Zeitung Heute : DAS MANKO BEI DEN HOLLÄNDERN: Guus Hiddink: "Uns fehlt ein Anführer"

MONTE CARLO (sid).Hollands Bondscoach Guus Hiddink hat vor einem möglichen Weltmeisterschafts-Achtelfinale gegen Europameister Deutschland die Achillesferse des vor Selbstbewußtsein strotzenden "Oranje"-Teams preisgegeben."Der Mannschaft fehlt ein Anführer.Wir befinden uns in einem Vakuum, seitdem die Generation mit Frank Rijkaard, Ronald Koeman, Marco van Basten, Jan Wouters und Ruud Gullit zum selben Zeitpunkt zurückgetreten ist", klagte Hiddink in der Zeitschrift Vrij Nederland."Wir haben viele inspirierende Spieler, die auch ein Spiel diktieren können - aber der große Anführer hat sich nicht herauskristallisiert."

So zeigte sich schon beim mageren 0:0 zum Auftakt gegen die defensiv eingestellten Belgier, daß den Holländern ein "Leitwolf" vom Charakter eines Lothar Matthäus fehlt, der die Ärmel hochkrempeln und die Mannschaft mitreißen kann, wenn es nicht läuft.Auch beim 5:0 gegen Südkorea taten sich die sichtlich verunsicherten Jungstars eine halbe Stunde lang sehr schwer, ehe der Bann durch den ersten Treffer gebrochen war und sich die "Oranjes" in einen wahren Torrausch spielten.

Doch auch dieser Triumph kann nicht vom Hauptproblem der Niederländer ablenken, die unter Galionsfiguren wie "König" Johan Cruyff, Johan Neeskens, Rob Rensenbrink oder Ruud Gullit zweimal (1974 und 1978) im Finale der Weltmeisterschaft standen und 1988 den Titel des Europameisters gewannen: Es fehlt an Führungspersönlichkeiten.

Der Star der Mannschaft, Dennis Bergkamp, kann diese Rolle nicht übernehmen, da sie nicht zu seiner introvertierten Art paßt.Der Stürmer ist ein typischer Amsterdamer, wortkarg und trocken.Sein Ding ist es nicht, Mitspieler mit deutlichen Worten zurechtzuweisen - weder auf dem Platz, noch daneben.Und deutliche Worte wären schon bei der Europameisterschaft 1996 in England fällig gewesen, als die "Affäre" Edgar Davids eskalierte.Die Unzufriedenheit des surinamesischen Mittelfeldspielers gipfelte damals in dem Vorwurf an Hiddink, dieser stecke seinen Kopf in den Hintern der weißen Spieler - darunter Kapitän Frank de Boer.Ein Zeichen auch dafür, daß de Boer, dessen Ernennung etwas willkürlich erschien, nicht von allen Spielern uneingeschränkt akzeptiert wird.

Auch dies könnte ein Grund dafür sein, daß sich Hiddink die Idole Rijkaard, Koeman und Neeskens als Co-Trainer mit ins Boot geholt hat.Das Trio genießt großen Respekt bei den "jungen Wilden" und könnte nötigenfalls frühzeitig auf diese einwirken.In Frankreich scheint Hiddink auch im Fall Davids auf Nummer sicher zu gehen, um einen erneuten Streit zu vermeiden.Gegen Belgien saß der hitzköpfige Jungstar von Juventus Turin nur auf der Bank, gegen Südkorea spielte er überraschend von Beginn an für Clarence Seedorf.Doch droht nun ein neuer Konflikt: Protestiert der nicht minder temperamentvolle Seedorf gegen seine Ausmusterung, kann er wohl auf die Unterstützung seiner surinamesischen Kollegen rechnen, die im Weltmeisterschafts-Quartier in Monte Carlo von früh bis spät zusammenhocken - und auch der früheren und aktuellen Stars von Ajax Amsterdam.Denn die haben im Gegensatz zu den vier Nationalspielern des Ehrendivision-Rivalen PSV Eindhoven - Jaap Stam, Arthur Numan, Wim Jonk und Philip Cocu, die gegen Südkorea aufliefen - alle in dieser Saison einen Titel gewonnen.Und Erfolge sind im holländischen Fußball nun einmal das Nonplusultra.

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