Zeitung Heute : Das Phantom, das aus dem Dschungel kam

ANDREAS CONRAD

Warum sollte es Berlin besser ergehen als Wien? Zur Viennale 1993, als Terrence Malicks Filme, "Badlands" (1973) und "Days of Heaven" (1978) noch einmal gezeigt wurden, war die Regie-Legende zwar da, verneigte sich aber nur ein wenig und verschwand.Er wolle möglichst viel über dieses Land erfahren, nicht sich als "Kultregisseur" feiern lassen, verriet er einem Privilegierten.

So hält er es auch dieses Mal: Keine Interviews, keine Fotos, keine Pressekonferenz, sogar die Premierenfeier für "The Thin Red Line" unter Ausschluß der Öffentlichkeit.Angeblich wurde Malick in Cannes vor Jahrzehnten allzu heftig zusammengestaucht.Angekommen ist er in Berlin immerhin, Gerüchte deuten auf Besuche bei Freunden, ein ausgedehntes Kulturprogramm, Reisen zu Stätten der Klassik.Für die Presse aber bleibt Malick das Phantom, das aus dem Dschungel kam.

Dort auf dem Set in Queensland, Australien, ging es ähnlich zu.Die renommierte US-Filmillustrierte "Premiere" durfte eine Reporterin nebst Fotografin entsenden, Malick blieb tabu.So waren sie auf indirekte Annäherung verwiesen."Wie Jekyll und Hyde" erschien Malick einem der Produzenten, "wie ein Buddha" einer Präsidentin der Produktionsfirma.Ein Schauspieler fühlte sich an einen, der Blumen sammelt, erinnert, der Produktiondesigner wiederum sah in Malick einen Bildhauer, der in einem Stück Marmor die versteckte Form zu finden versucht.Eines ist allen gemeinsam: Sie haben vor Malick ungeheuren Respekt.

Nur zwei Filme begründeten seinen Ruhm.Der Absolvent des American Film Institute hatte zuvor in Harvard Philosophie studiert, war längere Zeit durch Deutschland gereist.Dabei soll er den Philosophen Martin Heidegger getroffen und dessen Werk "Vom Wesen des Grundes" ins Englische übersetzt haben.Nach "Badlands" verglich man ihn mit Orson Welles, nach "Days of Heaven" richtete ihm Paramount ein Konto mit einer Million Dollar ein, aus dem er sich bedienen konnte, wenn er nur den nächsten Film Paramount anbot.Dazu kam es nicht: Nach Cannes 1978 zog sich Malick zurück, und der einzige Film, von dem man weiß, dokumentierte 1989 eine seltene Konstellation von Venus und Mond.Oder Sonne und Mond, die Informationen widersprechen sich.

Schon in "Badlands" zeigte Malick ein Faible für unberührte Natur.Daran hat sich nichts geändert.Noch im heftigsten Schlachtgetümmel hieß es plötzlich "Cut, cut", berichten seine beiden, wie er nach Berlin gereisten, Darsteller Jim Caviezel und Will Wallace.Wieder hatte Malick einen seltenen Vogel entdeckt, orderte flugs eine Kameratema ab, um den Piepmatz beim Flöten zu filmen.Das machte der bloß einmal pro Stunde.Und auch daß ein anderes Vogelvieh partout nicht auch Wallaces Hand sitzen wollte, immer wieder hochhüpfte, schließlich zubiß, hat Malick nicht irritiert."Hold it, hold it", plötzlich scheint Malick selbst im Raum zu sitzen, Caviezel, perfekter Imitator und von Malick schwer beeindruckt ("eine Art Vaterfigur") hat seine Rolle übernommen, die hohe, zum Körper nicht recht passende Stimme, das bedächtige Lamentieren, "hold it ...just wait ...just another shot ..." Zum Piepen.Was brauchen wir da noch das Original.Wir haben Jim.

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