Zeitung Heute : DAS MAHNMAL: Ein Kraftakt ohne Kraft

HERMANN RUDOLPH

Also Eisenman. Man relativiert dieses Votum des Bundestags nicht, wenn man darin vor allem die Entschlossenheit sieht, mit einem klaren Vorsatz nach Berlin zu gehen: in der Mitte der deutschen Hauptstadt ein Denkmal zur Erinnerung an die Vernichtung der europäischen Juden zu errichten. Es ist auch ein richtiger, produktiver Gedanke, darin ein Vermächtnis Bonns an Berlin zu erkennen, der Republik der vergangenen fünfzig Jahre an die künftige - das läßt die Dimension der Entscheidung erst recht zutage treten. Und man beschönigt den kontroversen Ausgang der Debatte nicht, wenn man die Entscheidung für das Stelenfeld und gegen Richard Schröders Vorschlag niedrig hängt, so erbittert darum gestritten worden ist. Dieser Beschluß ist in erster Linie ein Zeugnis der Absicht, an dem Denkmals-Gedanken festzuhalten - gegen die Haltungen, gegen die er in Wahrheit Front macht: Gleichgültigkeit, Neigung zum Vergessen, das schweigende Widerstreben gegen das Wach-Halten der Erinnerung. Rund die Hälfte der Bürger ist nach Ausweis der Demoskopen gegen ein Mahnmal.

Aber eine etwas zündendere Debatte, etwas mehr Mut dazu, die Kontroversen wenigstens anzusprechen, in denen der Denkmals-Gedanke ja fast unterzugehen drohte, hätte man sich schon gewünscht. Statt dessen: geradezu ein Übermaß an Vernünftigkeit, an hoch achtenswertem Ernst, aber eben auch an Furcht, bei dem schwierigen Thema zu straucheln - etwas Falsches zu sagen, der Sache nicht gerecht zu werden, an Wunden zu rühren. Diese Debatte ist der Selbstverständigung der Deutschen, die ihr eigentliches Feld war, etliches schuldig geblieben. Der Bundestag hat seine Rolle als Entscheidungsträger wahrgenommen, aber eher in der Rolle des Nothelfers. Er hat mit Erfolg ein Unternehmen auf festeren Boden zu bringen versucht, das immer tiefer in Desinteresse, Abneigung und Überdruß abzurutschen drohte. Das Vorhaben selbst steht unter dem Paradox, daß es nicht wirklich gelingen kann. Man durfte wohl erst recht nicht erwarten, daß es eine Debatte hervorbringen würde, die zu einer Sternstunde des Parlaments wird.

Dafür ist das Votum für Peter Eisenman erstaunlich deutlich ausgefallen - eigentlich zu deutlich, wenn man die Gewagtheit des Entwurfs bedenkt. Dieses Stelenfeld hat seine Qualitäten ja gerade darin, daß es auf Erläuterungen und imitatorische Gebärden verzichtet. Ein Stück spröder, steinerner Stadtlandschaft, das inmitten der Regierungsmeile stumm für eine Botschaft stehen soll: daß von hier aus etwas Furchtbares ausgegangen ist, daß in die Fundamente dieser florierenden Republik etwas Ungeheuerliches eingeschlossen ist. Mit dem Votum für einen "Ort der Information" zeigt das Parlament, daß es dieser Kraft nicht wirklich vertraut. Es ist absehbar, daß hier der Keim künftiger Kontroversen liegt: Wie groß darf diese pädagogische Stütze sein? Wie verhält sie sich zu den anderen Gedenkstätten? Man kann immerhin hoffen, daß die beschlossene Stiftung das Vorhaben an den Klippen vorbeisteuert, die mit Sicherheit auftauchen werden.

Denn es versteht sich, daß das Ringen um das Mahnmal mit diesem Beschluß nicht zu Ende ist - und nicht nur wegen technischer Probleme, die bei seiner Umsetzung anfallen werden. Es ist das Mahnmal selbst, das eine Herausforderung bleibt, der Gedanke, mit ihm in die erneuerte Hauptstadt die Erinnerung an eine schlimme Vergangenheit zu pflanzen. In einer seiner letzten Bonner Sitzungen hat der Bundestag gestern immerhin die Bereitschaft demonstriert, sich ihr auszusetzen.

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