Zeitung Heute : Das Lager

Am 27. Januar 1945 hatte das Morden in Auschwitz ein Ende – die Rote Armee befreite das größte deutsche Vernichtungslager. Auschwitz ist zum Symbol geworden. Aber was dort geschah, war real bis ins letzte Detail.

Annabel Wahba

Wollte man den Massenmord in einem Geräusch darstellen, es wäre das Rattern von Güterwaggons. Tag und Nacht rollten die Züge nach Auschwitz – sie kamen aus ganz Europa. Auschwitz, sagt man, sei „die Hölle“ gewesen. Aber kann man sich die Hölle vorstellen? Auschwitz war eine Fabrik, mit nur einem Ziel: Töten. Denn selbst wer nicht sofort nach der Ankunft ermordet wurde, durfte nur so lange leben, wie er arbeiten konnte. Und lange hielt das unter den Bedingungen in Auschwitz und den 45 Nebenlagern keiner durch.

Der spätere Lagerkommandant Rudolf Höß hatte das polnische Auschwitz im Sommer 1941 zum Zentrum der Judenvernichtung gemacht – wegen der „günstigen verkehrstechnischen Lage“, und weil sich das Gebiet leicht tarnen und absperren ließ. Nach verschiedenen Schätzungen starben in dem größten deutschen Vernichtungslager 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen, die meisten waren Juden.

Als die Rote Armee Mitte Januar 1945 näher rückte, begannen die Deutschen mit einem überstürzten Rückzug und zwangen rund 60000 Gefangene auf Märsche gen Westen, die die meisten nicht überlebten. Am 27. Januar 1945 hatte das Morden in Auschwitz ein Ende. Die Rote Armee fand hunderte Leichen von kurz zuvor getöteten Gefangenen vor. Aber etwa 7000 Überlebende, schwer krank und vollkommen geschwächt.

Auschwitz ist das Symbol für ein Verbrechen, das jenseits der Vorstellungskraft zu liegen scheint. Aber der Massenmord ist nicht unvorstellbar, er ist konkret bis ins letzte Detail.

DIE RAMPE

Als der rumänische Arzt Mauritius Berner nach viereinhalb Tagen im Güterwaggon in Auschwitz ankam, konnte er gerade noch seinen Kindern die Mäntel anziehen. Für die drei kleinen Töchter Susi, Elga und Nora hatten sie nichts zu essen und zu trinken gehabt, auf dem Weg von Rumänien nach Auschwitz hatte man ihnen fast alles abgenommen, selbst die letzten Kekse für die Kinder. Dann wurden die Waggontüren aufgerissen und die SS-Männer schrien: „Aussteigen!“ Man riss ihnen das verbliebene Gepäck aus der Hand und Berner sagte zu seiner Frau: „Die Hauptsache ist, wir bleiben beisammen.“ Kaum hatte er das gesagt, wurden Männer von Frauen getrennt. Seine Frau rief noch: „Komm, küsse uns.“ Berner lief schnell aus der Reihe und küsste sie, dann wurde er wieder abgedrängt. Danach hat er seine Familie nie mehr wiedergesehen.

Berner wurde bei der Selektion an der Rampe für arbeitstauglich befunden. Frauen mit Kindern wurden sofort aussortiert, man sagte ihnen, sie würden ein Bad nehmen. Stattdessen gingen sie von der Rampe direkt in die Gaskammern.

Anfangs kamen die Züge noch am Bahnhof Auschwitz an, gut einen Kilometer vom Stammlager Auschwitz entfernt, doch nachdem die Nazis mit der „Endlösung“ die Massenvernichtung der europäischen Juden beschlossen hatten, wurden die Gleise 1943 direkt bis ins Vernichtungslager Birkenau verlegt.

