Zeitung Heute : Das Leben lieben

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich war im Theater, es wurde ein sehr realistisches Stück gegeben. Darin geht es um eine Thüringer Familienzusammenkunft. Die Familie besteht u. a. aus: einem sterbenden Vater, zwei zankenden Schwestern, einer krebskranken Schwester, einer lesbischen Schwester, die einen debilen und saufenden Sohn mitbringt, sowie einer Schwester, die sich einen schlierhaarigen und zigarettenhandelnden Polen angelacht hat, da sie es mit ihrem Mann, der immerzu in die Hose macht, nicht mehr aushält. Gegen Ende ersticht der debile Sohn den Polen. Die Botschaft des Stückes, so weit ich sie verstanden habe, lautet: Schön ist es nicht, das Leben, aber so isses nun mal.

Mag sein, dass das Leben vielerorts so ist. Ich habe Glück, meins ist anders. Wenn mein Leben mich in solche Stücke treibt, ahne ich, was es mir damit sagen will: Schau dir das an und sei froh, dass du mich hast! Hab mich lieb!

Ich aber sage zu meinem Leben: Hör zu, Leben, so funktioniert das nicht. Man kann Liebe nicht einfordern. Schon gar nicht mit realistischem Theater. Man muss sich hübsch machen und verführen, verstehst du? – Darauf das Leben: Was denkst denn du, was ich die ganze Zeit tue? Guck dich doch um! Ist denn nicht alles hübsch, mal vom Theater abgesehen? – Man muss ja schon vom Wetter absehen. Könnte da nicht das Theater schöner sein? – Fürs Wetter kann ich nichts. Da sind ganz andere Mächte im Spiel. Also bitte! Hab’ mich lieb! – Okay, aber ich muss mir nicht noch mal so ein Theaterstück angucken! – Kann ich nicht garantieren. Man soll doch auch reifen im Leben. Für Leute, deren Leben so schön ist, dass sie nicht von selbst reifen, ist nun mal das Theater da. Vor allem das zeitkritische, das das Leben so zeigt, wie es ist. – Also schön! – Nein. Problematisch. – Aber so problematisch ist mein Leben doch gar nicht. – Eben! Hab mich lieb! – Nicht unter diesen Umständen! – Du bist undankbar! – Nein! – Doch! – Du musst immer das letzte Wort haben. – Nein! – Doch!

Theater 89, Torstraße 216: „sonst is alles wie immer“, 23. bis 26. Februar, 20.00 Uhr.

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