Zeitung Heute : Das Machbare und das Menschliche

HARTMUT WEWETZER

Der Deutsche Chirurgenkongreß, der heute zu Ende geht, war ein auf hohem Niveau stehendes Experten-Treffen, dominiert von Erfahrungsaustausch, Fachgesprächen und vor allem medizinisch-technischen ErörterungenVON HARTMUT WEWETZEREs ist schwer möglich, die Bedeutung der Chirurgie zu überschätzen.Schließlich gibt es so gut wie keinen Menschen, der nicht irgendwann in seinem Leben "unters Messer" muß.Der Chirurg entscheidet über Wohl und Wehe des Patienten, über sein weiteres Schicksal und nicht selten über Leben und Tod.Für den Operateur bedeutet dies, daß er eine enorme Verantwortung trägt.Was aber sind seine Maßstäbe? Für "Humanität und Wissenschaft" als Säulen einer dem Patienten dienenden Chirurgie hat Christian Herfarth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, auf dem Kongreß seiner Gesellschaft im ICC plädiert.Humanität und Wissenschaft - das erscheint nur auf den ersten Blick floskelhaft.Denn eine nach den Regeln der Kunst ausgeführte Operation kann dem Patienten dennoch schaden, wenn sie seinen Lebensumständen nicht gerecht wird.So verdient der Wunsch, am Ende eines langen Lebens friedlich einzuschlafen, respektiert zu werden, auch wenn ein chirurgischer Eingriff noch möglich ist.Das technisch Machbare allein reicht als Leitlinie des chirurgischen Handelns nicht aus.Das Gleiche gilt auch umgekehrt: Wer stümperhaft operiert, wo Wissen und technisches Geschick angebracht wären, schadet, wenn auch auf andere Weise, ebenso dem Wohl des Patienten.Der Deutsche Chirurgenkongreß, der heute zu Ende geht, war ein auf hohem Niveau stehendes Experten-Treffen, dominiert von Erfahrungsaustausch, Fachgesprächen und vor allem medizinisch-technischen Erörterungen.Um so mehr verdiente Herfarths Plädoyer, die Würde des Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, Aufmerksamkeit.Um den Patienten geht es auch bei der chirurgischen Qualitätssicherung, einem brisanten Thema des Kongresses.Die "Akkuratesse des Eingriffs" (Herfarth) kann entscheidende Folgen für den Kranken haben.Es kommt nicht nur auf Art und Ausprägung seines Leidens und nicht nur auf das Grundmuster einer Operation an - der Chirurg selbst, sein persönliches Vorgehen und seine Fähigkeiten entscheiden.Unter einer perfekten Hautnaht kann sich mangelhafte chirurgische Technik verbergen.Einige Zahlen belegen das.Je nach Chirurg und Klinik variiert das Rückfall-Risiko nach einer Darmkrebs-Operation um zehn bis 70 Prozent.Das ergab eine Studie, die süddeutsche Kliniken verglich.Ein Rückfall aber, also ein Wiederaufflammen des Krebses, verschlechtert die Überlebenschance erheblich.Eine Studie im US-Bundesstaat Maryland bezifferte das Sterberisiko nach Bauchspeicheldrüsen-Operationen auf zwei bis 13 Prozent, je nach Krankenhaus.Der Chirurg und seine Klinik werden zum Hoffnungsträger oder aber zum Risikofaktor.Ein Problem, vor dem die Chirurgen nicht mehr die Augen verschließen können - sonst werden andere an ihrer Stelle auf die Idee kommen, die Qualität der Operateure zu bewerten.Schließlich will der Patient wissen, wie gut "sein" Chirurg ist.Selbstkritik und Transparenz, wie sie in Sachen Qualitätssicherung nun einmal nötig sind, sind kein Zeichen schlechter, sondern guter und selbstbewußter Medizin.Nur wer etwas zu verbergen hat und sich seiner selbst unsicher ist, läßt sich ungern in die Karten sehen.Aber die deutsche Chirurgie braucht sich im internationalen Maßstab nicht zu verstecken.Sie schwimmt mitten in einem Strom aufregender Neuerungen.Die letzten Jahre haben wahre Umwälzungen gebracht.So ist die "Schlüssellochchirurgie" inzwischen zur Routine bei bestimmten Eingriffen wie der Gallenblasen-Entfernung, Leistenbrüchen oder Gelenkoperationen geworden.Aber damit nicht genug - selbst Herz- und Lungenoperationen erfolgen inzwischen mit "minimal invasiver Technik".Raffinierte Katheter und biegsame Schläuche voller Instrumente tragen das ihre dazu bei, Operationen schonender zu machen oder sogar zu ersetzen.Vorausplanung des Eingriffs am Computer, Operationsroboter und molekulargenetische Erkenntnisse über Krankheitsrisiko und -ausbreitung sind weitere Facetten einer medizinischen Revolution, die ihre Spuren im Operationssaal hinterläßt."Minimaler Eingriff" bei "maximaler Schonung" könnte der Leitbegriff dieses aktuellen Trends sein.Er belegt, daß Wissenschaft und Technik keine Gegenspieler der Humanität sein müssen, sondern die Heilkunde verträglicher und humaner machen können.

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