Zeitung Heute : Das Millionerl

Berlin und Hamburg waren es längst, und dann, an einem Dezembertag vor 50 Jahren, wurde es auch München: eine Millionenstadt. Zu verdanken ist das Thomas Seehaus, der damals dort zur Welt kam. Stadt und Bub wuchsen fortan weiter – doch auf unterschiedliche Weise

Andreas Unger[München]

Die Touristenführerin fragt „Wie haben’s denn des gemacht?“, als sie erfährt, dass er München einst zur Millionenstadt gemacht hat, zur dritten in Deutschland, nach Berlin und Hamburg. „Indem ich geboren wurde“, antwortet Thomas Seehaus. 50 Jahre ist das jetzt her. „So alt sind Sie schon“, wundert sich die Dame. „Ja mei, jung geblieben“, sagt Thomas Seehaus.

Er hatte sich schon lange vorgenommen, einmal eine richtige Touristentour durch München zu machen, die Stadt, in die er jeden Tag zur Arbeit fährt und die er, vielleicht gerade deswegen, kaum mehr richtig wahrnimmt. Wer mit ihm oben im blauen Doppeldeckerbus sitzt, schaut durch die Plastikscheibe auf das München der Prospekte, das Lodenmantel-München, das Dallmayr-München, das permanent frisch gestrichene, das sich vorbereitet auf den 850. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Im nächsten Jahr wird er gefeiert.

Drinnen im Bus, unter der blauen Regenplane, sitzt einer, der dieses München erdet. Mit Thomas Seehaus – Pullover, Wildlederjacke, Schnauzbart, Brille – verhält es sich nämlich so: Er ist dermaßen normal, dass es schier kaum zu glauben ist. So außerordentlich normal, dass fast jedes München-Klischee an ihm zerbricht. Weswegen er manchmal zu fremdeln scheint in seiner eigenen Stadt.

Lang schon hatten die Münchner damals auf seine Geburt hingewartet. In den Beamtenstuben waren endlose Übungen in Addition und Subtraktion absolviert worden: bestehende Münchner plus Neugeborene plus Zugezogene minus Verstorbene minus Weggezogene ergibt – eine Million!, hieß es am 15. Dezember 1957 um 15 Uhr 45 in der Klinik am Schmiedwegerl im Stadtteil Pasing endlich, und manche Münchner freuten sich doppelt, weil das „Millionerl“ kein Zugereister war, und dreifach, weil sein Vater auch noch den Beruf des Kaminkehrers ausübte. Der damalige Oberbürgermeister Thomas Wimmer spendierte ein Sparbuch samt einer Einlage von 1000 D-Mark, woraufhin die Eltern ihren Bub aus lauter Dankbarkeit Thomas tauften und nicht wie geplant Helmut. Und weil ein Thomas in Bayern gerne Dammerl gerufen wird und der Nachname traditionell vor dem Vornamen kommt, wurde aus ihm kein Helmut Seehaus, sondern der Seehaus Dammerl.

Die Tour startet am Hauptbahnhof, die Touristenführerin verspricht die „highlights of downtown Munich“, sie übersetzt sogleich: die „Highlights der Münchner Innenstadt“. Karolinenplatz, Königsplatz und Odeonsplatz ziehen vorbei, das von Ludwig dem Ersten erfundene „Isar-Athen“. Dort, wo München nicht nur leuchtet, sondern auch glänzt. Seehaus sagt: „Wenn ich privat nach München fahr, dann meistens in die Fußgängerzone zum Shoppen. Das ist halt leider so.“ Er sagt es, als sei ihm das fast zuwider.

Über die Prinzregentenstraße geht’s ins „drübere München“, in die Stadtteile rechts der Isar, vorbei an der Siegesgöttin Nike, die die Münchner zum „Friedensengel“ umfunktioniert haben, und die Touristenführerin zärtlich zum „Angel of peace“. Rechts das Isarhochufer, links satte Gründerzeitvillen. Versicherungen, Burschenschaften und Stiftungen residieren hier, darunter das „Centrum für angewandte Politikforschung“. Centrum mit C. Unter dem Landtag endet die Maximilianstraße, wo einst Rudolph Moshammer sein Geschäft hatte und wo die Mieten so teuer sind, dass viele Läden nur der guten Adresse wegen hier sind.

