Zeitung Heute : Das muss nicht sein

Katastrophenforscher sind sich sicher: Viele Leben ließen sich retten – wenn besser vorgebeugt würde

Roland Knauer

Drei Wochen nach der Flutkatastrophe ist die Zahl der Toten in den elf betroffenen Ländern auf mehr als 162000 gestiegen. Was muss passieren, um Schäden durch solche Katastrophen künftig wirksam zu begrenzen?

Katastrophenforscher können Erdbeben oder extreme Stürme kaum verhindern. Wie sich Schäden aber vermindern und Menschenleben retten lassen, wissen sie dagegen recht gut. Istanbul wird zum Beispiel in den nächsten dreißig Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von sechzig Prozent von einem Beben der Stärke sieben oder mehr verwüstet werden.

Brian Tucker von der privaten Stiftung „Geo Hazard International“ im kalifornischen Palo Alto hat jüngst ausgerechnet, wie effektiv dann bestimmte Maßnahmen Schäden verringern können. Würden in den nächsten fünfzehn Jahren alle Neubauten in Istanbul die längst existierenden Bauvorschriften einhalten, würde ein starkes Beben ein Viertel weniger Todesopfer fordern als man zurzeit erwarten muss. Verbessert man die Versorgung der Kranken und berücksichtigt dabei auch die schwierige Situation nach einer Katastrophe, sollten zwanzig Prozent weniger Tote registriert werden. Und würde man nur die fünf Prozent der Gebäude mit dem schlechtesten Bauzustand in Istanbul sanieren, sollten fünfzehn Prozent weniger Todesopfer gezählt werden.

Setzt man dann auch noch Frühwarnsysteme ein, lassen sich weitere Menschenleben retten. Mexico City wird zum Beispiel typischerweise von Erdbeben getroffen, die in einiger Entfernung entstehen. Die ersten Wellen erreichen die zentralamerikanische Metropole daher erst neunzig Sekunden nach Beginn des Bebens. Registriert ein Vorwarnsystem ein solches Beben, bleibt für eine Automatik Zeit genug, U-Bahnen im nächsten Bahnhof zu stoppen oder den Druck in den Gasleitungen zu verringern. Kraftwerke können abgeschaltet und Brücken gesperrt werden.

In Deutschland berechnen Jochen Zschau vom Geoforschungszentrum in Potsdam und seine Mitarbeiter, wie Bauwerke in erdbebengefährdeten Regionen wie dem Oberrheintal, der Kölner Bucht oder der Schwäbischen Alb auf stärkere Erdstöße reagieren würden. Für Köln gibt es erste Ergebnisse, nach denen der Dom nach einem kräftigen Beben wohl stehen bliebe, während Brücken und Krankenhäuser wohl einstürzen würden. Solche Bauten könnten bei jetzt oder demnächst fälligen Reparaturarbeiten verstärkt und so erdbebensicherer gemacht werden.

Auch bei Wetterextremen wie schweren Stürmen ließen sich Menschenleben retten und Schäden vermeiden, wenn die Unwetter angekündigt und die Betroffenen gewarnt würden. Der frühere Chef der Abteilung Georisikoforschung bei der Münchener Rückversicherung, Gerhard Berz, erläutert solche Warnungen gern am Beispiel des Orkans Lothar, der am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 Südwestdeutschland verwüstete: „Die Toten gab es ja, weil die Leute ungewarnt oder aus Leichtsinn durch die Wälder gefahren sind und ihnen Bäume auf den Kopf gefallen sind. Wenn ich der Bevölkerung sage, es gibt einen Orkan, macht die Fensterläden auf der Wetterseite zu, räumt die Wäsche rein, vermeidet unnötige Fahrten, bringt das Auto in die Garage und lasst es nicht unter einem Baum stehen, dann kann man sehr viel Schaden verhüten.“

Schwieriger wird die Schadensminimierung bei „schleichenden Naturkatastrophen“, die den Betroffenen oft gar nicht als solche auffallen. Die extreme Hitzewelle im Sommer 2003 in West- und Mitteleuropa gehört zu diesen Ereignissen. Damals lagen die Temperaturen wochenlang etliche Grad über den üblichen Sommerwerten und überschritten in Südwestdeutschland vierzig Grad Celsius. Gerd Jendritzky vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg kalkuliert für Baden- Württemberg tausend zusätzliche Hitzetote im August 2003. In Europa dürften 22000 bis 35000 Menschen der Hitze zum Opfer gefallen sein. Die gleichzeitige Dürreperiode ließ eine Ernte im Wert von zehn Milliarden Euro vertrocknen.

Gesundheitliche Schwierigkeiten bekommen bei solcher Hitze vor allem ältere Menschen, weil ihr Körper auszutrocknen droht. Verliert doch der menschliche Körper statt 0,4 bis 0,6 Liter bei Hitze mehrere Liter Wasser pro Tag über die Haut. Alte Menschen nehmen Durst viel schlechter wahr als junge und füllen daher die fehlenden Liter nicht durch sofortiges Trinken wieder auf. Einmal ausgetrocknet macht bald der Kreislauf schlapp und die Körpertemperatur steigt. Beides erhöht das Todesrisiko. Gefährdet sind aber generell alle, die nicht so recht fit sind. Klärt man die Bevölkerung am Anfang einer solchen Hitzewelle über die Medien ausführlich darüber auf, wie sie sich verhalten sollten, könnte man die Zahl der Todesfälle wohl erheblich senken.

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