Zeitung Heute : Das Privileg verdienen

Ein Blick in die gemeinsame Zukunft aus deutscher Sicht: Rudolf von Thadden

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1. Die privilegierte deutschfranzösische Partnerschaft, le couple franco-allemand, beruht auf zwei Grundannahmen. Zum einen versteht sie sich als Motor im Aufbauwerke Europas; zum anderen hat sie einen historischen Eigenwert, der die Brüsseler Unionsinteressen übersteigt. Das Konzept des Motors gewinnt seine Kraft aus der politischen Energie der beiden großen Nationen; der historische Eigenwert ist begründet in der säkularen Konfliktträchtigkeit und heutigen Versöhnungsfähigkeit der beiden Nachbarn.

2. Aus der doppelten Fundierung der deutsch-französischen Partnerschaft ergibt sich eine Spannung, die sowohl produktiv als auch gefährlich sein kann. Sie ist produktiv, wenn sie den Blick für die historischen Grundlagen der europäischen Gemeinschaft schärft; sie ist gefährlich, wenn sie zu zwiespältigem Verhalten in der internationalen Politik führt. So ist es für beide Partner abträglich, wenn europäische Hoffnungen geweckt werden, die nicht genügend Grundlagen in der Wirklichkeit des eigenen Landes haben, oder wenn nationale Interessen europäisch verbrämt werden.

3. Besonders folgenreich ist die Spannung zwischen europäischer und nationaler Orientierung im Bereich der Außenpolitik. Hier stellt gegenwärtig die Gefahr eines Irak-Krieges Deutsche und Franzosen vor eine schwerwiegende Entscheidung: Entweder nehmen sie eine gemeinsame Position gegenüber der amerikanischen Regierung ein und bereiten damit den Weg zu einer künftigen europäischen Außenpolitik. Oder sie bleiben auf ihren nationalstaatlich vorgezeichneten Bahnen und entprivilegieren die viel beschworene Partnerschaft zwischen ihren Ländern. Im ersten Fall müssten sich vor allem die Franzosen bewegen und der europäischen Solidarität den Vorzug vor einem Rollenspiel im Kreis der Großmächte geben. Im zweiten Fall müssten die Deutschen den Mut aufbringen, nationale Verantwortlichkeit ehrlicher bei ihrem Namen zu nennen und eigenständig zu handeln.

4. Auch im Rahmen der Europapolitik stehen wir an einem Scheideweg. Wenn wir die Privilegierung der deutsch-französischen Partnerschaft zu stark betonen, laufen wir Gefahr, die anderen europäischen Staaten auszugrenzen und das Projekt einer politischen Integration der Union zu schwächen. Wenn wir hingegen dem deutsch-französischen Verhältnis seine besonderen Weihen nehmen, verlieren wir den einzigen Magneten im europäischen Kräftefeld, der auch von den anderen Staaten – mangels Alternativen – akzeptiert wird. Ohne deutsch-französische Initiativen geht nichts voran.

5. Die deutsch-französische Partnerschaft hat ihre Bedeutung auch im Beziehungsgeflecht von Staat und Wirtschaft. Während Frankreich mit seiner ungebrochenen Staatstradition besser in der Lage ist, Gegengewichte gegen ausufernde Wirtschaftsinteressen zu bilden und den Primat der Politik zu wahren, hat Deutschland auf Grund seiner gebrochenen Staatstradition bessere Voraussetzungen, den wirtschaftlichen Kräften den notwendigen Raum zu ihrer Entfaltung zu geben. Umgekehrt heißt das: Die beiden Nachbarn zusammen können sich helfen, aus dem Bann des französischen Etatismus und dem des deutschen Ökonomismus herauszutreten. Sie können sie produktiv ergänzen.

6. Die deutsch-französische Partnerschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie nicht nur von zwischenstaatlichen, sondern auch von zwischengesellschaftlichen Beziehungen gespeist wird. Sie hat heute eine tragfähige Basis in den Zivilgesellschaften beider Länder. Während in Frankreich das Bürgerbewusstsein jedoch stärker in den Traditionen der Bürgernation verankert ist, findet es in Deutschland seinen Rückhalt mehr in lokalen und regionalen Bindungen. Entsprechend kann die zivilgesellschaftliche Diskussion in beiden Ländern durch den Austausch von Defiziterfahrungen gewinnen.

7. In der Konsequenz der gewachsenen zwischengesellschaftlichen Beziehungen ist ein Bedarf an Harmonisierung der Rechtssysteme der beiden Länder entstanden. Freilich stellt sich hier die Frage, ob es erfolgversprechend ist, auf eine deutsch-französische Annäherung als Ansatz für die Schaffung eines europäischen Rechtsraums zu setzen oder direkt eine Europäisierung des Rechtswesens in der ganzen Union anzustreben. Die deutsch-französische Partnerschaft kann hier ebenso hilfreich wie hilfsbedürftig sein.

8. Ein praktisches Bewährungsfeld haben die miteinander kommunizierenden Gesellschaften auf beiden Seiten des Rheins in der Bemühung um eine verträgliche Integration der eingewanderten Ausländer. Auch hier bietet die Verschiedenheit der Traditionen eine Chance für die Lösung von Problemen an: In Frankreich setzt man auf frühzeitig rechtliche Einbürgerung und hofft, dass die soziale folgt; in Deutschland zögert man mit der Verleihung des Staatsbürgerschaftrechts und glaubt, diese als Ergebnis sozialer Eingliederung realisieren zu können. In beiden Fällen kommt es zu Enttäuschungen und Regressionserscheinungen, die auf nationalstaatlicher Ebene allein nicht aufgefangen werden können.

9. Kaum eine andere Beziehung zwischen zwei Nationen ist so sehr auf Bildung angewiesen wie die deutsch-französische. Weil die Formen des Umgangs mit Lebenswirklichkeiten in den beiden Kulturen wesentlich verschieden sind, ist der Bedarf an Verständigung besonders groß. Ohne Kenntnis der jeweiligen Verhaltens- und Ausdrucksweisen sind Missverständnisse und Misshelligkeiten unvermeidlich. Wenn es jedoch gelingt, mit vermehrten Bildungsanstrengungen in der Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung die Voraussetzungen für ein besseres Verstehen so grundverschiedener Kulturen zu schaffen, dann werden auch die Möglichkeiten einer effektiven Zusammenarbeit in den europäischen Institutionen und Arbeitsfeldern der Wirtschaft ingesamt verbessert. Kommunikationsfähigkeit ist ein großes Kapitel im Aufbau Europas.

10. Die deutsch-französische Partnerschaft verdient es, privilegiert zu werden, wenn sie es schafft, einen gemeinsamen Nenner für die verschiedenen europäischen Zukunftsentwürfe zu finden. Sie wird dabei im Auge zu behalten haben, dass Europa sich sowohl gegenüber der globalisierten Welt behaupten als auch ein Zuhause für die vielen regionalen Lebenswelten bieten muss. Das deutsch-französische Tandem bewährt sich nur, wenn es dem doppelten Anspruch Europas genügt: Lebensort und Lebensart zu sichern.

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Rudolf von Thadden

ist Koordinator für die deutsch-französische Zusammenarbeit.

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