Eigentlich ist Seehaus diese Gegend fremd, er ist ein Kaminkehrerbub aus dem Stadtteil Pasing, und das Wirtschaftswunder, in das er hineingeboren wurde, hatte wenig mit Glamour zu tun. „Dass es aufwärts geht, haben wir gemerkt, als es öfter mal Fleisch gegeben hat und nicht immer bloß Kartoffeln. Später sind wir dann auch mal nach Italien gefahren, nach Levico.“ Das muss gewesen sein, als Familie Seehaus ihr Goggomobil schon verkauft und sich stattdessen einen Ford Taunus angeschafft hatte. Taunus, das war da, wo die strengen Hüter der D-Mark wohnten. Als Seehaus zehn Jahre alt war, zog er mit Bruder und Eltern in ein Reiheneckhaus hinter den Stadtrand, nach Olching, wo der Vater eine neue Stelle antrat und die Mieten nicht so teuer waren. Dort, 30 Autominuten vom Hauptbahnhof entfernt, wohnt Seehaus heute noch, mit seiner zweiten Frau. Münchner ist er trotzdem geblieben.

Wobei – als der Bus den Englischen Garten schneidet, ist das für ihn Neuland. „Meine Frau kommt ab und zu mit unseren drei Hunden her, aber ich war noch nie hier.“ Weder im Biergarten unterm Chinaturm noch im Seehaus, das nicht nach ihm benannt ist, sondern nach dem Kleinhesseloher See. Dort werden die Fußballer vom FC Bayern auch in dieser Saison wieder die Meisterschaft feiern, wenn sie denn die Tabellenführung über die Rückrunde retten. Warum er nie im Englischen Garten war? „Ich hab die Zeit noch nicht gefunden.“

Auch im Schumann’s, jener legendären Bar, oder in der Promi-Disko P 1 war er noch nie. „So ein Ansehen hab ich nicht. Aber ich mag auch gar nicht hin.“ Nicht dass er etwas gegen die Herrschaften hätte, die dort ein- und ausgehen – beziehungsweise nicht, wegen des Türstehers. Sie sind ihm bloß herzlich wurscht, das ist alles. Darin ähnelt er übrigens den alten Münchnern zur Glanzzeit Schwabings um die Wende zum 20. Jahrhundert. Über die gspinnerten Künstler, die samt Toga, Laute und Lorbeerkranz durch den Englischen Garten flanierten und griechische Verse deklamierten, wunderten sie sich auf dem Heimweg von der Arbeit ein wenig, mehr aber nicht. Die Künstler wiederum adelten die Gleichgültigkeit der Münchner zur liberalitas bavariae, über die noch zu lesen sein wird.

Hat Seehaus in Schwabing seine wilde Zeit erlebt? „Nein, überhaupt nicht. Ich war ganz anständig“, sagt er und meint es nicht ironisch. Bei der Post hat er Fernmeldehandwerker gelernt, wurde dann verbeamtet. „Ich hab mit 20 geheiratet, und mit 21 bin ich Vater geworden.“ 1986 die Scheidung, 2007 neue Hochzeit, nach 21 Jahren Beziehung: „Da haut man einen Stempel drunter, dann ist jeder abgesichert.“

Die Münchner Zeitläufte haben ihn trotzdem gestreift. Beim Olympiaattentat 1972 etwa, als er die palästinensischen Entführer mit ihren israelischen Geiseln im Hubschrauber über sein Haus in Richtung Flugplatz Fürstenfeldbruck rattern hörte, just als der Radiosprecher davon berichtete. Zwei Geiseln waren schon auf dem Olympiagelände umgekommen, die übrigen neun starben bei einem missglückten Rettungsversuch, ebenso ein Polizist und fünf Terroristen. Die Spiele wurden für einen halben Tag unterbrochen und dann fortgesetzt – mit der Zustimmung der israelischen Regierung.

