Zeitung Heute : Das leise Servus

Nach dem Mord an Moshammer fehlt nun noch einer – vom Verschwinden der Münchner Gesellschaft

Barbara Nolte[München]

„Kay’s Bistro“ war Deutschlands erstes Prominentenlokal. Das war, als man zum Ausgehen noch Ozelot und Affenpelz trug und zum Sex auch mal unter dem Tisch verschwand; Ersteres wird von Gina Lollobrigida und ihrem viel jüngeren Freund berichtet, Letzteres von Rod Stewart.

An die vielen berühmten Gäste in der Bar am Münchner Viktualienmarkt erinnern Autogrammkarten, der Besitzer Kay Wörsching hat damit die Wände zugepflastert. An den Bildern kleben jetzt Nummern. Seit Anfang des Monats ist die Bar geschlossen, vergangenen Mittwoch ist das Inventar versteigert worden. Ein Auktionator sitzt neben dem weißen Flügel, an dem schon Mick Jagger und Elton John spielten, und liest die Nummern vor: „365: Titelbild ,Film und Frau’ – Hildegard Knef mit Widmung“. „Geliebter Kay“, steht drauf, „ich liebe dich (sag’s nicht weiter) hab’ schon genug Ärger.“

Der Preis für das Knef-Bild geht auf 200Euro hoch. Ein Schwarzweißfoto von Johannes von Thurn und Taxis bringt zehn Euro, die junge Senta Berger auf der Filmpremiere vom „Paten“ fünf. Oft muss der Auktionator sagen: „Allein schon der Rahmen ist mehr wert.“ Dann schnellen auch für Mady Riehl, die, wenn man sich richtig erinnert, früher einmal bei „Dalli, Dalli“ in der Jury gesessen hatte, die Hände in die Höhe. Der Ausverkauf von Münchens Stars.

Oder, vielleicht sagt man treffender: Die Münchner Gesellschaft wurde in der vergangenen Woche zu Grabe getragen. Am Samstag zuvor gab es ja noch eine echte Beerdigung, die zweitgrößte in der bayerischen Nachkriegsgeschichte nach der Beisetzung von Franz Josef Strauß. 15000 Menschen säumten den Trauerzug, 17 Fernsehteams berichteten von der Beisetzung Rudolph Moshammers, des Boutiquen-Besitzers und Selbstdarstellers. Mit seinem Tod wurde er zu Münchens Superstar. Nur, bekannte Gesichter waren auf der Trauerfeier kaum zu sehen. Moshammers Bekannte amüsierten sich lieber in Kitzbühel, kritisierte anschließend Ottfried Fischer in der „Abendzeitung“.

Der Schauspieler beklagte die Kälte der Münchner Prominentenszene, die in der letzten Zeit tatsächlich vor allem durch spektakuläre Todesfälle aufgefallen war: An Heiligabend war Dana Kern, die Ehefrau des Modeschöpfers Otto Kern, beim Überqueren einer Autobahn überfahren worden. Nach einem Fest griff sie ihrem Taxifahrer, vermutlich im Wahn oder im Drogenrausch, ins Lenkrad und stieg auf einem Autobahnrandstreifen aus. Ein halbes Jahr zuvor starb die Schauspielerin Jennifer Nitsch. Sie hatte 3,1 Promille im Blut, als sie nach einer durchzechten Nacht aus dem Fenster ihrer Schwabinger Wohnung stürzte oder sprang.

Was ist übrig von der Münchner Gesellschaft, die als die illusterste Deutschlands galt?

Erster Besichtigungstermin: Das P1, 22 Uhr 30. Giulia Siegel, die Tochter des Schlagerkomponisten Ralph Siegel, streitet mit einem Angestellten. Anders als abgesprochen, will sie nun doch nicht zusammen mit Gitta Saxx, dem Playmate des Jahrhunderts, Platten auflegen.

