Zeitung Heute : Das Protokoll der Chefin

Sie hatte einen Plan: In Heiligendamm sollte aus der Bundeskanzlerin eine Staatenlenkerin werden. Der Plan ging auf. Wie Angela Merkel die G 8 nach ihrer Pfeife tanzen ließ

Robert Birnbaum[Heiligendamm]

Die Geste muss man sich vermutlich merken. Es ist eine Art beidhändiges Winken, kurz und knapp aus den Armgelenken heraus. Auf den Flughäfen benutzen die Platzeinweiser mit ihren gelben Kellen, die riesige Maschinen auf ihre Halteposition einwinken, eine weiter ausholende Variante dieser Bewegung. Um die großen acht zu dirigieren, reicht der kurze Wink. Los, Jungs, sagt die Geste, genug gelächelt fürs Familienfoto, wir müssen weitermachen. Dann hat sich Angela Merkel auch schon fast umgedreht, nimmt George Bush leicht beim Arm. Der hebt noch schnell die freie Hand zum lässig-präsidentialen Abschied in Richtung Kameras. Wladimir Putin zieht sein übliches „Ich hätt’ jetzt gerne eine schwarze Sonnenbrille auf“-Gesicht. Nicolas Sarkozy hat im Pressepulk jemanden entdeckt, den er kennt, und zwinkert bubenhaft hinüber. Shinzo Abe, der Japaner, guckt japanisch. Merkel nimmt Schritt auf Richtung Kurhotel Heiligendamm. Die acht Jungs, die die Welt regieren – sieben Regierungschefs und EU-Chef Jose Barroso –, schlendern übern grünen Rasen hinterdrein.

Die Geste muss man sich schon deshalb merken, weil sie inmitten der Flut der Fernsehbilder von diesem G-8-Gipfel – den bunten Demonstranten und den gepanzerten Polizisten und dem langen Zaun und den Küstenwachbooten auf der Ostsee – weil also inmitten all der Bilder diese kleine Geste vielleicht das Einzige ist, was im kollektiven Bilderbewusstsein vom politischen Kern dieses Treffens haften bleibt. Und weil solche Gesten ganz nebenbei auch helfen könnten, das kleine demoskopische Wunder zu erklären, das die Deutschen ihrer Kanzlerin seit Monaten bescheren. Am Tag, an dem sie nach Heiligendamm aufbrach, hat ihr der Regierungssprecher Ulrich Wilhelm erst wieder so eine kurze Meldung in die Pressemappe legen können: „Merkel in Polit-Umfrage mit bestem Wert in ihrer Amtszeit“ stand da, und dass mittlerweile 54 Prozent sie sofort wieder zu ihrer Kanzlerin wählen würden, darunter 39 Prozent der SPD-Anhänger. Die CDU/CSU landete in der gleichen Umfrage auf 36 hypothetischen Wahlprozenten. Auf diese Zahlen wird zurückzukommen sein.

Aber jetzt bleiben wir erst mal noch am sonnigen Ostseestrand. Das Treffen der Chefs der führenden Industrienationen ist seit langem in den Terminkalendern des Kanzleramts dick rot angestrichen gewesen als vorläufiger Höhepunkt eines Stücks mit der Arbeitsüberschrift „Angela, die Staatenlenkerin“.

So wichtig haben sie das Stück genommen, dass in den Tagen vorher, als sich die Gefahr abzeichnete, dass der Versuch zur Staatenlenkerei im Desaster enden könnte, ein internes Besprechungsprotokoll seinen Weg in den „Spiegel“ fand. Darin war nachzulesen, wie ernst sie in Merkels Umfeld diese Gefahr nahmen; außerdem, dass die Kanzlerin den Sänger Geldof gebeten hat, dem Sänger Grönemeyer auszurichten, dass die Bundesregierung ihre Entwicklungshilfe im nächsten Haushalt um 750 Millionen Euro aufstockt und dass er, Grönemeyer, jetzt nicht mehr dauernd davon reden soll, dass Angela ihr Wort für Afrika nicht halte. Diese Passage war insofern kontraproduktiv, als der Sänger Geldof sich neuerdings als Opfer politischer Machenschaften deutet und der Sänger Grönemeyer am Donnerstagabend beim Anti-G-8-Konzert in Rostock trotzdem „Angela-ha-ha, halt dein Wort!“ ins Mikrofon geröchelt hat. Aber das war Merkel zu dem Zeitpunkt schon wieder egal. Der Gipfel ist nicht gescheitert. Der Gipfel ist an diesem Abend im Gegenteil auf dem besten Wege, für sie zum ziemlichen Erfolg zu werden.

