Zeitung Heute : Das Maul lassen sie sich nicht verbieten

CHRISTOPH FUNKE

Das Obdachlosentheater Ratten 07 mit Brechts "Brotladen" im 3.Stock der Berliner VolksbühneVON CHRISTOPH FUNKERuhige, bedächtige Zuschauer wollen diese Spieler nicht.Was sie im 3.Stock der Berliner Volksbühne vorführen, hat mit ihrem Leben zu tun.Deshalb genügt es ihnen nicht, artig aufmerksam zu machen auf die schlimmen alltäglichen Probleme dieses Daseins am Rande der Gesellschaft, sie wollen deftig und mit grimmigem Spaß provozieren.Obdachlose spielen Brecht - die Geschichte vom Brotladen, der zum Brennpunkt sozialer Auseinandersetzungen wird. Die Zeit großer Arbeitslosigkeit, in der die Witwe Niobe Queck mit ihren vielen Kindern obdachlos und der aufrührerische Zeitungsjunge Washington Meyer gegen Ende der zwanziger Jahre von der Polizei erschossen wird, ist auch heute wieder gegeben.Die Obdachlosen brauchen sich in diese Vorgänge nicht einzufühlen, sie kennen sie.Und das ermöglicht ihnen eine verblüffende Verfremdung.Was sie erlebt haben, holen sie mit hintergründigem Humor auf die Bühne, sie brauchen nichts zu "lernen" aus Brechts fragmentarischen Szenen, sondern bauen sich den Text aus ihrem Wissen, aus ihrem Darüberstehen neu.Und fragen immer wieder, warum den Zuschauern nichts einfällt, warum sie nichts tun und sich so ablehnend, so distanziert zu Obdachlosen verhalten.Bis den Spielern die Geduld reißt und sie kurz vor dem Ende eine Massenschlägerei mit allen Schikanen anrichten.Hartes Backwerk und nicht ganz so harte, kaschierte Mauersteine fliegen durch die Luft, Stühle, aus den Zuschauertribünen gerissen, türmen sich zu Barrikaden, alles, was nur zum Werfen geeignet ist, findet zum Bombardement auf die Zuschauer und zurück auf die Bühne Verwendung.Aber auch dieser "Aufstand" ist mit lustvoller Leidenschaft angerichtet, die berechnetes, kühles, klug sein wollendes Theater hinwegfegt.Denn das Maul lassen sich die Spieler ohnehin nicht verbieten, Brecht hin, Brecht her - für ihre sarkastischen Bemerkungen, ihre Kommentare zum Text muß schon Raum bleiben.Der "Spielleiterin" Flo ordnen sie sich unter, mal zustimmend, mal aufbegehrend.So geht das in "Spiele", nach den schrillen Signalen der Trillerpfeife zerlegte Geschehen über die nackte, mit Plastikbahnen eingehüllte Bühne, mit Verwandlungen auf offener Szene.Aus der Einheitskluft gelber Unterhemden, an Militärunterwäsche erinnernd, zaubern Kostümdetails dann immer neue Figuren.Wattierte Kissen mit aufgenähten Buchstaben, phantastische Kopfbedeckungen, Spielzeugpistolen rüsten die Frauen und Männer um (Kostüme: Michaela Barth), Pappkartons stehen für die letzten Habseligkeiten der Witwe, und der schwarze Großhund "Phlox Pärseräkka" vertritt den aufgeweckten Sohn Wilhelm. Die Obdachlosen zeigen, daß sie leben müssen, was Brecht gelehrsam verschlüsselt, zur berechneten Kunst gemacht hat.Deshalb lassen sie sich auch vom großen Dramatiker nichts vormachen, und das Publikum muß sich eben die Frage gefallen lassen, warum sich noch immer nichts geändert hat.Der Regisseur Gunter Seidler läßt den Spielern auf der Bühne von Bernd Schneider viele Freiheiten, baut alle Szenen aus der Gruppe auf, die lose und doch diszipliniert miteinander verbunden bleibt durch den trotzigen, heiteren Anspruch, ein besonderes Lebensgefühl zu vermitteln.In die frische, angriffslustige Naivität mischt sich dabei auch unversehens Ernst und Schrecken - das Spiel transportiert eben, die Komödianten vergessen es nicht, nackte, böse Wirklichkeit. Wieder am 12., 14., 16., 17., 23., 25., 30.und 31.Januar, 20 Uhr.

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