Das P1 ist Münchens Nobel-Disko: Der Schauspieler Helmut Berger hat hier einmal gegen die Bar gepinkelt, der Fußballer Stefan Effenberg eine englische Ärztin geschlagen, und Verena Kerth arbeitete hier als Barfrau, begegnete Oliver Kahn und wurde so zu Verena K. Heute begehen sie im P1 den Red Nose Day: Wer etwas für die Flutopfer spendet, bekommt eine rote stoffene Knollnase geschenkt. Auf einen Prominenten kommen ungefähr vier Journalisten. Am Eingang umringen zehn Fotografen und drei Kameramänner die frühere Pro7-Moderatorin Susan Atwell, die sich ihre rote Nase immer wieder auf- und absetzt, dabei den Kopf hin und her wiegt. Eine zweite Journalistentraube hat sich um einen blassen Langhaarigen mit einem Bier in der Hand gebildet. Es ist der Sohn des Rock-’n’-Roll-Sängers Peter Kraus, Mike Kraus. Vor einer Vitrine mit P1-Baseballkappen und P1-Unterhosen steht P1-Geschäftsführer Klaus Gunschmann. „Frauen!“, sagt er, dreht dabei die Augen nach oben und gibt Giulia Siegel und Gitta Saxx zur Streitschlichtung einen Champagner aus. Und dann kommt auch noch Heydi Nunez-Gomez, die einmal im Dschungel-Camp war. Der Journalist von Radio Gong zückt schnell sein Mikrofon.

An Abenden wie diesen erinnert das P1 an den abgegrenzten Bereich in Fußballstadien, in dem Spieler und Journalisten aufeinander treffen. Die Münchner Gesellschaft, eine „Mixed Zone“.

„Geschwerl“, nennt Karin Dietl-Wichmann die P1-Gäste, „die gehen zu jeder Eröffnung einer Ölsardinendose.“ Karin Dietl-Wichmann war früher Chefredakteurin der Zeitschrift „Cosmopolitan“ und kennt die Münchner Gesellschaft seit Jahrzehnten. „Diese Leute können sich noch hundert Mal fotografieren lassen. Aus denen wird nichts“, sagt sie.

Diese Leute, wie Dietl-Wichmann sie nennt, treffen sich bei der Eröffnung des Omega-Uhren-„Stores“, beim VIP-Treff der Zeitschrift „Gala“, wo der Sohn von Udo Jürgens als DJ Munich auflegt, oder beim „Event“ in der „Lounge“ der Mobilfunkfirma O2. Eine Gästelisten-Gesellschaft – von PR-Agenturen zusammengestellt. „Sie suchen sich die Köpfe aus den Klatschspalten heraus, schreiben außerdem die Chefredakteure an und die Redakteure, die für Kosmetik zuständig sind“, erklärt Karin Dietl-Wichmann. 1500 VIPs haben solche Agenten in ihrer Kartei, und auch Klaus Gunschmann vom P1 hat allein 300 Menschen mit dem schmeichelnden Titel „Very Important Person“ zum Red Nose Day eingeladen. Eine Inflation von Prominenten.

Für sie wird ein roter Teppich ausgerollt und Limousinen, zum angemessenen Vorfahren, werden gemietet. Manchmal muss eine reichen. Dann müssen die Prominenten an einer Ecke warten, die Limousine fährt sie einzeln oder zu zweit vor den roten Teppich, dreht eine Runde um den Block und holt die nächsten. „Zu so etwas gehe ich nicht mehr hin“, sagt Dietl-Wichmann.

Karin Dietl-Wichmann ist die erste Frau des Filmemachers Helmut Dietl und hat einen Roman geschrieben, „Ciao, Herzi“ heißt der, es ist ein Sittengemälde der Münchner Prominenz. Aber noch mehr als der Roman selbst sagt seine Entstehungsgeschichte etwas darüber aus, wie die Gesellschaft funktioniert: Er spielt im Restaurant Romagna Antica, über das auch ihr Ex-Mann seinen Film „Rossini“ gedreht hatte. In „Rossini“ ist die Figur Charlotte Karin Dietl-Wichmann zum Verwechseln ähnlich, eine nicht mehr junge, männerhungrige Journalistin. Dietl-Wichmann machte daraufhin einen Regisseur zum Protagonisten ihres Buches, den seine vier Ex-Frauen – auf so viele bringt es Dietl wirklich – umbringen wollen. Das ist alles sehr münchnerisch: Realität wird zur Fiktion, und die Fiktion schlägt wieder auf die Realität zurück. Alles hängt mit allem zusammen. Es gibt keine Außenperspektive.

