Zeitung Heute : Das Lied vom Irish Stew

SUSANNE KIPPENBERGER

Patrick McCabe und Neil Jordan über "Butcher Boy"VON SUSANNE KIPPENBERGERSchreiben, das ist für Patrick McCabe wie Musizieren."Am Anfang steht immer ein Lied." In diesem Fall "The Butcher Boy", das kennt in Irland jedes Kind, und "fängt in drei Strophen die ganze menschliche Erfahrung ein".Als er den gleichnamigen Roman "wie eine Ballade" schrieb, "das war, als würde ich in einem leeren Zimmer singen".Der Autor hatte keine Ahnung, ob jemand das Buch lesen würde.Dann kam es heraus, wurde preisgekrönt, und spielt nun im vollen Kinosaal.Das war auch der besondere Reiz für McCabe an der Adaption: daß man mit dem Film so viele Menschen erreichen kann. Gemeinsam haben McCabe und Neil Jordan, Regisseur und Romancier, das Drehbuch für den Wettbewerbsbeitrag der Berlinale verfaßt.Sie kannten sie beide genau, diese katholische Welt mit ihrer ganzen Angst und Schuld und Bilderfreude.Irland in den fünfziger, sechziger Jahren, erinnert sich McCabe, das war ein Leben wie in Platos Höhle.Ein Leben wie in Rumänien, wie Jordan es beschreibt: völlig isoliert."Eine ganz außergewöhnliche Mischung aus Paranoia und Lähmung, Wahnsinn und Mystizismus." Der Film, erklären die beiden, zeigt die Welt, wie der junge Francie sie mit seinen offenen Augen sieht.Alles ist gleich wichtig, das Blatt, das über die Straße weht, der Wahnsinn, in den die Mutter treibt.Egal, was er sieht, hört, träumt und fühlt, die Welt des Krämerladens, des Westerns, der Fernsehnachrichten und der Comics, all das, so McCabe, vermischt sich "zu einem Irish Stew".Für diesen ungewöhnlichen Eintopf hat sich auch der Regisseur entschieden: die unterschiedlichen Welten nicht voneinander zu trennen, sondern alle gleich realistisch, ja, "hyperrealistisch" zu behandeln. Eine sozialkritische Studie zu drehen über einen Jungen, der Eltern und Freund verliert und die Nachbarin abschlachtet, hatte Jordan nicht im Sinn.Der Regisseur der Erfolgsfilme "Mona Lisa" und "The Crying Game" - erleichtert, einen irischen Film zu drehen, in dem es nicht um den Nordirland-Konflikt geht - wollte gerade nicht analysieren und erklären, wie er sagt, er wollte einfach bloß erzählen.Erzählen von der Kindheit in einer kleinen Stadt, einer zugleich bunten und dunklen Welt, die brutal und dennoch voller Humor ist.Und vom Verlust dieser Kindheit.Denn das ist für Jordan der Kern des Erwachsenwerdens: "Die Erkenntnis, daß die Liebe nicht ewig hält, daß die Welt sich verändert.Irgendwann wird dein Herz gebrochen.Entweder du gewöhnst dich daran oder du jagst die Welt in die Luft."

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