuestes Beispiel: "Stella does tricks"VON JAN SCHULZ-OJALANichts gegen Bernd Eichinger, na ja, heute mal fast nichts.Aber man stelle sich einmal vor, der Goldesel des deutschen Films hätte das Drehbuch zu "Ganz oder gar nicht" in die Finger gekriegt.Frauen, die auf die "Chippendales" stehen, arbeitslose, krumm und schief gebaute, auch mal kohlbäuchige Ehemänner, die ihre eigene Nacktshow proben - hätte da der Bernd Eichinger nicht gleich gerufen: "Tom Gerhardt, übernehmen Sie!" Und wäre dabei nicht was fett Schenkelschlagendes rausgekommen, der ultimative "Laß jucken, Hausfrau" für die neunziger Jahre? Nichts gegen Helke Sander, Dana Vavrova oder auch Caroline Link, allesamt sensible, problembewußte Regisseurinnen.Aber man stelle sich mal vor, sie hätten folgendes Drehbuch in die Finger gekriegt: Minderjährige Prostituierte, vom Vater mißbraucht, in den Fängen eines Ersatzpapas von Zuhälter und fluchtweise verliebt ausgerechnet in einen Junkie, der sie alsbald aus Geldnot weiterverkauft ...wäre das nicht zwingend in arg deutsches Betroffenheitskino gemündet, wohlorganisiert frauenbewegt und tapfer diesseits der Stille? Heute aber sind wir wieder mal im britischen Kino - und was dem Robert Cattaneo in seinem Spielfilmdebüt über die Stahlkocher auf Stütze, die auszogen, das Ausziehen zu lernen, so wunderbar komisch gelang, das ist auch Coky Giedroyc in ihrem Erstlingsfilm über die 15jährige Stella nicht schiefgegangen.Denn dieses Kino fürchtet sich nicht vor den unlösbar scheinenden Miseren des Lebens und verrät sie doch nie an blanke Tränenseligkeit, es spricht die Sprache der Leute und verrät sie doch niemals an die Klamotte.Es rückt die Zuschauer wie ohne Aufwand nah an die Figuren - und rückt so unaufdringlich selbst nah an die Zuschauer.Ganz simpel das eigentlich, wie jeder Zauber. Kelly Macdonald - sie war das Schulmädchen Diane in "Trainspotting" - ist Stella, wieder ein Schulmädchen, Tochter eines schmierigen Stand-up-Komödianten und auf der Suche nach der stärkeren Schulter.Mr.Peters, ein irritierend nettes Gene-Hackman-Face (James Bolan), bietet sich an, aber im Tausch für ein bißchen Zuhause muß Stella ihn per Hand beglücken - diskret auf der Parkbank unter der aufgeschlagenen Zeitung, versteht sich.Sie zieht in die Billigpension, in der für Peters noch ein paar andere Mädchen anschaffen gehen, und als sie bald wegwill von ihm, wird er erst sehr leise, dann sehr böse.Es gibt ein paar Autofahrten, in denen die beiden nur reden: qualvoll virtuose Miniaturen der psychischen Hörigkeit. Später wird Stella wie ohne Anlauf Rache nehmen an den Vaterfiguren und sogleich wieder lenkbar werden an der Seite eines großen, dann doch nur kleinen Bruders; aber es ist nicht die Geschichte selbst, die "Stella does tricks" so nachhallen läßt in der Erinnerung.Es sind Szenen: wie sie durch einen Swimmingpool taucht in schwarzen Klamotten, nur um aufzutauchen vor Eddie (Hans Matheson), den sie unglückseligerweise schon wieder ganz schnell liebt; wie sie, inzwischen Blumenverkäuferin, Eddies Loch von Wohnung klaustrophobisch zutapeziert; wie sie durch eine Tür geht und wieder Kind ist und wieder zurück und nie wieder Kind ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Am Ende steht Stella auf der Bühne, auf der sonst ihr Vater steht, und sagt, daß sie nur "stories" erzählt jetzt, da die Alpträume vorbei seien und die Träume sowieso.Da ist sie für einen Augenblick fast ein Hinterzimmer-Star, und tatsächlich erzählt dieser Film "stories", zwei oder drei Sachen, die wir nachher von ihr wissen, nicht mehr.Aber immerhin sie, und sicher. Filmkunst 66, Nord, Xenon; Moviemento (Originalfassung)

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