Und als eine Bombe beim Oktoberfest 1980 hochging, saß Seehaus gerade in der S-Bahn, die ihn von der Wiesn heimfuhr. 211 Verletzte, 13 Tote, davon fünf Kinder und Jugendliche. „Vielleicht hab ich da irgendwie ein bisserl Glück gehabt.“

Auf die Wiesn geht Thomas Seehaus immer noch, vor allem beruflich. Der Telekom-Teamleiter hat 16 Mitarbeiter und ist unter anderem für die Kommunikationsleitungen auf dem Oktoberfest verantwortlich, für Geldautomat, Notruf und Telefone. Mitte Juli stellen sie einen Baucontainer in die Nähe des Haupteingangs, bis Mitte Oktober haben sie dort zu tun. Privat ist er nicht oft draußen: „Man muss das Geld ja nicht mit Gewalt hinaustragen auf die Wiesn.“

Der Doppeldecker ist mittlerweile am weltberühmten und denkmalgeschützten Olympiagelände angekommen. Das bauliche Zeichen für die „leichten Spiele“, für das neue, offene Deutschland. Das bemühen sich Stadtplaner und Bauinvestoren gerade mit einem Hotel, einer Wellness-Klinik und einer Hochgarage zu verschandeln. Selbst die Berliner Akademie der Künste hat in einer Resolution davor gewarnt. Es gebe nur Vorüberlegungen, so wiegelt die Stadt München ab. An den Rand des Olympiageländes hat BMW ein neues Auslieferungszentrum gebaut, das aber nicht so heißt, sondern „BMW-Welt“. „Die ist von der Architektur her sicher ein grandioses Stück. Aber gewöhnungsbedürftig.“

Seehaus macht das gerne: das eine meinen und das andere auch. Man könnte das eine Spielart der liberalitas bavariae nennen. Über die neuen Hochhäuser in der Stadt sagt er: „Mir täte es gefallen, wenn München in dem Stile bleiben könnte, wie es jetzt auch ist.“ Andererseits hätten die Münchner einst auch über das BMW-Konzernzentralen-Hochhaus geschimpft, bevor sie es sich haben gefallen lassen. Einerseits sei der geplante Transrapid zum Flughafen zu teuer, eine Express-S-Bahn täte es auch. Andererseits hätten die Münchner auch lang über den Ausbau des Mittleren Rings gewettert und beschweren sich jetzt auch nicht, dass sie seltener im Stau stehen. Einerseits findet er es schade, dass im Olympiastadion nicht mehr Fußball gespielt wird. Andererseits sei das neue Stadion – die Allianz-Arena – erstens toll und zweitens „nur recht und billig bei zwei erstklassigen Vereinen“.

Was diese betrifft, so hält Seehaus zur Hälfte zu 1860 München und zur anderen Hälfte zum FC Bayern. Weil er guten Fußball mehr liebt als Vereine. Ausnahme: TSV Geiselbullach, bei dem er seit 1980 spielt. „Aber nicht verwechseln mit dem SC Olching! Die spielen Bezirksliga, wir Kreisliga, aber heuer steigen wir auf, dann kommt’s zum Lokalderby!“ Phillip Lahm, Mehmet Scholl, das sind so die Typen, die er mag: offen, ehrlich und erdig. Und vor allem anders als seinerzeit Stefan Effenberg oder Lothar Matthäus. Über Franck Ribery, derzeitiger Mittelfeldstar der Bayern, sagt Seehaus: „mannschaftsdienlich, fair, ein Flitzer, aber manchmal fast schon unscheinbar. Ein echter Leistungsträger.“

Das mit dem Leistungsträger bringt ihn auf ein anderes Thema. „Aber des derf i ned sagen.“ Was denn nicht? „Das mit dem Zuzug. Deutschland ist kein Schlaraffenland für Schmarotzer. Ich weiß nicht, ob das jetzt druckreif ist, aber ich stehe dazu.“ Und dann schiebt er nach: „Also nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich weiß, dass wir den Wiederaufbau von München maßgeblich den Italienern und Türken zu verdanken haben. Die sollen auch ihr Leben und ihren Lebensabend hier verbringen dürfen.“ Denn fremdenfeindlich ist Thomas Seehaus höchstens gegenüber bestimmten Fremden. Da stößt die liberalitas bavariae an ihre Grenzen.

An diesem Mann zerschellt eben jedes München-Klischee. Er ist weder grantig noch exaltiert, weder Kosmopolit noch Provinzling, weder feinsinnig noch grobschlächtig. Er ist leidlich mit sich selbst zufrieden. Und selbstzufrieden. Nun ja, vielleicht gleicht er München doch.

Der legendäre Münchner Endloshimmel strahlt gerade nicht. Sondern nieselt vor sich hin. Thomas Seehaus sagt: „Mich freut’s, wenn’s regnet. Weil wenn’s mich nicht freuen tät, tät’s auch regnen.“

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