Darauf hat sie hart hingearbeitet, in der Sache, aber auch in der Darstellung, auf beiden Feldern mit Geschick. Den Weg zur Einigung in der Sache nachzuzeichnen, selbst wenn man sich auf das griffigste Thema Klimaschutz beschränken wollte, würde hier ein bisschen weit führen. Nur so viel dazu: Das Aushandeln weltpolitischer Gipfel-Erklärungen ist ein monate- und zuletzt nächtelanger Prozess, den normale Menschen nur als Wortklauberei missdeuten können. Der Unterschied zwischen Scheitern und Erfolg kann schon mal darin liegen, ob man sich bloß auf „Maßnahmen“ einigt oder auf „entschiedene Schritte“. So entsteht ein Text, in dem alles, was noch strittig ist, in eckigen Klammern steht. Die müssen am Ende die Chefs selber auflösen.

Das Auf und Ab der öffentlichen Darstellung ist da viel einfacher zu verstehen. Merkel hat sich von Anfang an auf das Thema „Klima“ als Schwerpunkt ihres halben Jahres als Doppel-Chefin der Europäischen Union und der G 8 festgelegt. Als Physikerin weiß sie, dass Klimaforscher ihre Horrorszenarien von versinkenden Küsten und Wüstenklima in Mittelitalien nicht bloß entwerfen, um Politiker zu ärgern. Als Umweltministerin hat sie das Kyoto-Protokoll mit ausgehandelt, jenes Abkommen, das den Klimawandel stoppen sollte. Ganz nebenbei waren die Dezembertage in Japan 1997 die erste prägende Lektion in Weltpolitik. Neulich hat Merkel noch mal die Geschichte erzählt, wie sich die Briten in Kyoto in letzter Minute in die Büsche schlugen, weil die Amerikaner sich nicht an feste Zielvorgaben binden wollten und für London die alte angelsächsische Waffenbrüderschaft wichtiger war als der Treibhauseffekt. Ein zweites Mal ist ihr das nicht passiert. Als Tony Blair am Donnerstag in Heiligendamm mit Bush frühstückt, vertritt er die Linie der Europäer, Merkels Linie. „Blair hat gekämpft“, heißt es anerkennend in der deutschen Delegation.

Der Schwerpunkt Klima hat allerdings immer auch eine innenpolitische Komponente gehabt. Im Kampf um die Themenhoheit zwischen den Berliner Koalitionspartnern hat die CDU-Ministerin Ursula von der Leyen der SPD das Thema Familie im Sturm entrissen. Den umtriebigen SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel zu neutralisieren und auch den SPD-Außenminister Frank Walter Steinmeier ein bisschen auf die bloße Arbeitsebene der Weltpolitik zu verweisen, hat die Chefin selbst übernommen. Gegen von der Leyen hat die SPD noch ihre gesamte Parteispitze inklusive Chef Kurt Beck vor die Kameras geschickt, um ihr Copyright auf moderne Familienpolitik zu retten. Gegen Klima-Angie hat diesen Montag nur noch der SPD-Parteivorstand ein Papier verabschiedet, das auch bloß Generalsekretär Heil vorgestellt hat. Beck ist dieser Tage in Ruanda und muss über sich in der Zeitung lesen, dass er da wenigstens nicht wieder versucht habe, weltpolitisch zu dilettieren wie unlängst mit Dialogangeboten an „gemäßigte Taliban“.

Die akute Formschwäche ihrer Konkurrenten daheim ist ein Teil des Geheimnisses hinter Merkels Erfolg. Dass ihr in der eigenen Partei im Moment keiner zu widersprechen wagt, der zweite. Sie kann sich da einiges erlauben, der Baden-Württemberger Günther Oettinger hat es erfahren müssen. „Gegen Angela Merkel war der Helmut Kohl ein laues Lüftchen“, hat ein CDU-Abgeordneter danach geklagt.

Und zu alledem kommt ein unwahrscheinliches Glück. Die Konjunktur brummt, die Arbeitslosenzahl sinkt, als Krönung ein George Bush, der sich eine Woche vor Merkels Gipfel selbst zum Klima-Bösewicht aufbaut. Merkels Berater haben nach dem Alleingang des Präsidenten besorgte Mienen gemacht. „Das ist der Fluch der guten Tat“, hat einer gemurmelt – nachdem die Deutschen die Europäer beim Berliner Gipfel auf eine überraschend harte Klimapolitik verpflichten konnten, liege die Latte der Erwartungen für Heiligendamm verflixt hoch. Merkel selbst hat sicherheitshalber die Latte gleich wieder so weit runtergeschraubt, dass sie es notfalls zum Erfolg hätte erklärten können, dass der Gipfel stattfand.

