Zeitung Heute : Das Lied in allen Dingen

ALBRECHT DÜMLING

Letzter Schubert-Klavierabend mit Andras Schiff im KammermusiksaalALBRECHT DÜMLINGIn Teilen seines Schubert-Zyklus hatte Andras Schiff den Eindruck erweckt, er liebe allein die große, abgeklärte Sonatenform sowie die transparent vorgetragene Liedmelodie.Am sechsten und letzten Abend überschritt Schiff jedoch vehement die Immanenz der Formen.Das Fragmentarische der f-Moll-Sonate (Deutsch-Verzeichnis 625) ließ er zwar nicht an den Satzenden, wohl aber in ihrem zerrissenen Inneren erkennen.Wie in einer riesigen Kadenz ging der Abend im vollbesetzten Kammermusiksaal von der gestörten f-Moll-Region aus, um über das subdominantische Es-Dur der Sonate D 568 in das dominierende B-Dur der letzten Sonate einzumünden.Die Triller aus dem Finale des Es-Dur-Werks wanderten dabei vom Diskant in die Baßregion, von wo sie wie ein gespenstisches Donnergrollen tönten. Der pedalisierte Baßtriller war das Zauberwort.Leise dröhnend beendete er den ersten Achttakter und steigerte sich vor der Wiederholung der Exposition zu lautem Donnern, bevor er wieder leise und geheimnisvoll in die Reprise überleitete.Während den meisten Pianisten durch ihren Verzicht auf Wiederholungen dieser dröhnende Triller entgeht, gewann der alle Wiederholungen ausspielende Schiff damit sein stärkstes Ausdrucksmittel.Mehr als Pausen und Dynamik setzte er gerade den Baßtriller ein, um die helle Freundlichkeit der B-Dur-Welt zerbröckeln zu lassen. Wichtiger als das für Schnabel und Brendel so wesentliche redende Prinzip ist für Schiff die Bildhaftigkeit.Sie erreicht er durch maßvolle Tempi, durch weitgehenden Verzicht auf drängende oder verzögernde Rubati.Das Andante war so kein Trauermarsch, sondern verbreitete Glockenstimmung.Die pochende Baßfigur in der Reprise kam dann aber als Schicksalswink wie zuvor die Triller.In romantische Unwirklichkeit tauchte Schiff auch den Schlußsatz.Trotz düsterer Einschnitte eilte er frühklassisch klangschön weiter.Das Wort von den himmlischen Längen erhielt hier, am Ende von Schuberts Leben, seinen Sinn: als naiv-verzweifeltes Festhalten an der Form, als Lächeln unter Tränen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar