Zeitung Heute : DAS KLAVIER

von der Nachbarin

Das Kind soll ein Instrument lernen, sagten die Eltern. Das fördert den Sinn für die schönen Künste. Das Kind dachte an Triangel, Xylophon, Trommel, was zum Draufhauen. Dann stand ein Klavier im Zimmer. Groß, schwarz, alt. Öffnete man den Deckel, quietschte es und ein Geruch nach Zigaretten entströmte den Tasten. Ehrfürchtig stand das Kind davor. Am Anfang konnte es, wenn es auf dem Klavierhocker saß, mit den Zehenspitzen nicht den Boden berühren. Das Klavier gehörte der Nachbarin, die hatte das Kind oft heimlich bewundert, wegen ihrer imposanten schwarzen Haare, wegen der Feste auf ihrer Terrasse, wegen des verwunschenen Gartens. Die Nachbarin war weggezogen und hatte ihr Klavier der Nachbarstochter überlassen. Zur Erinnerung und weil die neue Wohnung zu klein war. Also wurde das Kind zum Klavierunterricht geschickt. Am Anfang hasste es die Stümperei auf den Tasten und das ewige Üben. Heute bin ich froh, dass ich auf den Tasten schlechte Laune vertreiben und mich in eine eigene Welt hineinspielen kann. Das Klavier ist jetzt vielleicht 120 Jahre alt, das Elfenbein ist noch vergilbter, die Töne klingen noch verstimmter. „Kann man nichts machen“, hat ein Klavierbauer vor ein paar Jahren gesagt. Der Schwingboden schwingt nicht mehr. Egal. Freundinnen kamen und gingen, Männer kamen und gingen, das Klavier ist geblieben. Und mit ihm die Erinnerung an den verwunschenen Garten, an die Frau mit den turmhohen schwarzen Haaren. So soll es bleiben. Claudia Keller

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben