Zeitung Heute : Das Maß aller Dinge

Sie hat mit Fett zu tun und mit Design, und sie zeigt inzwischen sogar die Knochenmasse an. Eine kleine Kulturgeschichte der Waage.

-

Von Pascale Hugues

Es ist vorbei! Vorbei mit dem öffentlichen Wiegen auf Bahnsteigen, vorbei mit dem roten Apparat, der nach Einwurf einer Münze das winzige Kärtchen ausspuckt, auf dem mit schwarzer Tinte das Gewicht geschrieben steht. Vorbei ist es mit den Expeditionen in die Apotheke, von denen man geläutert zurückkehrt. Zwischen Aspirinschachteln und Vaselinetöpfen zeigte einst eine merkwürdige Blume (langer Stiel und runde Skala, mit einem Zeiger in der Mitte) unbarmherzig kleine Sünden an. „Fünf Minuten Genuss auf der Zunge, fünf Jahre Polster auf den Hüften!“, tadelte Gaylor Hauser, Ernährungsberater der Hollywoodstars – diese Lebensregel hatte die Apothekerin über die Tiegel mit der Anti-Cellulite-Salbe gehängt. Heute ist die Gewichtskontrolle eine alltägliche Übung, und die Sünden offenbaren sich hinter verschlossener Tür. Die Personenwaage hat sich in die Intimität unserer Badezimmer gedrängt. Dieser Haustyrann hat sich in atemberaubendem Tempo demokratisiert. An der Waage kommt man ebenso wenig vorbei wie am Fön, das Wiegen gehört genauso zum Morgenritual wie die Dusche.

Denn dieser funktionale kleine Gegenstand verbirgt sich nicht mehr. Er ist zum Kunstobjekt geworden. Er steht nicht mehr unter dem Waschbecken, er zeigt sich. Er haust nicht mehr in einer Schublade, er residiert mitten im Bad. „Sie müssen Ihre Waage nicht länger verstecken!“, jubelt die französische Supermarktkette Darty. Mit ihrem Bezug aus kuscheligem rosa Plüsch für die Romantiker oder ihrer Rauchglasplatte für die Freunde des Designs gehört sie mittlerweile zur festen Ausstattung unserer Badezimmer. Man kann die Waage sogar passend zur Persönlichkeit aussuchen. „Lieben Sie Schönheit und Ordnung? Interessieren Sie sich eher für Umweltschutz oder Avantgarde? Jede Frau ist anders, und deshalb sind unsere neuen Personenwaagen auf die individuelle Persönlichkeit zugeschnitten“, wirbt eine Anzeige. Die Nonkonformistin, „für die 2 plus 2 nicht unbedingt 4 ergeben“, wird sich für ein ungewöhnliches Design mit Glas und Chrom entscheiden, „denn auf den Unterschied kommt es an!“ Die Sparsame, „die zählt und rechnet“, wird eine Waage kaufen, die mit Sonnenenergie funktioniert. Die Multimedia-Frau wird sich für eine sprechende Waage entscheiden, jeden Morgen freundlich „Bonjour“ wünscht. Für die eher natürliche Frau empfiehlt sich eine Waage aus Glas und Holz, für die Ästhetin, „deren Einrichtung an ein Museum für moderne Kunst denken lässt und die mit den Vertretern der neuen Philosophie und hyperrealistischen Malern auf du und du ist“, eine Waage, in der Glas und Wasser eine Symbiose eingehen. Die Kreative klebt ein Foto eigener Wahl auf die Trittfläche. Was für ein Vergnügen, die Zehen jeden Morgen in das indigoblaue Wasser der Karibik zu tauchen …

Bei den Badezimmeraccessoires im Ka DeWe stehen die Personenwaagen neben den Badeteppichen und den Toilettendeckeln. Schon seit langem gefällt die Federwaage mit ihrer Skala und dem langen Zeiger nur noch den etwas versnobten Nostalgikern. Futuristische, ultraflache Objekte aus Glas und Aluminium mit zahlreichen Funktionen und extremer Präzision haben sie vom Thron gestoßen. Die neue Generation von Waagen begnügt sich nämlich nicht damit, einfach nur das Gewicht – und zwar auf 50 Gramm genau – anzuzeigen: Mit allen Raffinessen verzeichnet sie den Anteil von Fett, Muskeln, Wasser und sogar Knochenmasse und Organfett. Auf einen leichten Druck mit dem kleinen Zeh stellt ein Speicher sofort die Abweichung vom vorherigen Wiegen fest. Um sieben Uhr morgens erinnert ein Gong Vergessliche daran, dass es Zeit zum Wiegen ist. Die Fitnesswaage misst die Proportionen der Athleten. „Die Waage“, so der Verkäufer, „ist nur ein Hilfsmittel, das anzeigt, ob Ihre Bemühungen erfolgreich sind oder nicht.“ Sie zeigt uns den Weg ins ästhetische Paradies und zur Wespentaille: mittags ein Löffelchen Joghurt, abends Fitnessstudio. Besonders raffinierte Waagen geben sogar die für die kommenden Tage zulässige Kalorienmenge an.

Der Körper wird sehr streng beurteilt: Er wird gewogen, gemessen, in Stücke zerlegt wie ein Puzzle aus Fleisch und Knochen. Glücklicherweise gibt der Verkäufer im KaDeWe einen vernünftigen Rat. „Machen Sie sich keine Sorgen; wenn Sie dick werden, kneift der Gürtel!“

Stimmt. Bevor die Waagen uns das Leben vermiesten, wurde die Körperfülle genau so gemessen: Ein Stück Schnur ermittelte den Taillenumfang. Vorbei! Die Schnur ist der Vorfahr der Waage. Lange Zeit war der Dicke übrigens eine sympathische, joviale Persönlichkeit. Er liebte das Leben und das gute Essen. Beleibtheit wies auf Wohlstand hin. Beim Bürger des 19. Jahrhunderts spannte sich die Kleidung. „Der lange hagere Notar ist eine Ausnahme“, konstatiert Balzac. Noch für unsere Großmütter bedeutete „gut gewachsen“ eine etwas füllige Person mit appetitlichen Kurven. Die Rundungen ließen auf Zeichen für Sinnlichkeit und Gesundheit schließen. Die „gut gewachsen Frauen“ hatte nichts mit den magersüchtigen Wesen gemein, die heute über die Laufstege staksen.

Der französische Historiker Georges Vigarello erklärt, es habe die „Dickbauchigen“, die „Taillenlosen“, die „Breithintrigen“ schon immer gegeben. Ihre gesellschaftliche Wahrnehmung und ihr Selbstbild jedoch habe sich gewandelt. In der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnt die Wissenschaft, sich für das Übergewicht zu interessieren – in dieser Zeit findet auch der Begriff „Fettleibigkeit“ Eingang in Wörterbücher und medizinische Abhandlungen. Nach und nach entstehen Bedenken im Hinblick auf Aussehen und gesundheitliche Folgen des Übergewichts, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Zwang, sogar zur Ächtung auswachsen: „Von nun an verbinden sich medizinische Betreuung, Ästhetik, ganze Berufszweige, um die einzelnen Stufen festzulegen und die Gewichtsabnahme zum alltäglichen Thema der Ästhetik wie der Körperpflege zu machen: Die Erwartungen gehen immer weiter und werden immer höher. Männer und Frauen sind betroffen, auch wenn der Druck auf die Frauen immer noch wesentlich stärker ist.“ Die Silhouette von heute geht auf die 20er Jahre zurück: gestreckte Linien, endlos lange Beine, flacher Bauch, schlanke Taille. Die „Garçonne“-Mode bestätigt diese Mutation.

