Zeitung Heute : Das Prinzip Wegschauen

Von nichts gewusst – ein Waffenhändler vor Gericht

Benno Stieber[Mannheim]

Es ist einer dieser Wortwechsel, die selbst Staatsanwalt Stephan Morweiser immer wieder für kurze Zeit sprachlos machen. Soeben hat er einen Bauplan in die Luft gehalten, auf dem jedes Kind eine Kanone erkennen würde. Aber der Angeklagte Bernd S., ein Maschinenbau-Ingenieur, schaut kaum hin und sagt: „Beim besten Willen, Herr Staatsanwalt, ich habe damals wirklich nicht gewusst, was das sein soll.“ Morweiser schüttelt bloß den Kopf und wirft sich in seinen Stuhl zurück.

Bernd S., 59 Jahre alt, gibt im Saal 4 des Mannheimer Landgerichts den Ahnungslosen. Fragen des Richters beantwortet er wortreich, verheddert sich dabei in Details, versucht, sich auf eine Opferrolle herauszureden. Dabei hat er längst gestanden. Bernd S. war in mindestens drei Fällen an Rüstungsgeschäften beteiligt. Er soll zum Beispiel zwischen 1997 und 2001 Bohrwerkzeug im Wert von 250000 Euro an den Irak vermittelt haben. Damit soll es möglich sein, Rohre für eine Riesenhaubitze zu bauen. Kaliber 209 Millimeter, über 50 Kilometer Reichweite.

Die Geschichte des mutmaßlichen Rüstungshändlers spielt nicht auf edlen Partys, nicht in exklusiven Badeorten. Die Geschäfte werden nicht vom Pool aus angebahnt, sondern im heimischen Wohnzimmer. Anfang der 60er Jahre flieht S. aus der DDR in den Westen, arbeitet zunächst als Ingenieur. Er macht eine Jeanshandlung auf, die geht in Konkurs. S. hinterzieht Steuern, hat beim Finanzamt vier Millionen Euro Schulden, wohnt wieder bei seiner Mutter in Pforzheim. Von hier aus versucht er, alle möglichen Geschäfte anzuleiern: Sonnenblumenkerne, Desinfektionsmittel. Offenbar immer auf der Suche nach dem großen Geld. Und nach Kontakten in den Nahen Osten.

1996 lernt S. in Amman den irakisch-stämmigen Geschäftsmann Sahib Al Haddad kennen. Der hat offenbar beste Kontakte zur Regierung in Bagdad. Al Haddad ist auf der Suche nach Importgütern, vor allem solchen, die vom Embargo betroffen sind. Zwei Jahre später trifft S. Al Haddad wieder, beide vereinbaren, künftig zusammenzuarbeiten. Bernd S. soll ihn mit deutschen Firmen zusammen bringen. So wird S. zum „Prototypen des dubiosen Geschäftsmannes“, wie der Staatsanwalt in seinem Plädoyer sagt, der mit allem, auch mit Rüstungsgütern handelt.

Auch Al Haddad ist in Haft, im November wurde er in Sofia festgenommen. Auf ihn scheint das Bild vom weltläufigen Waffenhändler eher zuzutreffen. Die Ermittler sagen, dass Al Haddad schon seit „eh und je im Geschäft ist“. Der Iraker mit US-Pass soll bis Anfang der 90er Jahre von einem Büro in Nashville, Tennessee aus Chemikalien zur Herstellung des Nervengases Sarin in sein Heimatland geliefert haben. Er scheint so etwas wie der Handels-Attaché des Todes für Saddam gewesen zu sein, und Bernd S. wurde offenbar zu seinem Handlanger.

Er hat die Haubitze auf dem Bauplan nicht erkannt, wohl, um doch noch etwas für sich herauszuholen vor Gericht. Ein Versuch. Andererseits: Nichts Genaues wissen zu wollen scheint die Grundlage zu sein für die Art von Geschäften, die Bernd S. betrieben hat. Selbst nach einer ersten Polizei-Durchsuchung machte er weiter wie zuvor. Am Mittwoch, dem letzten Verhandlungstag, sagt S., er habe keinen Anlass gesehen, sich um Genehmigungen zu kümmern. Er sei doch nur Vermittler gewesen. Wie naiv kann man sein, wenn man sich in solche Geschäfte verstrickt?

Wie naiv muss man sein? Der Staatsanwalt fordert für ein Dutzend Verstöße gegen das Außenwirtschaftsgesetz und einen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sechs Jahre Haft. Danach spricht S. noch einmal über Geschäfte, legale Geschäfte mit Pharmaprodukten, mit denen er sich eine Existenz aufbauen könnte, wenn das Gericht ein mildes Urteil fällt. Dann sagt er: „Bitte geben sie mir eine Chance.“ Am Freitag, beim Urteilsspruch, wird es sich erweisen.

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