Zeitung Heute : Das Magdeburger Lottospiel

Der Tagesspiegel

Lieber P.,

in zwei Wochen wird’s ernst. In Sachsen-Anhalt wird der Landtag neu gewählt. Du bist zwar weit vom Schuss; aber glaube nicht, dass Du unberührt bleiben wirst von den Folgen. Die Wahl wird mit Sicherheit, weil das so üblich ist bei uns, als Test für die Bundestagswahl im Herbst gewertet werden. Und die Parallelen sind auch gar nicht zu übersehen: Sachsen-Anhalt ist Schlusslicht in Deutschland, wie Deutschland Schlusslicht ist in Europa. Auch in anderer Hinsicht ist Sachsen-Anhalt etwas ganz anderes als Bayern: Hier regiert seit acht Jahren die SPD, obwohl sie nicht die Mehrheit hat. Dies zur allgemeinen Lage.

Da die Sache aber ziemlich komplex ist, sollte ich vielleicht etwas ausholen: Sachsen-Anhalt ist eines der neuen Länder im Osten, die uns 1990 durch die Wiedervereinigung zugefallen sind – zugewachsen, sagen manche. Als Helmut Kohl seinerzeit davon sprach, in fünf Jahren (oder so etwa) werde es im Osten wieder „blühende Landschaften“ geben, da meinte er nicht zuletzt und vor allem Sachsen-Anhalt. Die Menschen dort glaubten und dankten es ihm und wählten seine Partei, die CDU, mit 39 Prozent der Stimmen an die Spitze und in die Landesregierung.

Weil die Landschaften aber partout nicht blühen wollten, waren 1998 von diesen 39 Prozent noch ganze 22 Prozent übrig. Den Löwenanteil hatte sich mittlerweile die rechtsradikale DVU von der CDU geschnappt, während die SPD still und leise mit ihrem Ministerpräsidenten Höppner, den Du wahrscheinlich nicht kennen wirst, von einstmals 26 Prozent auf fast 36 Prozent geklettert war – was natürlich immer noch nicht die Mehrheit bedeutete, aber zum Regieren bequem ausreichte, weil die PDS sich einverstanden erklärte, den sozialdemokratischen Regierungschef zu tolerieren. Diese Formation ist als „Magdeburger Modell“ in die Nach-Wende-Geschichte eingegangen.

Nun musst Du wissen, dass dieses Modell angeblich einen geistigen Vater hat, der gar nicht Sozialdemokrat ist, sondern Sozialist und der PDS angehört. Hierbei handelt es sich um Roland Claus, derzeit Vorsitzender der PDS-Fraktion im Deutschen Bundestag. Er stammt aus Sachsen-Anhalt und soll das Magdeburger Modell vor acht Jahren quasi erfunden haben. Besagter Claus, der in Bundestagsdebatten immer als besonders solider Parlamentarier auffällt, von dem man glatt einen Gebrauchtwagen kaufen würde, ist jetzt als künftiger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt ins Gespräch gebracht worden.

Ein PDS-Politiker als Regierungschef eines der 16 deutschen Länder, kannst Du Dir das vorstellen? Es ist nämlich so, dass die Verhältnisse in Sachsen-Anhalt sich dramatisch verändert haben. Die Meinungsforscher sagen, die CDU werde dort in zwei Wochen mit womöglich 33 Prozent der Stimmen stärkste Kraft werden, und die PDS liege derzeit mit 26 Prozent etwa zwei Punkte vor der SPD. Der FDP werden acht Prozent zugetraut, der rechten Schill-Partei (weißt Du übrigens, ob man die „rechtsradikal“ nennen darf?) fünf. Da nun aber, wenn es so kommen sollte, die CDU aus ideologischen Gründen, die ich Dir hoffentlich nicht erläutern muss, eine Koalitionsregierung mit den PDS-Sozialisten nicht eingehen kann, und Höppner, wenn er nur Dritter würde, nicht abermals als Kandidat für das Amt des Regierungschefs antreten könnte; indessen die Union wiederum auch mit Hilfe von FDP und den Schill-Leuten keine Mehrheit zustande brächte – könnte also in einem solchen Fall, kurz gesagt, die PDS mit Herrn Claus den Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt in einer rot-roten Koalition mit der SPD beanspruchen. Du kannst folgen? Ich sagte doch, es sei kompliziert.

Was geht mich das an?, wirst Du fragen, da doch der PDS-Fraktionssprecher in Magdeburg gesagt hat, Konstellationen mit einem PDS-Ministerpräsidenten seien „so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto“ – also ungefähr so wahrscheinlich wie zwei Mal im Leben vom Blitz getroffen zu werden. Ich will es Dir sagen: Nach allem, was wir hier in Berlin wissen, wird sich Sachsen-Anhalt nach dem 21. April notgedrungen in eine Koalition aus CDU und SPD retten. Und weil die Bundestagswahlen seit 1990 immer so ausgegangen sind wie zuvor die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wirst Du bereits in zwei Wochen wissen, worauf Du Dich in 24 Wochen einzustellen hast. Capito?

Dein M.

Martin E. Süskind erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben