Zeitung Heute : Das Ob ist kein Thema mehr

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Rita Süssmuth und Abgeordnete zum Holocaust-DenkmalMORITZ MÜLLER-WIRTHNoch ist der letzte der vier favorisierten Mahnmal-Entwürfe nicht öffentlich präsentiert worden, auch saß auf dem Podium kein Jury-Mitglied, und doch verließen viele Zuhörer die Galerie im Berliner Marstall mit dem sicheren Gefühl, zumindest einer Vorentscheidung teilhaftig geworden zu sein: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europa wird gebaut.Die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Rita Süssmuth, begleitet von den Abgeordneten Peter Conradi (SPD), Volker Beck (Bündnis 90 / Die Grünen), Ina Albowitz (FDP) und Gregor Gysi (PDS), stellte sich gemeinsam mit Berlins Kultursenator Peter Radunski und der Journalistin Lea Rosh (beide als Vertreter der Wettbewerbsauslober) unter Moderation von Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz einer weiteren öffentlichen "Mahnmal-Debatte". Und siehe da: soviel Einigkeit war selten.Die vielfach beklagte Endlosigkeit der Kontroverse um Für und Wider des geplanten Holocaust-Denkmals, sie scheint definitiv einzumünden in eine Entscheidung: Zumindest seitens der Politiker geht es nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie.Frau Süssmuth sähe eine erneute Ausschreibung als "Eingeständnis eines Scheiterns, gar eines Nichtwollens", Senator Radunski forderte "Mut, den Menschen eine Entscheidung vorzulegen".Gysi befand schlicht: "Kein Mahnmal, das geht auf keinen Fall", Lea Rosh prognostizierte für eine weitere Ausschreibung "keine neuen Ergebnisse".Der stimmgewaltigste Opponent, Akademie-Präsident György Konrád, der gegen ein Mahnmal-Monument plädiert, saß im Publikum - und schwieg.Und noch etwas wurde klar: Der Bundestag will und wird sich mit der Angelegenheit nicht befassen, nicht in einer Debatte, schon gar nicht durch eine Abstimmung.Die Zeit drängt, so scheint es.Das Parlament werde, so hieß es unisono, eine von anderer Seite bereits beschlossene Sache nicht nachträglich sanktionieren. Es wurden dann - weitgehend ohne neue Argumente und unter Einschluß des Publikums - altbekannte Fragen erörtert, wie jene nach dem Standort, nach der vermeintlichen Ausgrenzung nichtjüdischer Opfergruppen, nach den Möglichkeiten individueller und kollektiver Trauer, nach den Grenzen künstlerischer Umsetzung, nach möglicher Ergänzung der wortlosen Kunst durch Elemente von Sprache und Schrift, schließlich die Frage nach Deutungsmustern zukünftiger Generationen.Einigermaßen ratlas sah man das Podium angesichts der Frage, wie sich die Entwürfe mit staatlich-rituellen Trauerszenarien in Einklang bringen ließen.Das böse Wort von der "Kranzabwurfstelle", im Zusammenhang mit der Gestaltung der Neuen Wache eingeführt, sorgte für fraktionsübergreifende Betroffenheit.Die Damen und Herren Abgeordneten unterstrichen ungefragt ihre Empfindsamkeit.Peter Radunski erklärte schließlich die Formen des heutigen Staatsprotokolls "als schlicht nicht mehr zeitgemäß".Was also tun, wenn der Kanzler kommt, gar mit Gästen? Rita Süssmuth jedenfalls sieht das Mahnmal "nicht in erster Linie" als Ort staatlichen Gedenkens.Fest steht: Nur ein Entwurf gibt die Antwort auf die Frage unmißverständlich.Die drangvolle Enge der Blöcke von Serra und Eisenman läßt keine medienumschwebten kollektiven Gedenkveranstaltungen zu. 

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