Zeitung Heute : Das lange Warten auf Windows 2000

PETER ZSCHUNKE (AP)

Das neue Jahr beginnt für die Computerbranche im Zeichen von Windows 2000 - nach all den negativen Schlagzeilen über Microsoft im vergangenen Jahr soll dieses Profi-Betriebssystem 1999 neue Maßstäbe in der Informationstechnologie setzen und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.Zuerst für den Einsatz im Unternehmen gedacht, wird der Nachfolger des 1993 eingeführten Windows NT mittelfristig auch als Plattform für den privaten Anwender entwickelt.Obwohl Windows 2000 umfangreicher, komplexer und anspruchsvoller als alle Vorgänger ist, soll es laut Microsoft auch "das bisher einfachste Windows für die Arbeit am PC" werden.

Wie schon bei früheren Windows-Versionen kommt auch die neue Software später als zunächst angekündigt, was Microsoft einmal mehr harsche Kritik einbringt.Das amerikanische Online-Magazin " Wired News " verlieh dem Windows-NT-Nachfolger zum Jahreswechsel die zweifelhafte Ehre der besten "vaporware" für das Hi-Tech-Produkt, das am meisten Rauch und Nebel verbreitet hat.Das ursprünglich für 1998 angekündigte Windows 2000 sei nach überwältigend deutlicher Lesermeinung "das größte gebrochene Versprechen" des vergangenen Jahres gewesen.Schwerer noch dürfte Microsoft eine zum Jahresanfang veröffentlichte Studie des Marktforschungsinstituts Giga treffen, wonach 59 Prozent der befragten Manager kein Vertrauen mehr in Ankündigungen von Microsoft haben - verglichen mit mehr als 98 Prozent, die Aussagen von Intel, Hewlett-Packard oder Sun Microsystems für glaubwürdig halten.

Fast 60 Prozent der Manager gaben an, sie würden von Windows zu einem anderen Betriebssystem wechseln, wenn sie entsprechende Alternativen erkennen würden.Diese wird offenbar zunehmend in dem freien Betriebssystem Linux gesehen, das Giga zufolge 1998 mehr als 500 000 Mal ausgeliefert wurde - dies entspricht gegenüber 1997 einer beeindruckenden Steigerung von über 200 Prozent.Windows NT ist mit mehr als 1,2 Millionen Auslieferungen im vergangenen Jahr das meistverbreitete Server-Betriebssystem, wobei der Zuwachs 27 Prozent betrug.

Mehr als 2000 Programmierer arbeiten bei Microsoft an Windows 2000, um den Erfolg des Betriebssystems sicherzustellen.Die zweite Beta-Version wird derzeit von mehr als 200 000 Testern unter die Lupe genommen.Ende Februar oder März soll eine Beta 3 von Windows 2000 herauskommen, die fertige Ausgabe könnte dann vielleicht im Herbst verschickt werden - wenn die verantwortlichen EDV-Manager dem kritischen Wechsel ins Jahr 2000 entgegengehen.

Windows 2000 soll die Schaltzentrale für das Unternehmen werden, das sich Microsoft-Chef Bill Gates als "digitales Nervensystem" vorstellt.Die wichtigsten Verbesserungen erstrecken sich denn auch auf den Austausch zwischen mehreren Computern im Netzwerk.Dazu gehört die Integration sogenannter Verzeichnisdienste (Directory Services) - das sind unternehmensweite Datenbanken für den schnellen Zugriff auf Informationen über Personen, Organisationen, Computeranwendungen oder Geräte, zusammen mit Einträgen, wer im Computernetz berechtigt ist, auf diese Daten zuzugreifen.

Windows 2000 soll die einfache Bedienung von Windows 95/98 mit der erhöhten Stabilität verbinden, wie sie bisher schon Windows NT auszeichnet.So wird künftig die Multimedia-Schnittstelle DirectX ebenso unterstützt wie "Plug and Play", die automatische Erkennung neu installierter Zusatzgeräte.Die Oberfläche entspricht dem "Active Desktop" von Windows 98 mit dem einfachen statt dem doppelten Mausklick, vorbehaltlich einer Entscheidung im Kartellverfahren gegen Microsoft wird der Internet Explorer 5.0 eng mit dem Betriebssystem integriert.

Neu ist auch ein verbessertes Dateisystem (NTFS), das die Verschlüsselung einzelner Dateien und Verzeichnisse erlaubt.Zur Säuberung der Festplatte gibt es jetzt auch ein Programm zur Defragmentierung, das in NT 4.0 noch zusätzlich erworben werden mußte.Wenn wichtige Systemdateien beschädigt werden, soll dies vom System automatisch erkannt und repariert werden.Microsoft verspricht, daß sich unter Windows 2000 die Zahl der in bestimmten Situationen bisher noch erforderlichen Neustarts verringern wird - vielleicht mit Blick auf Linux, das jetzt schon auch bei eventuellen Eingriffen ins System monatelang im Dauerbetrieb laufen kann.

Windows 2000 wird zunächst in vier Varianten auf den Markt gebracht, von denen drei für den Einsatz auf einem Server, also auf einem Zentralrechner im Netz, bestimmt sind: Windows 2000 Server, Windows 2000 Advanced Server und Windows 2000 Datacenter Server.

Die vierte Ausgabe Windows 2000 Professional ist der Nachfolger von Windows NT Workstation für den Betrieb auf einem Arbeitsrechner - die erforderliche Mindestausstattung dafür sind 48 MB Arbeitsspeicher und rund 600 MB auf der Festplatte.Die Kerntechnologie von Windows 2000 soll auch in den Nachfolger von Windows 98 eingehen, für den es derzeit noch keinen Namen gibt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar