Zeitung Heute : Das milde Denkmal

In Amerika: Helmut Kohl feiert den 3. Oktober

Christoph von Marschall[Washington]

Was für eine Zeitreise. Diese unverwechselbare Stimme, die sechzehneinhalb Jahre für Deutschland sprach, unverkennbar süddeutsch, ganz anders als seine beiden Nachfolger. Die massige Gestalt, um ein paar Kilo erleichtert, aber immer noch mächtig; neben Helmut Kohl sieht George Bush senior fast schmächtig aus. Auch dem ist das Alter (82) anzusehen. Man könnte sie die Väter der deutschen Einheit nennen. Zum 17. Mal wird der Tag gefeiert, aber sie tun es zum ersten Mal gemeinsam. Sie stehen auf der Terrasse der Deutschen Botschaft in Washington – als hielten sie Hof. Unter ihnen fallen die Hügel zum Potomac ab, die Stadt liegt ihnen zu Füßen, und im riesigen Garten blicken 3000 Gäste zu ihnen auf.

Ein bisschen wackelig auf den Beinen ist Helmut Kohl – Knieprobleme. Die Zeiten, als ihn manche stürzen sehen wollten, auch in der CDU, sind vorbei. Jetzt ist er ein Denkmal, und so behandeln sie ihn auch. Sie sprechen ihn mit „Herr Bundeskanzler“ an beim Dinner der Konrad- Adenauer-Stiftung am Vorabend des 3. Oktober im Hay-Adams-Hotel. Holztäfelung und Marmorkamin bieten die passende Kulisse. Auch Kohl ist jetzt nachsichtig: mit seinen Gegnern, mit den politischen Krisen der Gegenwart, mit dem holprigen Verlauf des Zusammenwachsens in Deutschland und Europa.

Offiziell soll das, was Kohl hier beim Essen sagt, nicht in den Zeitungen landen, nicht zitiert werden. Aber als der Platz neben ihm beim Dessert frei wird und da plötzlich ein Journalist sitzt, der ihn einst auf Reisen nach Osteuropa oft begleitet hat, da ist er generös. „Was ich zur Einheit gesagt habe, können Sie ruhig schreiben.“ Die Gedanken wandern zurück nach Ungarn, das 1989 die Grenzen für DDR- Flüchtlinge öffnete. Zu Kohls Rede im polnischen Parlament 1995. Zu seinem ersten Besuch im Baltikum, in Riga 1998, wo die Orgel ertönte, als er den Dom betrat. Auch jetzt werden seine Augen feucht. „Es war eine tolle Zeit.“

Ein Riesenglück hätten die Deutschen gehabt, so viel hätte schief gehen können. Aber da war eben das enge Verhältnis zwischen den Mächtigen, das sei der Unterschied zu heute. Nur dank der Telefonate mit Gorbatschow seien die sowjetischen Panzer am Tag nach dem Mauerfall in den Kasernen geblieben, „weil er uns vertraute“. Bush senior unterstützte die Vereinigung, „weil wir uns so gut kannten“. Hat er, Kohl, Fehler gemacht, beim Umtauschkurs, in der Wirtschaftspolitik? Natürlich habe man eine „Menge …“ gebaut, sagt er – Kohl benutzt einen Begriff aus der Verdauungskette auf einem Bauernhof. Es gab ja kein Patentrezept, wie man ein geteiltes Land zusammenführt. „Aber wir haben die Einheit gewonnen.“

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