Zeitung Heute : Das Netz der lebenden Toten

Viele Websites werden nicht mehr aktualisiert. Ein Fall fürs Museum

Zum Weihnachtsgeschäft sollte es losgehen. Einprägsame Internetadressen wurden gesichert, eine Vertriebsstrategie entworfen. Denn die Macher von druckershop.de hatten erkannt: Der Markt der Zukunft ist das Internet. Auf der übersichtlich gestalteten Website kündigen sie an, das ganze Spektrum an Computerzubehör in ihrem Online-Shop abzudecken. Das war vor vier Jahren – seitdem ist auf dieser Website nichts passiert.

Seiten wie diese gibt es zuhauf. Täglich werden es mehr. In der Blütezeit des DotCom-Hypes sahen viele im Internet die Chance, sich zu präsentieren, hatten Träume, das große Geld zu verdienen. Von Geschäftsideen blieben oft nur Ruinen.

Wie viele solcher Geisterstädte im Netz existieren, weiß keiner. Websites funktionieren ohne menschliche Betreuung. Manch digitale Ladenzeile erweckt den Eindruck reger Geschäftstätigkeit. So bietet kunstversand.de 6000 Kunstwerke zum Kauf an – reichhaltig bebildert. Von der Startseite lachen die Geschäftsführer mit Wolfgang Clement. Erst die DM-Preise und die Bezeichnung Ministerpräsident lassen Besucher stutzig werden. Der Klick auf den „Warenkorb“ führt ins Nichts: 404 – Page not found.

Preise in D-Mark

Auch der Auftritt von germanyweb.com ist nie im Euroland angekommen. Die funktionstüchtige Seite ist nach wie vor online, verspricht potenziellen Kunden, GermanyWeb sei „der Partner für den Erfolg“. Ein Klick auf den Button „Leistungen“: die Preise werden in der guten alten Mark angegeben. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sich der Erfolg verabschiedet hat. Ähnlich erging es der Website wir-werben.de, die „Werbung für das neue Jahrtausend“ verspricht und im selben Atemzug verkündet, dass der Betrieb zum Dezember 2001 eingestellt wurde.

Oft wurde das Internet als Medium ohne Geschichte beschrieben. Sobald Angebote ersatzlos gelöscht werden, gibt es keinen Hinweis mehr, ob Websites jemals existiert haben. Um die Orientierung im Netz zu verbessern, wäre es durchaus sinnvoll, wenn alle gestorbenen Internetprojekte endgültig den Weg in die ewigen Jagdgründe antreten würden, anstatt als Untote auf der Datenautobahn herumzuirren. Wahrscheinlich ist es eine Frage der Zeit, bis im Netz ein virtuelles Museum eröffnet. Hier wäre dann genügend Raum, alle geplatzten Träume zu archivieren und für die Nachwelt zu erhalten.

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