In Wahrheit hätte die Kanzlerin das Spiel aber nicht mal verlieren können, wenn Bush knallhart geblieben wäre. Gegen ihn im Kampf ums Weltklima erhobenen Hauptes zu unterliegen, reicht in der alten Welt immer noch zur Erhebung in den Adelsstand. Aber sie ist nicht unterlegen. Am Freitag wirft sich ihr die „Bild“-Zeitung zu Füßen: „Miss World!“

Das ist sie natürlich nicht. Aber hartnäckig, geschickt und eine Frau ist sie. Womit wir wieder bei den acht mächtigen Jungs wären und der Frage nach dem persönlichen Anteil der Angela Merkel am Erfolg. Am Donnerstagmittag sitzen sie alle um einen Tisch, jeder einen Jugendlichen aus seinem Land zur Seite. Parallel zu den G 8 hat eine J 8 getagt, die Mädchen und Jungen stellen ihre Wünsche an die Weltgewaltigen vor. Danach fragt Merkel in die Runde. „Wer möchte etwas dazu sagen?“ Die Herren gucken indifferent. „Eigentlich sollte immer einer von uns etwas dazu sagen“, erinnert die Gastgeberin. Meldet sich immer noch keiner. „Na gut, fang’ ich an“, sagt Merkel. Hinterher – es hat doch noch jeder aufgezeigt, außer Putin – bittet sie zum Gruppenfoto, „damit man den Altersunterschied auch gut sieht“. Die Kanzlerin lächelt ein wenig maliziös. Putin guckt weiter so, als ob er eine Sonnenbrille brauchen könnte. Bush wirkt plötzlich großväterlich.

Drinnen, in den vertraulichen Runden, muss die Atmosphäre oft ähnlich gewesen sein. Merkel ist immer schon Virtuosin des Gesprächs in kleinem Kreis gewesen, des Spiels mit den Fähig- wie den Eitelkeiten ihrer Gegenüber. Gerne erzählen deutsche Augen- und Ohrenzeugen die Geschichte vom Mittagessen Merkels mit Bush. Der Präsident hatte eingewilligt, seine eigene Klima-Initiative unter das Dach der Vereinten Nationen einzuordnen. Das war die niedrige Latte, über die Merkel ihn mindestens haben wollte. Da hat sie die Latte gleich ein bisschen höhergeschraubt: „Aber die Klammer-Zusätze streich’ ich nicht!“ – jene Passagen im Entwurf der Gipfel-Erklärung, in denen in eckigen Klammern zum Zeichen des Umstrittenen die Wünsche der Europäer standen. Am Ende bekommt Merkel nicht alles, was sie wollte. Aber sie hat mehr als das Minimum. Wobei sie in der deutschen Delegation wissen, dass Bush nur eingelenkt hat, weil auch in den USA der Wind gedreht hat und Klimaschutz vom Spinner- zum Sieger-Thema wird.

An dem Donnerstag, an dem seine Kanzlerin an der Ostsee den Durchbruch verkündet, gibt der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin einen Termin bekannt. Am 23. und 24. August werde sich das Bundeskabinett im Schlösschen Meseberg zur Klausur treffen, um gemeinsame Projekte bis zum Ende der Regierungsperiode 2009 zu besprechen. Dass Merkel aus dem strahlenden Licht der Weltpolitik zurückkommt, darauf warten sie bei den Sozialdemokraten schon lange. Und dass ihr Höhenflug ein unsanftes Ende im Dorngestrüpp der Binnenpolitik nehmen möge, darauf hoffen sie mit einem gewissen Ingrimm.

Es könnte nur sein, dass es bei der Hoffnung bleibt. Weltpolitik ist immer. Und damit angefangen, dieser Frau Merkel den ersten Job im Staat zuzutrauen, haben die Leute in den Umfragen schon viel früher. Das Zutrauen ist genau in der Zeit sogar am meisten gewachsen, in der Merkel fast unsichtbar war, keine großen Reden gehalten, keine großen Erfolge gefeiert hat. Sie ist einfach nur Kanzlerin gewesen. Es gibt Leute, die ihr raten, bis zur nächsten Wahl einfach so weiterzumachen, bis die CDU-Werte im Schlepptau der Merkel-Werte steigen.

Das ist vermutlich eine etwas simple Theorie. Politik ist eine Achterbahn. Vielleicht kommt aber trotzdem jener CDU-Spitzenpolitiker der Lösung des Rätsels am nächsten, der vor ein paar Wochen einen ganzen Abend lang „die Frau Merkel“ gesagt hat. Kurz nach Mitternacht wechselt er plötzlich den Titel. „Die Alte“, sagt der Mann, „die macht das schon gut.“ Das ist so die Art, in der Jungs ihre Hochachtung ausdrücken, wenn „Miss World“ gerade nicht zuhört.

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