Zeitung Heute : Das Monster Schlamm

Das größte Krankenhaus in Banda Aceh versank in einer Welle aus Matsch. Wie die Bundeswehr hilft, die medizinische Versorgung wieder in Gang zu bringen

Moritz Kleine-Brockhoff[Banda Aceh]

Die Welle aus Matsch und Schrott kam von der Hauptstraße. Sie riss den Betonzaun ein, nahm sich den Vorplatz, drückte die Türen ein und spülte in alle ebenerdigen Räume, in den großen Pavillon, in die Krankenhausmoschee. Erst am Zaun hinter der Leichenhalle hatte das schwarzbraune Monster genug, doch sein Rückzug brachte noch mal Zerstörung. Banda Aceh hat drei große Krankenhäuser, aber ausgerechnet das wichtigste, das Abidin-Krankenhaus, hat es getroffen. Es war mit 400 Betten und 16 Fachrichtungen das größte in der Provinz. Niemand weiß genau, wie viele Angestellte und Patienten dabei starben. Von 911 Mitarbeitern sind 400 wieder aufgetaucht.

Zum Glück hielt der Beton, alle Häuser stehen. Aber immer noch liegt über allem der stinkende Matsch. Jedes Röntgengerät, jeder Bettbezug, jede Medikamentenpackung, jeder Aktenschrank ist nass und klebrig. Auf dem Vorplatz hängt die indonesische Flagge immer noch auf Halbmast, während das KSES, das Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanität, in Zelten ein Minikrankenhaus aufbaut. Deutschland hat 130 Soldatinnen und Soldaten entsandt, die meisten kommen aus Varel. „Das ist in Friesland!“, sagt eine Soldatin. Andere kommen aus Leer. „Das ist in Ostfriesland!“, sagt ein Soldat. Er quetscht eine Plastiktube aus, verreibt die Creme auf seinen Oberarmen. „Mückenschutz. Wegen Malaria“, sagt er, „wir haben alles imprägniert, selbst unsere Kleidung.“

Hupsignale, Rufe – die Deutschen laufen los, über den Parkplatz zur Einfahrt des Krankenhauses. Ein großer Laster der Bundeswehr rollt heran. Schnell werden die Klappen heruntergelassen, dann holt ein Gabelstapler die Paletten mit Mineralwasserflaschen, Holzkisten und dunkelgrünen Metallkästen. Der Gabelstapler setzt sie am Rande des Parkplatzes ab. Dort stehen schon Feldbetten, Generatoren, Benzinkanister, Stromkabel, Werkzeugkästen, Leitern und viele grüne Metallkästen. „Mikrobiologisches Wasseruntersuchungsset“, „Sauggerät Chirurgisch“ oder „Handwaschanlage“ steht in weißer Druckschrift auf den Kästen.

Insgesamt sollen 250 Tonnen Material nach Aceh geliefert werden. Die Bundeswehr hat dafür zehn Frachtflugzeuge gemietet – sieben Iljuschin und drei Antonow. Sie sind so groß, dass sogar die LKW mit Anhängern hineinpassen. Doch leider erhalten die Maschinen nicht immer Landeerlaubnis, die Flughäfen in der Krisenregion sind überlastet. Das Material aus Deutschland trudelt daher nur nach und nach ein. Erst an diesem Wochenende, knapp drei Wochen nach der Katastrophe, konnten die Bundeswehrärzte Patienten empfangen.

Dabei waren die Soldaten am 27. Dezember alarmiert worden, einen Tag nach der Flut. „Alle waren im Urlaub oder auf dem Sprung. Ich wollte in den Harz“, sagt Stabsunteroffizierin Nicole Przygodda. Tropenhitze statt Winterurlaub, die Bundeswehrsoldaten schlafen in Zelten auf dem Parkplatz oder im zweiten Stock des Hauptgebäudes, der trocken geblieben war. „Als ich kam, liefen hier zehn Menschen rum, die versuchten, zu begreifen, was passiert war. Sie waren kaum ansprechbar“, sagt Oberfeldarzt Thomas Harbaum. Er gehörte zum Erkundungstrupp, der sich das Abidin-Krankenhaus am 5. Januar zum ersten Mal anschaute. Harbaum ist gerade sehr zufrieden, er hat eine Einmannpackung vom Typ 1 erwischt. „Endlich! Ewig gab es nur Typ 3 mit dem vegetarischen Kram, Tofu und Gemüse. Jetzt ist endlich Fleisch da.“

In einem Gang des Krankenhauses liegen drei Dutzend Maschinengewehre auf Tischen. Indonesische Soldaten haben sie abgelegt, eine Sensation, das tun sie in Aceh sonst nie. Nun haben die Männer vom Bataillon 412 Spaten in den Händen. Sie schaufeln Matsch in rote Schubkarren. In den Behandlungsräumen und Pflegestationen arbeitet eine andere Armee, das Heer der indonesischen Freiwilligen, die zum Anpacken aus vielen Landesteilen gekommen sind. Sie verteilen Kleidung und Essen. Und sie packen den Müll, also alles, was früher Krankenhauseinrichtung war, auf Krankenbetten und rollen sie zum Vorplatz. Dort drückt ein Schaufelbagger den Schrott zusammen und schafft ihn auf die Ladefläche eines LKW.

Ein kleiner Teil des Krankenhauses ist schon gesäubert. Dort behandeln Ärzte aus Indonesien, Neuseeland, Singapur, Vietnam, Kambodscha und Belgien schon wieder Patienten. Rund 150 Verletzte kommen täglich in die Ambulanz, zwei Dutzend liegen stationär. Die meisten haben infizierte Fleischwunden oder Atemwegserkrankungen, manche auch Wundstarrkrampf. Auch die Australier, die einen wesentlich kürzeren Weg zurücklegen mussten als die Deutschen, sind mit 150 Soldaten da und operieren schon. Auf den Vorplatz haben sie Planen gelegt und vier Armeezelte aufgestellt. Der OP-Tisch ist ein Metallgestell, auf Tragen werden die Patienten herbeigebracht. Gerade wird ein Junge mit einer großen, infizierten Oberschenkelwunde unter Vollnarkose behandelt. „Wenn die Deutschen startklar sind, ist ihre Einrichtung viel besser als unsere“, sagt Oberst Bernard Hanrahan von der australischen Armee, „wir werden uns ergänzen, die Bundeswehr bekommt die schweren Fälle.“

Die Deutschen haben acht weiße Krankenzelte aufgebaut. Stabile Metallgestelle, doppelwandige Zeltplanen, auf dem Boden liegen Laminatplatten mit rutschfester Beschichtung. Wer rein will, muss die Schuhe ausziehen. „Unsere Station wird voll klimatisiert und in den beiden OP-Sälen ziemlich steril sein“, sagt Oberstarzt Christoph Wachter, der Kommandant des Aceh-Einsatzes. „Natürlich kommen wir für direkte Nothilfe zu spät. Aber wir können besser operieren und hinbekommen, was zuvor nur provisorisch oder gar nicht zu machen war.“ Wachter glaubt, dass es auch lange nach der Katastrophe noch großen Bedarf an Operationen geben werde. „Und jetzt, da unser Marineschiff ,Berlin’ da ist, sind wir noch besser aufgestellt. Da haben wir an Bord die aseptischsten Operationssäle weit und breit.“

Die „Berlin“ liegt seit Donnerstag vor Banda Aceh. 18600 Tonnen schwer, 174 Meter lang, 24 Meter breit, 230 Mann Besatzung – Deutschlands größtes Marineschiff kommt mit eigenem Krankenhaus, Hilfsgütern und zwei Helikoptern. An Bord kann Trinkwasser und Sauerstoff produziert werden. Die „Berlin“ ist vier Jahre alt, aber Linoleum- oder Teppichböden sind fleckenfrei, in Aufzügen blitzen Metallverkleidungen. Ins MERZ, in das Marine-Einsatz-Rettungs-Zentrum, so heißt das Minikrankenhaus, dürfen verschlammte Besucher aus Banda Aceh nur, wenn sie blaue Plastiktütchen über die Schuhe stülpen, in den OP-Bereich dürfen sie gar nicht. Auf den Pflegebetten strahlen schneeweiße Laken. „Wir sind hier, um Doktor Wachter und das Bundeswehr-Kontingent an Land mit allen Kräften zu unterstützen“, sagt Martin Klüver, Kapitän zur See, der das Kommando über das Schiff hat.

Jetzt lädt Klüver in die Offiziersmesse. Es gibt kühles Mineralwasser und Eistee mit Zitronengeschmack, auf den Tischen stehen Berlinfähnchen, ein Geweih an der Wand schafft ein wenig Schwarzwald-Atmosphäre. „Wir fahren jetzt erstmal vor der Küste auf und ab und loten Tiefen, bevor wir ankern“, sagt der zweite Kapitän Wolfgang Telschow, er traut fremden Seekarten nicht. Am Horn von Afrika waren er und seine Besatzung im Einsatz, im Rahmen der US-Operation „Enduring Freedom“. „Am 30. Dezember kam der Befehl, nach Aceh zu fahren. Unterwegs haben wir in Indien noch 140 Tonnen Hilfsgüter eingeladen.“ Zelte, Bastdecken zum Schlafen, 2000 Mahlzeiten ohne Schweinefleisch und Reissäcke. Ein Teil liegt in Containern an Deck, der Rest im riesigen Bauch des Schiffes.

20 Minuten später, Rückflug nach Banda Aceh. Der Hubschrauber surrt über den zerstörten Norden der Stadt. Auf dem Boden des Helikopters liegt ein weißer Pappkarton. „Schöne Grüße von See!! Und guten Hunger“, hat jemand darauf geschrieben. „Brot! Das hatten sich die Jungs an Land gewünscht“, sagt ein Soldat.

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