Zeitung Heute : Das Rettende

MONIKA ZIMMERMANN

Das Museum der Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof als weiteres geglücktes Beispiel einer öffentlich-privaten Kunst-Kooperation / Berlin als Standort prominenter Sammlungen gestärkt VON MONIKA ZIMMERMANN

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch".Diese Hölderlin-Zeile aus dem Gedicht "Patmos" beschreibt gut die Lage der gebeutelten Kultur in Berlin.Während seit Monaten von nichts anderem als Sparmaßnahmen und dem drohenden Verfall der öffentlich geförderten Institutionen die Rede ist, wächst das Rettende in Form von beeindruckenden Privatinititativen.Zumindest gibt es zum wiederholten Male Gelegenheit, positive Signale von Berlin aus in die Kunstwelt zu senden.Knapp zwei Monate nachdem die Sammlung Berggruen im Stülerbau gegenüber dem Charlottenburger Schloß eröffnet werden konnte, steht heute eine weitere Museumseröffnung an: Der aufwendig umgebaute Hamburger Bahnhof in der Invalidenstraße wird künftig als Ausstellungsort der Gegenwartskunst dienen und damit die Museumslandschaft um ein Haus für zeitgenössische Kunst bereichern. Kern der im Hamburger Bahnhof gezeigten Ausstellung ist die private Kunstsammlung des in Berlin lebenden Unternehmers Erich Marx.Daß Heinz Berggruen seine Bilder der klassischen Moderne nicht nach London oder Paris und Erich Marx seine zeitgenössischen Werke nicht nach Basel, Mönchengladbach oder Stuttgart gegeben hat, mag bei beiden - der eine zweiundachtzig-, der andere fünfundsiebzigjährig - mit sentimentalen Heimatgefühlen zu tun haben, entscheidend aber waren die Bedingungen, die Berlin beiden Privatsammlungen geboten hat.Daß das Geben (von öffentlichem Raum) für das Nehmen (von privaten Bildern) staatlicherseits großzügig und unbürokratisch war, ist erstaunlich genug, wo man doch sonst oft mit Kleingeistereien zu tun hat.Wenn man außerdem bedenkt, daß es darüberhinaus gelungen ist - quasi als Gegenveranstaltung zur renommierten Kölner Kunstmesse - das "European Art Forum" (das noch bis Sonntag in den Messehallen am Funkturm stattfindet) für Berlin zu gewinnen und damit praktisch eine neue Kunstmesse zu etablieren, kommt man nicht umhin festzustellen, daß die Stadt als Ort der Kunst gewonnen hat. Dies mag damit zusammenhängen, daß die bildende Kunst stärker als andere Kulturbereiche privaten Aktivitäten zugänglich ist.Denn ein Theater oder eine Oper ist weniger leicht privat zu betreiben als das Sammeln, das Handeln, das Ausstellen von Bildern.Dennoch: daß die vielbeschworene Public-Privat-Partnership hier wirklich funktioniert hat, bleibt in diesen kulturell eher düsteren Zeiten gewiß ein bemerkenswerter Lichtblick.Partner der Privatsammler sind in beiden Fällen das Land Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.Berggruen und Marx haben ihre Kunst - zunächst leihweise - hergegeben und dafür jeweils ein Museum bekommen.Das hat das Land im Fall Berggruen neun Millionen, im Fall Marx hundert Millionen Mark gekostet.Doch alle Seiten sind dabei auf ihre Kosten gekommen - nicht zuletzt die Öffentlichkeit, die jetzt in Berlin zwei auch architektonisch attraktive neue Museen bekommen hat. Trotz der Parallelen gibt es Unterschiede: Während Berggruen immer gesammelt hat, was ihm gefiel und eine zweifellos subjektive Auswahl hervorragender Meisterwerke zu bieten hat, hat Erich Marx immer so gesammelt wie dies auch öffentliche Museen tun: nämlich mit dem Ziel, zu einer möglichst repräsentativen Auswahl der Kunst einer Epoche zu kommen.Deshalb hat die Sammlung Berggruen nun ein eigenes kleines Haus, während die Sammlung Marx integriert in den Bestand der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird.Beide Formen haben ihre Berechtigung und - dies ist womöglich das beste Signal - ihre historischen Entsprechungen.Berlin, so scheint es, ist auf besten Wege, wieder das zu werden, was es einmal war: eine Stadt der Kunstsammlungen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben