Zeitung Heute : Das Nichts erkunden

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich kenne jemanden, M., der Daniel Küblböck nicht kennt. Costa Cordalis wahrscheinlich auch nicht, keine Ahnung, über Costa Cordalis haben wir noch gar nicht gesprochen. Neulich jedenfalls fragte mich M.: „Sag mal, ich habe im Spiegel was über einen Daniel Küblböck gelesen, das muss ja ein Widerling sein, oder?“

„Widerling, ich weiß nicht, ob’s das trifft“, antwortete ich, „der ist bestimmt recht dumm, aber er tut ja keinem was.“

„Und warum schreibt der Spiegel was über den?“

„Auch der Tagesspiegel und überhaupt alle schreiben was über den. Aber sie tun das nur aus Gründen der Kultur- und Medienkritik! Wie kann es sein, dass so ein Nichts wie der Küblböck plötzlich in allen Medien steht, das wollen doch alle wissen. Das beantworten die Medien, also steht der Küblböck in allen Medien.“

„Widerlich.“

M. zeigte sich vor allem aus Gründen der Zeitökonomie angewidert. Er hat ja besseres zu tun, als sich um ein Nichts zu kümmern, Bücher über den Westfälischen Frieden lesen zum Beispiel oder über den Hausmeier Pippin. Andererseits möchte er nicht außen vor stehen. M. will kein Sonderling sein, M. möchte mitreden, wenn es um Dinge geht, die seinen Zeitgenossen unter den Nägeln brennen.

In solchen Fällen fragt er gerne mich, und ich darf ihn immer fragen, was es Neues vom Westfälischen Frieden oder über die fränkischen Hausmeier gibt. Ich bin mir nicht sicher, wer von uns beiden das sinnvollere Wissen hat.

Hin und wieder habe ich versucht, M. die Harald-Schmidt-Show verständlich zu machen, damals, als es sie noch gab. Natürlich konnte M. nichts mit den Späßen anfangen, die Gutmeinende gerne als „kultur- und medienkritisch“ bezeichneten. Ich weiß nicht, ob Harald Schmidt mal was zum Hausmeier Pippin gesagt hat, ob er ihn als Playmobil-Figur durch ein Plastik-Franken geführt hat. Selbst dies wäre für M. befremdlich geblieben, denn Schmidts Bemerkungen hätten sich weniger ums Mediävistische gedreht (da würde M. jeden Spaß wertschätzen), Schmidt hätte vielleicht Parallelen zur Kür der „Superstars“ gezogen, und schon wären wir wieder beim Küblböck gewesen.

Zwei Mal habe ich mit M. gemeinsam die Schmidt-Show geguckt, einmal haben wir nach zehn Minuten ausgemacht, weil ich mit den Erklärungen nicht nachkam, und beim zweiten Mal (ohne Erklärungen) ist M. eingeschlafen. Beide Male fand ich selbst die Show ausgesprochen fad – sonst kam das, innerhalb der letzten zwei Jahre jedenfalls, eher selten vor.

Derzeit wiederholen sie auf Sat1 die angeblich besten Schmidt-Shows, sie sind gerade bei den ganz frühen – und was soll man sagen: Die sind ganz, ganz grässlich. Peinlich und bemüht und überhaupt doof. Man könnte zum M. werden. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Sendungen beinah so alt sind wie der Westfälische Frieden. Oder daran, dass es damals den Küblböck noch nicht gab?

Alte schlechte Schmidt-Shows montags-freitags 23.15 Uhr auf Sat 1.

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