Zeitung Heute : Das Mädchen und der Hirte

MORITZ RINKE

Märchen, Tragödie und China: "Xiu Xiu" ist Joan Chens erster FilmVON MORITZ RINKEEin Mädchen, ein Hirte und der Himmel über China, mehr braucht dieser stille, schöne, traurige Film nicht.Gedreht hat ihn die Schauspielerin Joan Chen, ihr Erstling.China also, 1975: Das Mädchen Xiu Xiu aus Chengdu wird weit weg aufs Land geschickt.Volkserzieherische Maßnahme, Mao, Kulturrevolution.Sie soll Pferde hüten, später einmal ein Bataillon leiten.Danach, so sagt man ihr, darf sie zurück nach Chengdu.In den Bergen wohnt sie in einem Zelt mit Lao Yin (gespielt von Lopsang), dem Hirten, der bisher nur Pferde liebte.Das Mädchen, so hat sie es zu Hause gelernt, will sich jeden Tag waschen, und der Hirte reitet durch die Nacht, um Wasser zu bringen.Er muß sich umdrehen, wenn sie sich wäscht.So beginnt es: ganz verhalten, verschämt.Jahre vergehen.Und niemand kommt aus dem Lager in die Berge, der sie nach Hause bringt.Die Bataillone sind längst aufgelöst, die Revolution am Ende, nur das Mädchen hofft.Im Städtchen, wo einst das Lager war, hat sich herumgesprochen, daß in den Bergen ein junges, schönes Mädchen wartet.Man muß nur einen Apfel mitbringen.Und dann sagen, daß man jemanden im Lager kennt.Jemanden, der entscheidet, wer zurück nach Chengdu darf.Der erste Mann kommt zu Fuß.Der zweite mit einem Fahrad.Der dritte mit Motorad.Zum Schluß kommen sie sogar mit Traktoren.Und der Hirte, der sie liebt, aber entmannt wurde vor Jahren, kann es nicht mehr sehen. Mittlerweile hat der Film, der so scheu, so in kleinen Gesten zu erzählen begann, seine Figuren aus der Poesie entlassen.Aus dem Märchen heraus.Zwischen blauen Blumen saßen sie am Anfang.Er sang.Sie badete.Er hatte ihr eine Grube geschauffelt, mit einer Plane darin, in der sich der Regen sammelte.Das war ein schönes Bild: Ein Mädchen auf einem blauen Blumenberg, das badet.Am Ende liegt sie wieder in der Plane.Schnee auf ihr.Schnee vielleicht auch auf ihm.Sie hatte ihm gesagt: "Wenn du einen guten Schuß abgibst, dann kann ich vielleicht wieder nach Hause." Xiu Xiu wird gespielt von Lu Lu, deren Name etwas falsche Assoziationen weckt.Lu Lu ist eine Schauspielerin, die zwischen Mädchen und Frau einen ganz anderen Zwischenraum zeigt.Erst ist es Sehnsucht, die mit jedem Mann steigt.Sogar große Kraft.Irgendetwas Mädchenhaftes, Ungebrochenes, das noch nicht an die Welt glauben will, wie sie ist.Dann, als auch Krüppel kommen, und die Hoffnung immer mehr unter den Männern begraben wird, geht der Film aber nicht in Richtung Wahnsinn, Horváth oder chinesische Ophelia, sondern irgendetwas anderes leuchtet plötzlich hinter ihren Augen.Ich habe keine Ahnung, was es ist.Vielleicht eine Mischung aus "Mutter Erde" (Pearl S.Buck) und Yoko Ono. Heute, 9.30 Uhr (Royal), 18.30 Uhr (Urania)

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