„Man beschreibt eben Menschen, die man kennt“, sagt Karin Dietl-Wichmann. Die prominenten Stammgäste des Schwabinger Restaurants beschreibt sie als eintönig und boshaft. Immer dieselben Nudeln, immer dieselben Gespräche. Hof halten, 365 Tage im Jahr. Es muss sie alle irgendwann ziemlich gelangweilt haben. „Ich war ewig nicht mehr da“, sagt Karin Dietl-Wichmann, „der Dietl geht auch nicht mehr hin.“ Als sie letztens zufällig vorbeigelaufen sei, sei der Laden halb leer gewesen.

Zwischenstand: Eine durchkommerzialisierte Gesellschaft, die sich selber anödet – man könnte zum Kulturpessimisten werden. Nur, dass dieselbe Diagnose schon so lange gestellt wird, wie die moderne Münchner Gesellschaft existiert. Bereits 1974 schrieb der Reporter Herbert Riehl-Heyse in der „Süddeutschen Zeitung“: Es sei „durchaus kennzeichnend für die Geselligkeit der so genannten Münchner Gesellschaft, dass sie sich zu einer festlichen Nacht zu Ehren einer französischen Hautcreme“ zusammenfinde. „Es müssen eben eine Menge Werbeetats unter die richtigen Leute geschickt werden, und auf längere Sicht sind die richtigen doch immer die gleichen.“ Bereits Riehl-Heyse machte sich in Schwabing auf die Suche nach der Gesellschaft hinter der Gesellschaft, stieß aber nur auf die Fernsehärztin Marianne Koch, und die ging schon um Mitternacht nach Hause. Der Niedergang der Münchner Gesellschaft scheint ein zeitloses Thema zu sein.

Im Rückblick erscheinen die 70er Jahre als charmante Vorformen der heutigen Totalvermarktung von Prominenz: Rudolph Moshammer hatte seine Boutique mit gemieteten Leoparden eröffnet und sich so geschickt in die Zeitungen gemogelt. Münchens Barbesitzer knüpften als Erste Bande mit der Presse. Kay Wörsching rief manchmal einen Journalisten an, ein Prominenter komme vorbei. Dann rief er den Prominenten an, die Presse sei da. Michael Graeter und Hannes Obermaier waren damals die einzigen Klatschreporter der Stadt. Sie waren Teil der Gesellschaft, keine Beobachter. „Wir durften mitfeiern“, sagt Graeter, der immer noch im Geschäft ist, „es war angesagt, in unseren Kolumnen zu erscheinen.“ Und auch er ist zur Dietl-Figur geronnen, zum Baby Schimmerlos in der Fernsehserie „Kir Royal“. Einmal im Jahr, erzählt er, machte er eine Gegeneinladung für sein Kolumnen-Personal: „Mein Erntedankfest.“

Der Bruch kam in den 80ern. Die Münchner wurden reicher, die Feste größer. Gerd Käfer kann die Entwicklung an seinen Kontoauszügen ablesen. Er war es, der die Kühlschränke der Münchner immer wieder nachgefüllt hat. Käfer war damals schon ein erfolgreicher Gastronom, aber die in den 80er Jahren entstehende Schickeria erst hat ihn zu Deutschlands Feinkostmogul gemacht. Das ist ihm sehr bewusst. Er mag die Schickeria trotzdem nicht. „Die halten sich für zu wichtig.“ Gerd Käfer ist mittlerweile 72 Jahre alt, sein Sohn führt die Firma, nur die alten Kunden beliefert er noch. Er muss schnell bei einer Stammkundin anrufen, um ihr die Menüfolge für ein Dinner durchzusagen. „Also: Als ersten Gang servieren wir Rattenleber, dann Rattenschwänze, alles mit Ratten. Schmarrn…“ Käfer kann sich selbst ein bisschen lustig machen über das überkandidelte Essen-Getue, das er doch erfunden hat. Er ist sehr sympathisch. Natürlich serviert er keine Ratten, sondern Hummer und Kaviar. Heute würde zu vieles für zu selbstverständlich genommen, sagt er: „Selbst wenn man Ameisenherzen vom Grill servieren würde, heißt es höchstens: ganz nett. Die Menschen sind übersättigt.“ Und es sind viele geworden.

Constantin Wahl richtet das Nachtleben für die neue Münchner Gesellschaft aus. Er hat sich von der Organisation des Kurzfilmfestes in einer alten Fabrikhalle, über ein ganzjähriges Oktoberfest namens „Wies’n-World“ zur Diskothek Pacha hochgearbeitet, an die sich das Etikett ,,nobel“ angeheftet hat. Boris Becker, die FC-Bayern-Fußballer und die Kinder des bayerischen Hochadels gehen dorthin. Im Pacha sind die letzten Schranken zum Kommerziellen niedergerissen. Es gehört zu einer weltweiten Diskotheken-Kette mit Filialen in Ibiza und Hamburg. Gut aussehende Frauen, die jede Diskothek braucht, organisiert Constantin Wahl über Model-Agenturen, die ihre Klientinnen auf die Gästelisten setzen dürfen. Und auch Prominente haben im Pacha ihren festen Platz: gleich neben der Tanzfläche. So können die anderen Gäste ihnen dabei zuschauen, wie sie an ihren Drinks nippen. Die lebende Klatschspalte.

1200 Menschen passen ins Pacha rein. 40000 seien an Wochenendnächten in München unterwegs, sagt Wahl, vor ein paar Jahren seien es noch 4000 gewesen. Ausgehen ist in München zum Massenvergnügen geworden – die echte Münchner Gesellschaft haben sie vertrieben.

Dort gelten zurzeit Privateinladungen als besonders prestigereich. Im besten Fall bei Herzog Franz von Bayern oder zu einem Abendessen beim ehemaligen Siemens-Vorstand Doktor Karl-Hermann Baumann. Steife, konservative Veranstaltungen, bei den Baumanns herrscht Pflicht zum Abendkleid, sogar die Farbe ist vorgeschrieben, und nach jedem Gang werden die Plätze getauscht. Aber Hauptsache, man triff kein Zigaretten-Promotionteam und kein Jahrhundert-Playmate. Dem neuen diskreten Geist entsprechend gelten Naturwissenschaftler als Stargäste von Abendgesellschaften. Und da in der Stadt ein kompetitiver Geist herrscht, wird besonders ehrfürchtig von einem Fest berichtet, auf dem gleich drei Nobelpreisträger aufgeboten waren. Es klingt nicht ganz überzeugend: Nichts gegen Nobelpreisträger, aber ob sie sich wirklich zum Feiern eignen?

„Der Moshammer“, sagt der Reporter Michael Graeter, „war zu keinem einzigen echten gesellschaftlichen Ereignis eingeladen. Die Gesellschaft hat ihn nicht ernst genommen.“ Für seine Beerdigung haben seine Erben versucht, eine Gästeliste zusammenzustellen, eine wie jene, auf denen Moshammer früher immer stand. Auch Gerd Käfer, den großen alten Mann der Münchner Gesellschaft, haben die Erben angerufen. Fünf Mal sogar: „Nie“, sagt der, „wäre ich da hingegangen.“

Moshammers Welt waren die Boutique-Eröffnungen und Musical-Premieren. Diese Welt hat er beherrscht. Auf seine Gesellschaftskolumnen-Prominenz hat er seinen ganzen Wohlstand aufgebaut. Auch die Schauspielerin Jennifer Nitsch war dort oft eingeladen. Trotzdem ist wahrscheinlich das Einzige, was die beiden verbindet, dass sie auf denselben Hunderten Premierenschnappschussfilmen drauf sind. Und vielleicht, dass sie sich zu sehr eingelassen haben auf diese Welt, die doch nur eine rein geschäftsmäßige ist.

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