Zeitung Heute : Das Rätsel von Bonn

GERD APPENZELLER

An dem Zaun, der das Bonner Kanzleramt abschirmt, muß Gerhard Schröder nun nicht mehr rütteln.Nach seiner Wahl zum Bundeskanzler stehen ihm ab heute die Tore zur Schaltzentrale der deutschen Politik weit offen.Den neuen Amtsitz an der Spree wird er als erster Regierungschef überhaupt beziehen können.Schröder, das hat er auf dem SPD-Parteitag am Sonntag ausdrücklich hervorgehoben, sieht sich in der Tradition seiner sozialdemokratischen Vorgänger Willy Brandt und Helmut Schmidt.Aber was heißt das in der Praxis? Der Name Brandt steht für eine Ostpolitik, die ein damals mutiger, fast schon wagemutiger Schritt aus der selbstauferlegten außenpolitischen Abkapselung der christdemokratisch geführten Regierungen Richtung Osten war.Helmut Schmidts Bild in der Öffentlichkeit wird immer verbunden bleiben mit dem Bild des selbstbewußten Steuermanns, der in der ersten Phase der politischen und ökonomischen Globalisierung für die Bundesrepublik den gleichberechtigten Platz neben den westlichen Industrienationen einforderte und erhielt.Wofür aber wird Gerhard Schröder eines Tages stehen?

Die Hoffnungen, die sich mit ihm verbinden, sind so groß wie die, die sich 1969 an Brandt festmachten.Damals freilich hatte die SPD schon drei Jahre als Juniorpartner der Großen Koalition mitregiert.Schröder hingegen führte die Sozialdemokraten jetzt aus einer ihnen fast selbst schon babylonisch anmutenden Gefangenschaft in der Opposition heraus.Seine Amtszeit wird, weil sie für den ersten totalen Regierungswechsel in der deutschen Nachkriegsgeschichte steht, auch deshalb mit erheblichem Erwartungsdruck beginnen.Diesmal hat ja nicht ein Koalitionspartner den geschmeidigen Übergang von der einen auf die nächste Regierung ermöglicht.Nein, diesmal ist alles neu, alles gleich unerfahren, alles gleich unbelastet.

Gerade weil der Wahlkampf so erstaunlich unpräzise in seinen thematischen Aussagen war, wächst jetzt die Spannung, was wohl werden wird.Die Demoskopen haben im Empfinden vieler Wähler eine Gerechtigkeitslücke ausgemacht, die den Umschwung weg von Kohl, hin zu Schröder letztlich ausgemacht habe.Wie will Schröder, wie will seine Regierung diese Lücke schließen? Noch sind weder Kanzler noch Kabinett vereidigt, da macht sich, weil die Neugier auf das, was da wohl kommen mag, so groß ist, schon Empörung breit.Das soll eine Steuerreform sein, wird gefragt? Werden etwa noch mehr Schulden gemacht? Was soll denn da die angekündigten neuen Arbeitsplätze bringen? Da fällt es schwer, zur Geduld zu raten, wenn denn die ersten Nachrichten aus dem Regierungslager so wenig verheißungsvoll klingen.

Gerhard Schröder hat in seinen Wahlveranstaltungen spüren lassen, daß er eigentlich keine ganz andere Politik machen will, aber alles viel besser.Er trifft damit vermutlich eine in der Bundesrepublik weit verbreitete Unlust an jeglicher Veränderung.Aber ohne Veränderung wird es nicht gehen und da liegt vielleicht Schröders größte Herausforderung.Als die wirklichen Reformer in seiner Regierung werden sich vermutlich die Bündnisgrünen erweisen.Große Teile seiner eigenen Partei, der SPD, und vor allem deren Vorsitzender Oskar Lafontaine, scheinen jedenfalls keinen politischen Kurs zu akzeptieren, bei dem staatliche Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft reduziert werden.Wird sich Schröder an diesem Konflikt zerreiben wie einst Helmut Schmidt? Wie stark ist der neue Kanzler der Bundesregierung weniger nach außen, sondern nach innen, in der eigenen Koalition, wenn es gilt, Reformfähigkeit auch zu erzwingen? Wahrscheinlich wird er zuerst daran gemessen werden.Setzt er sich hier nicht durch, ist er bereits gescheitert.

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