Zeitung Heute : Das Mattdes Menschen

MALTE LEHMING

Der Sieg von Deep Blue über den Schachspieler Kasparov ist für den Menschen kein Grund für Selbstzweifel.Auch durch einen guten Schachcomputer fällt der Krone der Schöpfung kein Zacken herausVON MALTE LEHMINGKaum etwas wäre langweiliger als ein Wettkampf zwischen einem Computer und dem schnellsten Kopfrechner der Welt, weil jeder weiß: der Computer würde gewinnen.Nun ist Schach im Prinzip nichts anderes als Kopfrechnen: Eine begrenzte Zahl von Regeln bringt eine ebenfalls begrenzte Zahl möglicher Spielverläufe hervor.Allerdings ist die Zahl dieser Varianten dermaßen hoch (würde man sie hier ausschreiben, stünde die letzte Null etwa im Kulturteil), daß sie die Rechenkapazität des leistungsfähigsten Computers übersteigt.Doch sollte es irgendwann ein Programm geben, das alle Züge einer Partie vorausberechnen kann, wird die Maschine den Menschen im Schach ebenso sicher besiegen wie im Kopfrechnen.Wann es dazu kommt, ist eine Frage der Zeit, daß es dazu kommt, eine Sache des technischen Fortschritts. Vor diesem Hintergrund wirkt der Rummel reichlich künstlich, der um das Duell zwischen dem 1,4 Tonnen schweren Superrechner Deep Blue und dem derzeit besten Schachspieler der Welt, Garri Kasparow, veranstaltet wurde.Auf den 64 Feldern habe die Ehre der Menschheit verteidigt werden müssen, hieß es, der Sieg von Deep Blue habe gar die Mondlandung in den Schatten gestellt.Freilich: Der Veranstaltungsfirma IBM war das Spektakel sehr recht.Etwa 250 Millionen Dollar, so schätzt man, hätte sie ausgeben müssen, um dieselbe Werbewirkung zu erzielen.Und Kasparow spielte nicht nur am Brett fleißig mit: Seine Äußerungen über Deep Blue - "er zeigt Spuren von Intelligenz", "er hat sich Intuition errechnet", "manchmal bilde ich mir ein, er lacht" - trugen erheblich dazu bei, diesen Wettkampf ins Mythologische zu erhöhen. Können Maschinen denken? Kann Rechenleistung in Intelligenz umschlagen, in jene Fähigkeit also, die sich die Menschheit bislang ausschließlich selbst zusprach? Solche Fragen rühren offenbar an Ängste, erinnern an Kränkungen, die sich der Mensch schon oft durch seinen eigenen Wissensdrang zugeführt hat: angefangen bei der Vertreibung aus dem Paradies, über die Erschütterung durch Kopernikus, bis hin zu Darwin und Freud.Seit es den Menschen gibt, entzaubert er sich fortwährend selbst.Erst macht er sich die Erde untertan, dann fürchtet er, selbst zum Untertan der von ihm geschaffenen Geräte zu werden.So entsteht eine Neurose der Moderne: Wenn auch noch die Seele, der Geist, unser Bewußtsein technisch reproduzierbar wird, können wir abdanken. Das Duell von Manhattan hat all diese Ängste bedient.Es hat den Grusel davor genährt, bald werde die Maschine den Menschen kontrollieren.Doch Deep Blue ist nicht intelligent, er wirkt nur so.Durch die Geschwindigkeit seiner Berechnungen - 200 Millionen Positionen pro Sekunde - kommt er zu ähnlichen, mitunter sogar besseren Resultaten als der Mensch.Wen das jedoch verblüfft, der zeigt bloß, wie maßlos er die Schachkunst über- und die Möglichkeiten der digitalen Automaten unterschätzt.Intelligenz mißt sich nicht allein am Resultat, sie erfordert auch Phantasie, Kreativität und vielleicht auch Gefühle.Der Glaube, das menschliche Gehirn mit seinen chemischen und elektromagnetischen Reaktionen sei lediglich eine Art organischer Computer und deshalb im Prinzip vollständig digitalisierbar, mag als Arbeitshypothese sinnvoll sein.Aber die Belege dafür sind bislang - trotz des Sieges von Deep Blue - so dürftig ausgefallen, daß kein Grund für Selbstzweifel oder Panik besteht.Auch durch einen guten Schachcomputer fällt der Krone der Schöpfung kein Zacken heraus. Was allerdings vom Fortschritt in der Technologie erwartet werden darf, ist eine Neubewertung der menschlichen Leistungen.So könnte sich eines Tages herausstellen, daß jene Tätigkeiten, die mit Rechnen, Planen, Dokumentieren und Organisieren zu tun haben, in unserer Gesellschaft überbewertet werden.Einem Roboter dagegen beizubringen, ordentlich ein Hemd zu bügeln und gleichzeitig ein Kind zu erziehen, wird wesentlich länger dauern.Demnach wäre der Geschäftsführer eines mittleren Unternehmens ersetzbar, eine Hausfrau aber nicht.Das Beispiel zeigt: Wer keine Angst vor der Maschine hat, dem kann sie helfen, sich selbst und seine Umwelt besser zu verstehen.Mögen die Apokalyptiker ruhig weiter die "schöne, neue Welt" verdammen, für die Realisten könnte sie ganz spannend werden.

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