An der Rampe taten meist Ärzte wie Josef Mengele Dienst, SS-Männer bewachten die Ankunft der Züge mit bis zu 3000 Personen und sorgten für den reibungslosen Ablauf der Selektion. Im Sommer 1944, als die Züge mit den Juden aus Ungarn eintrafen – eine halbe Million Menschen –, wurde Tag und Nacht selektiert. Manchmal kam es vor, dass Häftlinge, die in der Aufnahmeabteilung des Lagers arbeiteten, sahen, wie Verwandte ankamen. Eine Frau erkannte einmal ihre Schwester unter den Neuangekommenen mit einem Kind auf dem Arm. Sie gab ihr Zeichen, sie solle das Kind der Großmutter geben, denn die alte Dame und das Kind waren ohnehin verloren. So blieb die Schwester am Leben.

DIE BARACKEN

Am 14. Juni 1940 kam der erste Häftlingstransport in Auschwitz an. Bereits im März 1941 ordnete Heinrich Himmler eine Vergrößerung des Lagers an. Und im Oktober begann der Bau von Birkenau, das 150000 Häftlinge fassen sollte. Man begann mit dem Bau von BI, in den Abschnitten a und b wurde das Frauenlager eingerichtet. Die Frauen lebten in unverputzten Baracken mit gemauerten Boxen an Stelle von Betten. Im übrigen Lager wohnten die Häftlinge in Baracken, die nach dem Muster der Wehrmachts-Pferdeställe gebaut waren.

Der Häftlingsarzt Otto Wolken beschrieb im Frankfurter Auschwitzprozess Anfang der 60er Jahre, wie es in einer solchen Baracke aussah: Im Lagerabschnitt BIIa „lagen die Kranken und Neuzugänge zu sechst oder acht auf Pritschen ohne Strohsack, eine Decke für vier Mann. Im Herbst und im Winter schliefen die Menschen – bis zu 1200 in einer für 300 Personen bestimmten Baracke – oft auf dem verschlammten Lehmboden.“ Später, als man eine der Baracken in einen Kuhstall umbaute, hielt die Lagerleitung es für nötig, sie mit Lüftungsanlagen und einem Zementfußboden zu versehen.

Im Frauenlager, erzählte die österreichische Ärztin Ella Lingens, selbst Häftling, haben die Frauen ihr Essen wie Hunde aus den Schüsseln geleckt, weil es kein Besteck gab. „Die einzige Wasserquelle befand sich unmittelbar neben der Latrine und hatte auch den Zweck, die Exkremente wegzuspülen.“ Die Frauen standen dort und versuchten, Wasser in Behältern mitzunehmen, während andere ihre Notdurft verrichteten. Aufseherinnen schlugen mit den Knüppeln dazwischen und die SS ging auf und ab und sah zu.

VILLA HÖSS

Rudolf Höß war von 1940 bis ’43 Kommandant des Lagers. 1944 kehrte er auf Wunsch Heinrich Himmlers nach Auschwitz zurück, um die Vorbereitungen für die Tötung der ungarischen Juden zu koordinieren. Höß setzte sich mit allem Ehrgeiz dafür ein, dass die Todesmaschinerie so gut wie möglich lief. Der österreichische Häftling Hermann Langbein, später Generalsekretär des Internationalen Auschwitz Komitees, berichtete, dass 1944 lebende Kinder in große Feuer geworfen wurden, die neben den Krematorien brannten. Höß hatte den Befehl dazu gegeben, weil nicht mehr genug Gas da war.1946 wurde er verhaftet und an Polen ausgeliefert. Im April 1947 wurde er hingerichtet, an einem Galgen im Lager Auschwitz, mit Blick auf seine frühere Kommandantur.

Höß lebte mit seiner Familie nur wenige Meter entfernt vom Stammlager Auschwitz in einer Villa mit Garten. Seine Frau Hedwig richtete auf dem Dachboden der Villa ein Nähstudio ein, in dem jüdische Häftlinge für sie und die Familie Kleider schneiderten. Stoffe und Pelze kamen zum Teil aus „Kanada“, dem Lagerraum, in dem die Wertgegenstände der Deportierten aufbewahrt wurden. Auch den Garten pflegten Auschwitz-Häftlinge, andere mussten als Köchin und Stubenmädchen arbeiten oder Fische aus den lagereigenen Teichen in die Villa Höß bringen. Die völlig ausgehungerten Häftlinge, die für sie Arbeiten erledigten, belohnte Hedwig Höß mit Almosen: mit etwas Milch, Brot oder Kaffee.

Die Ärztin Ella Lingens hatte ein ganz ähnliches Erlebnis mit Hedwig Höß. Im Frauenlager Birkenau, wo im Winter 1943/44 ein Drittel aller Häftlinge an Unterernährung und Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber starb, wurden auch Kinder geboren. Lingens berichtet, sie hätten nicht einmal Wasser gehabt, um die Babys nach der Geburt zu waschen, sondern rieben sie notdürftig mit Krepppapier ab. Es fehlte an Nahrung und Medikamenten. Neben dem Block waren die Leichen aufgestapelt, sie wurden von Ratten angefressen. Einmal schickte die Frau des Kommandanten ein rosa Jäckchen in diese Elendsbaracke.

KANADA

So nannte man in Auschwitz das Lager mit den Kleidern und Wertgegenständen der Deportierten, es trug diesen Namen, weil Kanada für die Gefangenen ein Symbol von Reichtum war. Bei ihrer Ankunft in Auschwitz wurde den Häftlingen alles abgenommen, von einem Zwangsarbeiterkommando eingesammelt und sortiert. „Bereits 1942 war Kanada I schon nicht mehr in der Lage, die Sortierung laufend zu erledigen“, schrieb Kommandant Höß in seiner Autobiografie, die er in polnischer Haft verfasste. „Trotz immer wieder neu erstellter zusätzlicher Schuppen und Baracken, Tag- und Nachtarbeit der sortierenden Häftlinge (…) türmte sich das noch unsortierte Gepäck. (…) 1942 wurde mit dem Aufbau des Effektenlagers Kanada II begonnen. Kaum waren die 30 Baracken aufgestellt, so waren sie auch schon voll. Berge von unsortiertem Gepäck türmten sich zwischen den Baracken.“

Der Besitz der Juden wurde nach der Sortierung in den Waggons aus dem Lager transportiert, die zuvor die Deportierten nach Auschwitz hineingebracht hatten. Die Pelze und Kleider wurden zum Teil dem Winterhilfswerk zugeleitet, oft bedienten sich aber auch die SS-Leute aus dem Lager. Die deutsche Wirtschaft profitierte immens vom Massenmord, das gesamte Vermögen der Deportierten floss in den Kriegshaushalt. Deshalb bezeichnet der Historiker Götz Aly den Holocaust auch als „größten Massenraubmord“ der modernen Geschichte: „Es ging vom ersten Tag an ums Geld.“

MEXIKO

Wenn man im Lager mit dem Vergasen und Verbrennen nicht nachkam, wie im Sommer 1944, schickte man die ankommenden Juden in ein Ausweichlager, das unter dem Namen „Mexiko“ bekannt war. Dort gab es kein Essen, man stellte den Häftlingen nur einen Bottich mit Wasser hin, es gab kein Licht, Tausende wurden dort hineingepfercht, die hygienischen Bedingungen waren erbärmlich. Die Häftlinge schliefen auf dem Boden und hatten keine Kleidung. Man nannte das Lager Mexiko, weil einige Häftlinge statt Kleidung nur Decken über den Schultern trugen, ähnlich des Ponchos in Lateinamerika.

BUNKERBLOCK

In Block 11 war der berüchtigte Bunkerblock mit den Stehzellen – von außen zugemauerte Hohlräume, weniger als ein Quadratmeter groß, die Häftlinge mussten durch eine kleine Öffnung hineinkriechen. Bis zu vier Menschen pferchten die Deutschen in die Zelle, die meisten Häftlinge erstickten, verhungerten oder wurden wahnsinnig. Stehbunker war eine Bestrafung für so genannte Lagervergehen: Ein Häftling wurde zum Beispiel zu sieben Nächten Stehbunker verurteilt, weil er in seinem Strohsack eine Häftlingsmütze gegen die Kälte versteckt hatte.

Zwischen Block 11 und 10 wurde die Schwarze Wand errichtet, an der Häftlinge erschossen wurden. Sie mussten sich zuvor ausziehen, dann wurden Häftlingsnummer, Namen und Geburtsdatum aufgeschrieben und die SS-Männer schossen ihnen in den Hinterkopf.

KREMATORIEN/GASKAMMERN

Die Kapazität des Krematoriums neben dem Stammlager Auschwitz reichte bald nicht mehr aus – man nennt es deshalb „Altes Krematorium“. Im Winter 1942/43 wurden hinter dem Lager Birkenau, wo der Wald beginnt, vier große Krematorien errichtet. Am Bau war auch Filip Müller beteiligt, einer der wenigen Überlebenden des Sonderkommandos. Das Sonderkommando musste die vergasten Leichen verbrennen, fast alle Mitglieder wurden von der SS ermordet, da sie Mitwisser des Verbrechens waren.

Müller kannte die Krematorien von Birkenau, die vor dem Eintreffen der Roten Armee gesprengt worden waren: Die Krematorien I und II hatten je 15 Öfen im Erdgeschoss. Man ging über Treppen in den unterirdischen Auskleideraum. „Zum Bad“ stand dort in verschiedenen Sprachen mit einem Pfeil zur Gaskammer. Von der Gaskammer ging ein Aufzug hinauf, mit ihm wurden die Leichen in den Verbrennungsofen gebracht. Die Krematorien III und IV waren etwas kleiner, das Gas wurde durch ein Fenster eingeleitet, während in I und II imitierte Brausen an der Decke hingen, aus denen statt Wasser Gas strömte.

Bis zu 3000 Personen wurden auf einmal in die Gaskammer gezwängt, wer ahnte, was dort geschah und sich wehrte, wurde mit Gewalt hineingeworfen oder mit Genickschuss getötet. Meist wurde täglich vergast, rund um die Uhr. Einmal kam es zu einem Zwischenfall, als ein Transport aus Warschau ankam. Rapportführer Schillinger befahl einer Tänzerin, sie solle sich ausziehen. Die Frau weigerte sich, entwandt dem SS-Mann seine Pistole und erschoss ihn, einen anderen verletzte sie am Bein. Aber dieser Zwischenfall war eine Ausnahme. Wer für die Gaskammer bestimmt war, hatte keine Chance, dem Tod zu entrinnen. Kinder wurden manchmal über die Köpfe derer geworfen, die sich schon in den Gaskammern drängten. Nach fünf bis sieben Minuten, manchmal 20, waren die Menschen tot. Danach wurden die Leichen zumeist in den Öfen verbrannt. Teilweise auch im Freien. Der Geruch der verbrannten Körper hing über dem ganzen Areal. Der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kertész beschrieb in seinem Roman über seine Ankunft in Auschwitz, wie er einen „süßlichen und irgendwie klebrigen Geruch“ wahrnahm, in dem man „förmlich steckenblieb wie in irgendeinem Matsch, einem Sumpf“.

VERSUCHSBLOCK

In Block 10 führten Ärzte, unter ihnen Josef Mengele, Versuche an Häftlingen durch. Mengele durchsuchte die Transporte nach eineiigen Zwillingen, um an ihnen zu forschen und neue Erkenntnisse in der Vererbungslehre zu gewinnen. Man zapfte den Kindern Blut ab, bis sie ohnmächtig wurden, viele wurden mit Krankheiten infiziert. Sobald die Zwillinge daran starben, wurden die Körper seziert und die geschädigten Organe verglichen. Einige Kinder überlebten und wurden von der Roten Armee befreit. Auch die Kleinen hatten genau wie die Erwachsenen eine Nummer in den Arm eintätowiert. Im Versuchsblock wurden außerdem Mittel zur Sterilisierung an Frauen getestet, Experimente zur Erforschung von Tuberkulose und Hepatitis durchgeführt. Oft waren die Ärzte auch nach 1945 in ihrem Beruf tätig.

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