Eine weiteres gesellschaftliches Phänomen brachte den Druck mit sich, der die Körper am Anfang des vorigen Jahrhunderts modellierte: die Freizeit. Eine schöne Frau, die im Winter völlig von ihren Röcken und Mänteln verhüllt ist, verliert ihre Anziehungskraft, sobald sie sich am Strand im Badeanzug zeigt. Der Strand hat die schlanke Linie erfunden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Waage eine Rarität, sie ist kostspielig und unhandlich mit ihrer niedrigen Trittfläche und der hochgezogenen Skala. Die bequemere und leichtere Waage, wie wir sie heute kennen, mit der Lupenskala auf der Höhe der Trittfläche, wird in den 30er-Jahren geboren. Die Waagen nutzen die Zwischenkriegszeit, um sich im bürgerlichen Universum auszubreiten. In dieser Zeit florieren auch die Tabellen, die das Idealgewicht entsprechend Geschlecht und Größe errechnen. Wunderdiäten füllten die Zeitschriften. Aber erst in den Jahren von 1960 bis 1970 wird die Waage zum wahrhaft demokratischen Objekt. In Europa floriert die Wirtschaft. Schlank sein entspricht dem immer stärker werdenden gesellschaftlichen Druck. Eigeninitiative, Durchsetzungsfähigkeit – das sind hochgeschätzte Eigenschaften. Alle diese neuen Ansprüche haben auch eine körperliche Kehrseite: Der Schlanke ist agil, energiegeladen, tatkräftig, aktiv. Der Dicke gilt als lethargisch. Und die Waage ist die loyale kleine Kontrolleurin in dieser Diktatur des morphologisch Korrekten.

Im 16. Jahrhundert kann man sich nicht um Schönheit bemühen, denn sie ist eine „Gabe Gottes“, ein „Geschenk des Himmels“. Man wird dick oder schlank geboren. Heute dagegen ist man seines Körpers Schmied, allmächtiger Schöpfer des eigenen Taillenumfangs. Diät und Gymnastik können ein hässliches Entlein in einen Schwan verwandeln. Man muss sich nur bemühen, man muss bereit sein, Geld für schlankmachende Produkte auszugeben und täglich auf die Waage zu steigen, um sein Gewicht zu verwalten und um sich zu verwandeln. Das Fettabsaugen ist heutzutage das dominierende Verfahren in der plastischen Chirurgie. Georges Vigarello befasst sich mit diesem „ganz besonderen und sehr aktuellen Gefühl, dass man mit sich und seinem Körper nach Belieben experimentieren kann“. Er erzählt, wie Josef von Sternberg – nach eigenen Angaben – Marlene Dietrich verwandelt hat: „Eingefallene Wangen, gezupfte Augenbrauen, leicht kantiges Gesicht, schlankere Figur, 15 Kilo Gewichtsabnahme als Abschluss einer ungeheuren Arbeit: Bei der Marlene von Hollywood denkt man nicht mehr an die ,primitivere’ Marlene von Berlin. Ihr Ausdruck ist geheimnisvoller, ihr Körper leichter; er hat sich der früheren Schauspielerin mit den faden puppenhaften Zügen entledigt. Die Stars lassen den Körper als modellierbar erscheinen; durch verbissene Arbeit wird er geläutert. Ein ungeheurer ästhetischer wie sozialer Traum umgibt die Göttlichen. Die besonders weit entfernten Stars könnten den ,willensstärksten’ Zuschauerinnen als Vorbild dienen. Die Einzigartigkeit der Schönheit könnte geteilt, das Ideal gezähmt werden. Ein siegesgewisser Optimismus, den Vogue in eine Formel fasst: ,A lovely girl is an accident; a beautiful woman is an achievement.’“

Die Frauenzeitschriften sind voll von „Vorher-nachher“-Fotos und zeigen spektakuläre Metamorphosen. Die Akteure des öffentlichen Lebens stellen ihren Verdruss über ihr unzureichend kontrolliertes Gewicht aus. Jedes Jahr macht Helmut Kohl sich unter den Augen der Presse ans Abspecken. Joschka Fischer beschreibt in einem Buch den Kampf, den er schon jahrelang gegen die unerwünschten Kilos führt.

Wie ist es um die mageren Bemühungen bestellt, die seit einigen Jahren unternommen werden, um die Dicken zu resozialisieren? Die vier „gut gewachsenen Frauen“, die sich in ihrer Haut sichtlich wohl fühlen und die kürzlich auf riesigen Reklametafeln die Vorzüge einer neuen Körperlotion priesen – waren sie nur eine Laune der Werbung?

Sicherlich kann von einer selbstbewussten Rückkehr des molligen Hedonismus keine Rede sein. Die Magersucht junger Mädchen – und zunehmend auch junger Männer – ist eine moderne Epidemie. Nie zuvor wurden im Westen so hohe Anforderungen an die Formbarkeit des Körpers gestellt, nie zuvor wurde man so sehr von der Zahl unterjocht, die allmorgendlich auf der Waage erscheint.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar