Zeitung Heute : „Das richtet sich ganz klar gegen die Amerikaner“

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Russlands Ankündigung der Entwicklung neuer und wirkungsvollerer Atomwaffen löst Besorgnis aus. Worum geht es Putin dabei?

2002 hat die BushAdministration den ABM-Vertrag über nationale Raketenabwehrsysteme aufgekündigt. Im Gegenzug ist Russland aus dem Start-II-Vertrag ausgestiegen, der festlegte, dass es nur landgestützte Interkontinentalraketen mit einem Einfachsprengkopf geben darf. Seither bemüht sich Russland um Raketen mit Mehrfachsprengköpfen – landgestützte, seegestützte und als Marschflugkörper auf strategischen Bombenflugzeugen. Jetzt soll offenbar außerdem eine ganz neue Variante entwickelt werden, eine Interkontinentalrakete mit einer Nutzlast von vier Tonnen und mit bis zu zehn Sprengköpfen, die nicht nur extrem zielgenau sein soll, sondern deren Kurs im Flug noch verändert werden könnte.

Wäre das die Neuentwicklung, über die laut Putin kein anderer Staat verfügt?

Soviel ich weiß: ja. Der Vorteil dabei ist, da die Flugbahn sich noch ändern kann, wird es einer Raketenabwehr schwerer gemacht, sie zu erfassen. Die Amerikaner andererseits haben bisher die Notwendigkeit nicht gesehen, eine solche Rakete zu entwickeln, weil es bisher überhaupt nirgendwo ein funktionsfähiges Raketenabwehrsystem gibt.

Das heißt aber, die Bedrohung richtet sich schon gegen die Vereinigten Staaten?

Genau. Das richtet sich ganz klar gegen die Amerikaner. Das ist Teil der nuklearstrategischen Konkurrenz. Trotz der beschworenen strategischen Partnerschaft zwischen den USA und Russland, geht die Konkurrenz weiter. Verdeckt: Putin hat seine Ankündigung ja in keinen antiamerikanischen Kontext gestellt.

Wenn sie trotzdem eine antiamerikanische Spitze enthält – wie erklären Sie sich die zurückhaltende Reaktion der USA?

Erstens ist die fortbestehende nukleare Konkurrenz für die Amerikaner nichts Neues. Zweitens wollen sie das Verhältnis zu Russland nicht unnötig belasten. Drittens wäre es auch deshalb politisch nicht besonders opportun sich laut aufzuregen, weil die USA selbst ja auch auf den verschiedensten Gebieten an Weiterentwicklungen arbeiten, vor allem im Bereich der Raketenabwehr.

Täuscht der Eindruck eines verdeckten neuen Wettrüstens?

Das scheint mir zu hoch gegriffen zu sein. Es wird ja jetzt doch entscheidend darauf ankommen, wie viel Finanzmittel tatsächlich in den Bereich der Entwicklung nuklearer Systeme fließen werden. Das muss sich erst mal zeigen. Im ganzen russischen Verteidigungshaushalt für 2005 sind überhaupt nur fünf Milliarden Euro vorgesehen. Und seit seinem Amtsantritt gilt für Putin: Alles, was sich im Verteidigungsbereich tut, muss sich nach dem richten, was ökonomisch in Russland möglich ist. Und das ist eben nicht viel.

Welche Botschaft verbindet sich nach innen mit Putins Ankündigung?

Nun, die Budget- und Devisensituation Russlands hat sich zuletzt ein wenig gebessert. Dennoch ist nicht viel Geld in militärische Programme geflossen. Putin will den Militärs jetzt zeigen: Ihre Belange werden vom Präsidenten wahr- und ernst genommen. Ob mit der Ankündigung allerdings eine Grundsatzentscheidung verbunden ist über einen vorrangigen Ausbau der Nuklearstreitkräfte, das kann ich mir nicht vorstellen. Das ginge an den Erfordernissen der Transformation der russischen Streitkräfte vorbei. Mit Atomwaffen kann man den internationalen Terrorismus nicht bekämpfen. Das weiß Putin. Er wird einen Teufel tun, wirklich Riesensummen in die nuklearstrategische Komponente zu stecken.

Hannes Adomeit ist Russlandexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Michael Schmidt.

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