Zeitung Heute : Das Leid in den Kopf lesen

JELICIC MARKO SCHILLERS

Vier Wochen bekamen wir in der Schule täglich den Tagesspiegel. Am Anfang steckte ich ihn nur in meine Tasche und warf ihn später auf meinen Schreibtisch. Als ich jedoch einmal alleine in der U-Bahn nach Hause fuhr, entschloß ich mich, mal hereinzugucken.Ich guckte mir nur die Artikel auf der ersten Seite an, da ich nicht wußte, wie man so eine Tageszeitung eigentlich faltet. Sofort fiel mir der Kosovo-Artikel ins Auge. Ich fing an zu lesen und blätterte sogar weiter um. Ich fand nichts anderes Interessantes, außer die Berichte und die Fotos im Sportteil. Seitdem nahm ich nun jeden Morgen die Zeitung in die Hand, guckte mir die Sportberichte an und ging dann wieder zurück zu den Kosovo-Berichten im Politikteil des Tagesspiegels.Für mich sind das die interessantesten Artikel, weil ich aus Bosnien bin. Heute sitze ich hier, und während ich diese Sätze hier schreibe, denke ich, daß jetzt wieder Einhunderttausende Kinder das gleiche Schicksal wie ich erleiden.Um so mehr bin ich empört, daß so etwas nun schon wieder passiert! Es sind sogar die gleichen Täter. Man fragt sich, was die Welt für eine Politik macht. Ich sitze weiter da und lese mir das Leid dieser Menschen in den Kopf.Danach kann ich an nichts anderes denken. Es beschäftigt mich einfach zu sehr. Dann kommt meine Mutter, legt ihre Hand auf meine Schulter und sagt: "Geh spielen, Sohn. Wenn du was tun könntest, würdest du es tun."Dann setze ich mich hin, spiele Videospiele, und das Bild dieser Menschen verschwindet, leider. Das passiert leider vielen Menschen, bis sie diese Erfahrung der Vertreibung selber machen. So leid es mir tut: Da mich die Zeitung manchmal sehr deprimiert, lese ich sie in Zukunft vielleicht doch nicht mehr.

Klasse 10E, Schiller-Oberschule

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