Zeitung Heute : "Das Lokale ist das A und O"

KLAUS GOLDHAMMER

Chefredakteure diskutieren über die Medienregion BerlinVON KLAUS GOLDHAMMER

Über die Medienregion Berlin-Brandenburg diskutierten auf dem IFA-begleitenden Fachkongreß "Medienforum" gestern zahlreiche Vertreter von Fernsehsendern, Tageszeitungen und Medienpolitik.Wolfgang Branoner, Staatssekretär der Wirtschaftsverwaltung behauptete selbstsicher, Berlin sei bereits Medienhauptstadt, räumte aber zugleich "Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin" ein. So oder ähnlich beurteilten auch die versammelten Fernsehbosse von Pro 7, RTL und Sat 1 die Situation: "Berlin-Brandenburg kann sich nicht beklagen", meinte RTL-Chef Helmut Thoma, "schließlich hat die Region große Chancen, einer der wichtigsten Standorte in Deutschland zu werden." Thoma kündigte den Ausbau der Berichterstattung aus Berlin an, sowie Überlegungen, den Informationsbereich von RTL langfristig ganz nach Berlin zu verlagern. Außer bei den Nachrichten, so wurde deutlich, sei die Standortfrage für TV-Sender aber relativ unerheblich.Wichtiger als die Lage der TV-Senders selbst ist der Standort der Filmproduktion, und hier hat die Region deutliche Vorteile: Allein RTL investiert rund 100 Millionen Mark pro Jahr für die Produktion seiner Daily Soaps in Babelsberg.MDR-Intendant Udo Reiter kündigte seine Bereitschaft an, Produktionen für den Erfurter ARD-Kinderkanal nach Berlin-Brandenburg zu vergeben.Einen "Durchmarsch" der Sender in preiswertere Produktionsorte in Osteuropa wurde zwar grundsätzlich nicht abgelehnt, allerdings werde dies nur in geringem Umfang realisiert, zum Beispiel bei Koproduktionen. Zur Frage des Hauptstadtsenders zeigte sich die Runde nicht einig.Sat 1-Geschäftsführer Jürgen Doetz reklamierte diese Rolle für seinen Sender, weil "das kreative Herz von Sat 1 in Berlin schlägt".SFB-Fernsehdirektor Horst Schättle vertrat hingegen die Auffassung, der SFB werde dieser Rolle vor allem durch seine "Informations-Kompetenz" gerecht.Er versprach: "Wir werden hier Konkurrenz haben." Auch der Zeitungsmarkt in der Region, so machte die FU-Zeitungswissenschaftlerin Barbara Held deutlich, ist durch starke Konkurrenz, scharfe Trennung zwischen Ost und West sowie weiterhin sinkende - Auflagenzahlen geprägt.Dagegen hätten die Zeitungen in der Hauptstadt große qualitative und quantitative Anstrengungen unternommen.Tagesspiegel-Chefredakteur Gerd Appenzeller bestätigte die Einschätzung: "Das Qualitätsniveau der Zeitungen ist unglaublich gestiegen." Ulrich Schulze, Chef vom Dienst der Süddeutschen Zeitung, kündigte an, daß "zwischen Oktober und November" die Berlin-Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung auf täglich eine Seite ausgebaut werde.Damit ist eine neue Runde im Kampf um die Idee von der "Hauptstadtzeitung" eingeläutet worden.Deutlich wurde aber auch, daß, wer bundesweit gewinnen wolle, zunächst sich regional profilieren müsse."Dies ist ein Spiel auf dem lokalen Markt", betonte Appenzeller, "und ein gepflegter Lokalteil ist das A und O".Die Zeitung der Hauptstadt, da waren sich die Chefredakteure abseits aller (falschen) Fusionsgerüchte einig, muß dabei gleichermaßen in West- und Ost-Berlin gelesen werden.Erst dann kann sie sich entwickeln.

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